Von Dietrich Strothmann

Düsseldorf, Ende September

Als hätte sich nichts verändert: Das Wandgemälde vor der Tür zum Schwurgerichtssaal 111 – ein theatralisches Weltgericht – hängt immer noch da. Die Wachtmeister sind dieselben. Das christliche Kreuz aus buntem Mosaik, hinter dem Vorsitzenden Richter Günter Bogen, leuchtet in der Sonne auf. Eine Schulklasse sitzt in den hinteren Bänken. Drei ältere Damen haben ihre Stammplätze an dem Ende einer Reihe. Sie sind von der "Stillen Hilfe", bringen den beiden angeklagten Frauen in der Mittagspause das Essen, in Silberfolie eingepackt. Dieselben Richter, dieselben Ankläger, dieselben Verteidiger. Nur die Reihe der Angeklagten in diesem letzten großen NS-Prozeß hat sich, seit er vor bald fünf Jahren begann, gelichtet: Von damals 17 sind noch neun übriggeblieben (einer ist gestorben, drei sind verhandlungsunfähig, vier seit April 1979 freigesprochen). Und von diesen neun wird der eine oder andere damit rechnen können, ungeschoren davonzukommen. Ein langer – bisher der längste – Prozeß, ein schwieriger – an den Beweisschwierigkeiten gemessen bislang der schwierigste – Prozeß der Nachkriegszeit. Auch ein sinnloser, unnötiger Prozeß?

Die Schüler in der letzten Bankreihe gucken oft aus dem Fenster, manche flüstern, kichern auch mal. Der eine Verteidiger liest die Bild-Zeitung. Der eine Angeklagte löst ein Kreuzworträtsel. Es ist der 422. Verhandlungstag. Richter Bogen befragt einen der letzten Zeugen, den 55jährigen Diplom-Landwirt Stanislaw Chwiejezak aus Breslau. Für die meisten der übriggebliebenen Angeklagten ist es ein langweiliger, für Richter und Ankläger ein mühseliger, fast nutzloser Tag – einer von vielen, von viel zuvielen.

Denn so gewissenhaft Günter Bogen in den Zeugen dringt, sich genau an bestimmte Erlebnisse in Maidanek zu erinnern (er war damals 18 Jahre alt), so energisch er präzise Angaben von ihm verlangt (wann war das, wo war das, wer war das?), so freundlich er ihn ermahnt, Widersprüche zu seiner ersten Vernehmung In Warschau aufzuklären – ein Revisionsverfahren zu diesem Mammuttribunal, für das frühestens im Frühjahr 1981 die Urteile erwartet werden, und eine Wiederholung des Maidanek-Prozesses sind abzusehen. Und dann werden die Angeklagten und die Zeugen noch einige Jahre älter sein, wollen sich die einen, können sich die anderen noch weniger an damals erinnern.

Jetzt schon, schon an diesem 422. Verhandlungstag, bringt der Zeuge Chwiejezak die Staatsanwälte in Schwierigkeiten. Auf einmal erkennt er einige der Übeltäter in der vorgelegten Photoliste haargenau, genauer als während seiner früheren Aussage. Also liegt der Verdacht nahe, ihm wurden die Bilderalben vor seiner Reise nach Düsseldorf noch einmal gezeigt. Auf einmal schildert er einen Vorfall, den er in Maidanek selber beobachtet hatte, in einigen unwichtigen Details etwas anders als in seiner ersten Bekundung. Also können die Verteidiger der Angeklagten Laurich und Villain, die er schwer belastet, an der generellen Glaubwürdigkeit dieses Zeugen zweifeln.

Dieser Prozeß, der im ersten Jahr wegen des unwürdigen Verhaltens einiger, inzwischen ausgeschiedener Rechtsanwälte manchen polnischen und israelischen Überlebenszeugen zur Qual wurde, ist für jene, die das Verfahren führen, inzwischen zu einer oft unerträglichen Strapaze geworden. Und doch muß Recht gesprochen werden, weil Unrecht geschah, muß Schuld bestraft werden, weil Schuld nicht ohne ein Maß von Sühne bleiben darf – ein unvorstellbares Unrech: freilich und eine unmenschliche Schuld, die sich menschlichem Strafen entzieht: In Maidanek wurden mindestens 250 000 Menschen ermordet – vergast, erschossen, ertränkt, erschlagen, erhängt, Männer und Frauen, Greise und Kinder. Als die Sowjets das Lager am 22. Juli 1944 befreiter., fanden sie 820 000 Paar Schuhe, Lieferlisten über 730 Kilogramm Menschenhaar, Pässe von 26 Nationen.