Von Manfred Sack

Ihre imponierendste Eigenschaft ist ihr Mut, ein blindwütiger Mut: Hildegard Knef ist eine tollkühne Person. Hier ist nicht die Zähigkeit gemeint, mit der sie alle ihre Leiden ertragen hat, über die sie uns mit so viel Geschick und Eifer längst unterrichtet hat (und von denen auch demnächst in einem Musical mit dem Buchtitel vom Gaul gesungen werden wird), sondern von einer Art der Courage, die alle Einwände trotzig ignoriert.

Ihr Leidensstolz ist bedeutend, und so bleiben ihr manche Einsichten fremd. Sie singt auf eine phantastische Weise daneben, flächig und nuancenlos. Sie bewegt sich, von den Rhythmen animiert, tänzerisch wie eine gereifte Dame, die den Beweis schuldig zu sein glaubt, ganz toll von heute zu sein; sie rollt dabei, leicht gebückt, mit ihrem Podex und bringt den Schlitz im weißen wie im schwarzen Balmain-Kleid unermüdlich dazu, bis auf den Oberschenkel aufzuspringen. Und sie spricht und formt die Sprache wie jemand, der unbedingt endlich zum Theater will. Es sieht wahrhaftig so aus, als habe sie alle Berater zum Schweigen gebracht – oder als hätten alle Berater sie belogen. Auch die Bravorufe, die die Berliner ihrer Berlinerin so wahllos aufs Podium der Berliner Philharmonie geschleudert haben, gehörten zum trügerischen Bild dieses Schlagerabends, mit dem Hildegard Knef ein gewaltiges Unternehmen begann: eine "Welttournee", die zwei Jahre lang währen und sie noch um die ganze Erde führen soll.

Man hat immer wieder das irritierende Gefühl, ihre Mitstreiter und Mitverdiener hätten etwas gegen sie, als sie das Bühnenspektakel mit seinem Drum und Dran so entwarfen, wie es angeblich üblich ist. Es ist so überflüssig wie unpersönlich und besteht vor allem aus einer Stellage aus Metallstangen, an der an die vierzig Scheinwerfer hängen und zuckend ihr wahllos buntes Licht auf die Künstlerin hinabwerfen, rot und lila, orange, grün und blau: Es macht das (wie wir ja mehrmals von ihr selber erfahren haben) gestraffte Gesicht ganz bleich und flach. Das von ihr bevorzugte Make-up setzt in dieses schattenlose, fahle Gesicht dicke dunkle Balkenstriche um die Augen und beschwert die Lider mit demselben Schwarz so gnadenlos, daß die Pupillen in den Schatten untergehen: kein Blitzen zu sehen, kein ironischer Blick, kein listiges Zwinkern, kein Funkeln, keine Bewegung. Statt dessen nur ein neues Surrogat, das eher ablenkt als interpretiert: eine riesengroße Leinwand hinter der Künstlerin, die, wenn sie nicht Pusteblumen, Berge oder einen Schimmel (also: den Gaul) zeigt, nur immer wieder Hildegard Knef in all den Gesichterposen zeigt, wie sie die Werbeleute lieben.

Die Kapelle, sehr darauf bedacht, sich in den Zwischenspielen jazzig von ihrer Heldin frei- und wegzuspielen, ist auch sonst mehr mit sich selber als mit der Sängerin beschäftigt. Der Chef, den sie aufgedreht als "jenen Riesenzwerg, der mein Freund ist" vorstellt, begleitet einen Text wie den anderen, ohne vom Inhalt Notiz zu nehmen: Kein Lied, dessen Inhalt, dessen Charakter, dessen innere Bewegung durch die Art der Begleitung hervorgekehrt würde; es gibt, zum Beispiel, kein Duett zwischen Stimme und Gitarre, Stimme und Saxophon oder Klavier. Und niemals ändert sich der Klang: ein routiniertes Arrangement von jemandem, der entweder unmusikalisch oder ignorant ist oder begriffsstutzig. Zu allem Übel saß am akustischen Stellwerk im Saal, dem riesigen Steuerpult, ein Mensch mit mattem Gehirn und tauben Ohren und donnerte die Texte nieder. Es war vieles nicht zu verstehen.

Das alles beeinträchtigte Hildegard Knefs Hauptrolle als nimmermüde Botschafterin, Interpretin und Händlerin ihres Lebensschicksals, mit dem sie ihre Zuhörer verfolgt, in der ersten oder in der dritten Person. Sie "kam im tiefsten Winter zur Welt", "die Fehler (ihres) Lebens sind kilometerlang", der "Großvater hat sich umgebracht letzte Nacht", weil das junge Mädchen, loser gesittet, als dem alten Verwandten erträglich, mit einem Freund nebenan Dummheiten gemacht hat. Sie entrollt das ganze böse Elend der frühen Jahre im Krieg, mit "drei Wochen Fußmarsch", mit "Pflichten und Sorgen, mit Hunger und Bomben, und Suppen, wäßrigen Suppen, und Mutter, sie lachte fast nie": "Die Welt ist ein offenes Meer, und wir sind die Seelen."

Die Überzeugung, eine eigenwillige Chansontexterin zu sein, macht sie offensichtlich stark. Ihre Bilder lassen möglichst keinen Kraftakt aus. Darin fliegen "die Krähen der Angst" und dergleichen Fledermäuse. "Witze ... sind der Seele Brot", ein "leises Wort trifft dich wie ein Stein", das "Schiff Gewohnheit" verschwindet und strandet. Die Textdichterin reimt polternd Gaul auf Maul, feist und Geist oder verreist und vergreist, Tränen und Gähnen. Ihr Vokabular ist deftig; sie ist stets darauf gefaßt, "zu kämpfen, sich zu beugen", es "kichert und es kläfft". Sie jammert, daß das Lampenfieber sie jage, daß sie – in einem anderen Lied – "Lampenfieber im Gepäck" habe "und eine Stimme, die mir täglich grollt". Dazu kommen traurige Einsichten ("Schau sie an, einst war sie schön") und ewige Erfahrungen ("Sie konnte ohne ihn nicht mehr leben", es haben "zwei sich so viel zu sagen"), und ihre Wörterlieblinge heißen Trotz und Zorn.