Von Hanjo Kesting

Auch ihr Totenhemd betreffend schreckte sie keineswegs vor Zugeständnissen an die Mode zurück. Der glitzernde, durchlöcherte Stoff zeigte deutlich die, trotz der Kühlanlage mehr und mehr anlaufende, lappig auf den Knochen haftende Haut. In den offenen Augen unter der bis auf zwei Zotteln kahlen Schädeldecke hatte sich die Iris zwar zersetzt. Doch waren diese Augen bis zur Stirn mit farbigen Ornamenten umrahmt. Der ebenfalls offene Mund... war von einem Gesichtschirurgen offenbar in der mißglückten Absicht, die Miene hämisch wirken zu lassen, in die Breite gezogen worden. Tatsächlich hatte das Gesicht dadurch einen an Überrumpelung grenzend überraschten Ausdruck angenommen, den es nun wohl oder übel bis zum Zerfall beibehalten wird."

Es sind Erzählpassagen dieser Art, die Gisela Eisner in den sechziger Jahren den Ruf eingetragen haben, mit dem bösen Blick für das Bizarre, Skurrile, Monströse, für die grotesken Deformationen des bürgerlichen (bundesdeutschen) Alltags begabt zu sein, und es ist keine Relativierung, eher eine Bestätigung dieses Rufes, daß der böse Blick der Autorin auch vor der eigenen Person nicht haltmacht. Denn es ist ihr eigenes, minutiös geplantes und sorgfältig inszeniertes Leichenbegräbnis, das in der Erzählung "Die Auferstehung der Gisela Elsner" beschrieben wird, ein Leichenbegräbnis, mit dem sie, inzwischen siebenundneunzig Jahre alt, aber immer noch für einige Infamien und Geschmacklosigkeiten gut, "die letzte Gelegenheit förmlich beim Schöpfe packt, um ein öffentliches Ärgernis zu bieten".

Eine "Humoristin des Monströsen, das im Gewöhnlichen zum Vorschein kommt", hat Hans Magnus Enzensberger 1962 die damals noch unbekannte Autorin nach ihrem ersten literarischen Auftreten genannt; er fand damit die prägnante Formel, die seither stereotyp in fast allen Rezensionen zitiert wird und die der Verlag auch auf dem Rückumschlag des neuen Erzählungsbändes von Gisela Elsner abgedruckt hat –

Gisela Elsner: "Die Zerreißprobe", Erzählungen; Rowohlt Verlag, Reinbek, 1980; 268 S., 20,– DM.

Fraglich ist allerdings, ob Enzensbergers Formel heute noch stimmt. Denn die neuen Arbeiten Gisela Eisners weisen eher in eine andere Richtung und zeigen die Schriftstellerin auf einer neuen Stufe ihrer Entwicklung. Darum habe ich auch Zweifel, ob sie gut daran tat, ihre bereits 1970 entstandene und in der Anthologie "Vorletzte Worte – Schriftsteller schreiben ihren eigenen Nachruf" veröffentlichte Selbstbegräbnis-Groteske hier noch einmal zu publizieren.

Überhaupt hinterläßt der neue Erzählungsband einen etwas buntscheckigen Eindruck. Denn er enthält auch Texte, die kaum als Erzählungen durchgehen können, etwa eine Sozialreportage über Münchner Wärmestuben und das fiktive Antwortschreiben, von Kafkas Vater auf den berühmten Brief seines Sohnes; ferner Fragmente eines offenbar aufgegebenen Romans aus dem Industriellenmilieu ("Blumenauer", "Die Schattenspender"), sowie, ohne daß der Verlag es für nötig gehalten hätte, darauf hinzuweisen, vier von fünf Erzählungen, die schon 1973 in der AutorenEdition erschienen. Aber was Gisela Eisner erzählerisch an Neuem zu bieten hat, nämlich eine kurze und eine längere Erzählung, hätte wohl kaum den stattlichen Band füllen können, den der Verwertungsbetrieb alle zwei Jahre fordert, obwohl es andererseits gewichtig genug erscheint, um aufs neue das Interesse an dieser Schriftstellerin zu wirken. Denn sie präsentiert sich hier, wie gesagt, auf einer neuen Stufe der Entwicklung, die von der Groteske zur Gesellschaftssatire geht, einer – Entwicklung, die man gerade dieser Autorin, vielleicht weil ihr Bild so fest geprägt war, nur ungern zugestehen möchte.