Die Berliner haben, wie häufig beklagt wird, anhaltenden Ärger mit ihrer Polizei. Es werden immer wieder Fälle bekannt, in denen Polizisten sich zur Brutalität hinreißen lassen und unordentlich mit der Ordnung umgehen, für die sie doch eigentlich sorgen sollen. Es taucht nun auch ein Vorschlag wieder auf, der schon oft beiseite gestellt wurde: Wie, wenn die Beamten ein deutlich lesbares Namensschild an ihrer Uniform trügen? Man wüßte dann – besser, an wen man sich halten könnte.

Der Fraktionsgeschäftsführer der Berliner FDP, Bernd Löhning, deutete an, seine Partei habe eine solche Regelung in der Koalition bereits durchgesetzt. Doch sei sie von der SPD bisher verzögert worden.

Man kann sicher sein, daß die Polizisten selber nicht die geringste Neigung haben, aus ihrer Anonymität herauszutreten. Warum eigentlich? Warum soll der Wachtmeister immer nur nach meinem, ich nie nach seinem Namen fragen dürfen?

An manchen Schaltern kann man lesen: "Hier bedient Sie Inspektor Schmidt." Das ist nicht schlecht. Auf diese Weise kann Herr Schmidt sogleich als Freund und Helfer auftreten. Die Amtsbarriere ist beseitigt. Wohl kann man so viel, die eigene Eitelkeit verletzenden Humor nicht verlangen, daß auf dem Revers einer polizeilichen Uniform zu lesen stünde: "Hier verhaut, hier verprügelt Sie Polizeiwachtmeister Meyer!" Oder, "Ihre Strafanzeige liefert Wachtmeister Kruse!" Und doch, ich habe einmal gesehen, wie angesichts einer "Demo", einer chaotischen Demonstration, eine Hundertschaft Polizei, zur Phalanx aufgereiht, kühl und korrekt standhielt. Ja, mußten die jungen Männer sich denn bespucken und beschimpfen lassen? Sie hatten offensichtlich den Auftrag, sich nicht provozieren zu lassen und nicht einzuschreiten, und sie schritten auch nicht ein. Es hätte ihnen gut angestanden, wenn jeder von ihnen auch noch mit seinem Namen für das gute Verhalten gezeugt hätte, das sie an den Tag legten. Keiner hätte sich zu schämen brauchen, wenn man ihre Namen hätte lesen können.

In Wiesbaden gerie: ich einmal in eine Zusammenkunft amerikanischer. Offiziere. Dort trug jeder, vom Leutnant bis zum Vier-Sterne-General, sein Namensschild am Waffenrock, und das Treffen begann damit, daß sie einander lasen. Sie hießen Brown oder Kent oder Whistler, und niemandem fiel ein Zacken aus der Krone oder ein Stern vom Schulterstück.

Das Problem war und ist: Wie kann Macht auf eine menschliche Weise" ausgeübt werden? Und da ist es einmal so, daß Wachtmeister Meyer menschlicher wirkt als Polizeiinspektor Namenlos. Das hätten die Polizei-Propagandisten bedenken sollen, als sie den Slogan erfanden: "Die Polizei, Dein Freund und Helfer", der später so oft ironisiert wurde und an den augenblicklich in Berlin offensichtlich kein Mensch mehr glaubt.

In welchen Städten, in welchen Ländern die Polizeibeamten hoch im Ansehen oder in bösem Ruf stehen, scheint ein gutes Merkmal für das viel zitierte "Demokratie-Verständnis". Es ist nicht gut, daß der Berliner Schupo an der Spree weniger beliebt ist als der Bobby an der Themse oder der Flic an der Seine. Mir scheint: Die Schuld liegt an beiden Teilen: an der Polizei, aber auch am Publikum, wenn unsere Polizisten zu wenig oder gar nicht unsere Freunde und Helfer sind.