Von Volker Looman

Im Vordergrund sproß reichlich Grün. Die Wiese blühte gerade. Im Hintergrund leuchtete der blaue See, von schneebedeckten Alpengipfeln umrahmt. Eine Postkartenidylle, die sie "im Prinzip" genossen. Aber über das "Landschaftselement" zwischen Wiese und See fiel ihr Urteil hart aus: "Wie eine Orgie, die in Kalk und Beton zerfließt!" Die Ökologen konnten der Stadtlandschaft, die sich vor ihnen auftat, keine Reize abgewinnen. Sie waren nicht bereit, mildernde Umstände walten zu lassen. Graue, triste, tote Materie.

Gesprochen wurde dieses "Urteil" bei einem Lokaltermin vor einigen Jahren in Überlingen am Bodensee, als sich Kommunalpolitiker und Ökologen vor Ort bei der Diskussion über landschaftsgerechten Städtebau in die Haare gerieten.

Vor kurzem hatten in Berlin Politiker und Planer wieder einen Lokaltermin. Diesmal gerieten sie sich nicht in die Haare. Zwischen den Tagungen und Vorträgen des Zweiten europäischen Symposions über Stadtökologie besichtigten sie einträchtig, was zuvor unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten erörtert worden war.

Kongreß und Ausflug führten zu keinen neuen Erkenntnissen. Als Spiegel einer Wissenschaft zeigte das Treffen aber, wie groß die Klüfte zwischen naturwissenschaftlich betriebener Stadtökologie und ihrer Umsetzung in die Praxis sind: Hier "Elfenbeinturm" Wissenschaft, dort in Asphalt und Beton gegossene Wirklichkeit. Die Zusammensetzung der Themen verdeutlichte, wie schwerfällig die dringend notwendige Umorientierung unter Ökologen in Gang kommt, die Gestaltung unserer städtischen Umwelt endlich selbst in die Hand zu nehmen.

Der Berliner Stadtökologen-Kongreß nährt den Verdacht, daß hier seit Jahren vielfach am Bedarf vorbei geforscht wird. Die immer wieder aufflackernden Hoffnungen von Politik, Verwaltung und Gesellschaft, von Ökologen und Ökosystemforschern konkrete Hinweise über die Belastbarkeit und Empfehlungen zur Gestaltung städtischer Lebensräume zu erhalten, wurden bis heute nur mangelhaft und dürftig erfüllt.

Die deutschsprachige Ökosystemforschung ist teilweise immer noch damit beschäftigt, sich die Spuren eines jahrelangen Dornröschenschlafes aus den Augen zu reiben: Sie hat ihre Integrationschancen in die Stadtentwicklungsplanung Mitte der sechziger Jahre regelrecht verschlafen. Dies ist um so bedauerlicher, da ökologischnaturwissenschaftliche Forschungsdisziplinen bereits seit vielen Jahren eine Reihe gesicherter Grundlagenerkenntnisse vorweisen können, die ein verantwortungsvolles Planen und Handeln durchaus ermöglicht hätten. Doch die Aufarbeitung dieser Ergebnisse für die Stadtplanung und ihre systematische Vertiefung setzte erst Mitte der siebziger Jahre ein. Damals waren die entscheidenden Weichen der bundesdeutschen Raumordnungs- und Städtebaupolitik freilich schon gestellt, konnte allenfalls das Tempo der Fahrt ins städtebauliche Verderben noch gedrosselt werden.