Von Joachim Nawrocki

Berlin, im September

Die DDR hat demonstriert, daß sie von polnischen Zuständen wenig hält. Die Streikaktionen auf dem West-Berliner Bahngelände, für das die DDR-Reichsbahn die Betriebsrechte hat, wurden von Ost-Berlin nur als das Werk von Provokateuren und Terroristen gewertet. Verhandlungen in diesem Arbeitskampf gab es nicht. Und nach einer Woche Streik räumten DDR-Bahnpolizisten, bewaffnet mit Äxten und Brechstangen, die besetzten Stellwerke. Die Reichsbahner wichen zurück, Gewalt wollten sie nicht anwenden.

"Wir sind doch keine Kriminellen", sagt ein Streikender und empört sich, daß alle Forderungen und Appelle der Streikenden unbeantwortet blieben. Von der Reichsbahndirektion hatten die Streikenden bald nichts anderes mehr erwartet, aber daß sich auch der Berliner Senat als "falschen Adressaten" bezeichnete, erbittert die Bahnangestellten. "Da muß doch wenigstens jemand kommen und uns die Rechtslage erklären." Aber gekommen sind nur Ost-Berliner Bahnpolizisten, um die Streikenden zu verjagen, und West-Berliner Polizeibeamte, um Gewaltaktionen zu verhindern. Kein Politiker und kein DGB-Funktionär ließ sich blicken.

Noch stehen in großen Lettern am Containerbahnhof im West-Berliner Bezirk Moabit die Worte "Wir streiken", und an den S-Bahn-Schaltern auf den West-Berliner Bahnhöfen hängen Schilder mit unbeholfener Kreideschrift: "Auf unbestimmte Zeit kein Zugverkehr". Die S-Bahn, ein bei den Berlinern seit langem nicht mehr besonders beliebtes Transportmittel, liegt seit Tagen still; die täglich etwa 70 000 bis 100 000 Fahrgäste konnten auf die gut funktionierenden Bus- und U-Bahn-Linien der West-Berliner BVG ausweichen. Auch der Güterverkehr aus der DDR und aus Westdeutschland war blockiert. Doch am Dienstag löste sich die Streikleitung auf.

Bei den Streikenden, die ihre Zentrale im Containerbahnhof hatten, wechselte die Stimmung von Tag zu Tag. Die Zuversicht, daß ihr Arbeitgeber, die Reichsbahn der DDR, ihre Forderungen erfüllen werde, schwand schnell. Die einzige Reaktion der Reichsbahndirektion in Ost-Berlin waren mündlich ausgesprochene Entlassungen. Nach zeitweiliger Resignation machten sich am Ende der ersten Streikwoche Trotz und Selbstbewußtsein der Ausständischen bemerkbar. Nun seien auch sie nicht mehr bereit, mit der Reichsbahn zu verhandeln, erklärte das Streikkomitee; man wolle auch in Zukunft nicht mehr unter der Regie der Reichsbahn arbeiten. Der Senat und die Alliierten wurden aufgefordert, mit der DDR um die Übernahme des in West-Berlin gelegenen Reichsbahnbetriebes zu verhandeln. Der Senat jedoch meinte, die Streikenden verlangten Unmögliches.

Eine Woche lang hatten die streikenden Reichsbahner die Betriebsrechte an sich genommen. Obwohl nur rund 500 von etwa 3700 in West-Berlin beschäftigten Reichsbahnern aktiv streikten – sie rechneten freilich mit etwa 2000 Sympathisanten –, hatten sie zeitweilig alle strategischen Punkte in der Hand; Stellwerke und Bahnhöfe waren besetzt. Das Streikkomitee entschied, wo etwas ging und wo nicht. Darüber wurde demokratisch abgestimmt. Es gab also keinen Totalstreik. Güterwagen mit verderblicher Ware durften entladen werden. Die Überlegung, auch die regelmäßig fahrenden Züge der westalliierten Garnison nicht mehr fahren zu lassen, wurde mit Mehrheit verworfen.