Von Hermann Steinthal

Das Wort "Wozu?" fragt nach vielerlei: nach Nutzen, nach Zweck, nach Sinn und nach Wert. Wenn wir so das Mißverständhaben, beiseitegetan haben, es gehe nur um Nutzen, können wir uns jetzt zunächst. über den Nutzen-, des Lateins verständigen. Eigentümlich ist ihm, daß es direkt so gut wie nichts nützt, indirekt aber viel. Wer nun hämisch denkt: Also ist es doch unnütz, der versteht den Begriff Nutzen, nicht. Nutzen betrifft erstens nicht nur das derb Reals, als ob sich der Nutzen von Schulbildung in Monatsgehältern ausdrücken ließe. Zweitens: Nutzen. erstreben und wirtschaftlich, disponieren heißt nicht, immer möglichst direkt einheimsen wie Hans im Glück, und ebensowenig heißt es, mit Ausgaben möglichst ängstlich und sparsam sein. Sondern es heißt: Mit den Aufwendungen, die man leisten kann und zu rechter Zeit leistet, möglichst großen und dauerhaften Nutzen erzielen.

Mit dem Latein gewinnt man ein fundamentales und universal nutzbares Wissen und Können. Latein als "Muttersprache" nicht nur der romanischen Sprachen, sondern in weiten Teilen auch des Englischen und der modernen Wissenschaftssprachen, gewährt freieren Zugang zu den Lebens- und Weltbereichen, wo diese Sprachen nutzbringend verwendet werden. Besonders groß sind die Chancen, wenn man Latein früh, möglichst als erste Fremdsprache lernt. Zwar kann man oft beobachten, daß die bewußtere und distanziertere Sprachhaltung, die ein Schüler mit dem Latein erwirbt, ihn nachher beim Lernen des Englischen weniger unmittelbar und naiv mit der Sprache agieren läßt; aber dieser Nachteil ist in einiger Zeit kompensierbar und wiegt bei weitem nicht den damit verbundenen Vorteil auf: Im Wortschatz und in den grammatischen Struktur ren des Lateins erlebt der Schüler, daß die Welt der Muttersprache und die in ihr angelegten Denk- und Ausdrucksschemata nicht identisch sind mit Welt und Denken überhaupt. Es wäre naiv, die Welt "vorurteilsfrei" erfassen zu wollen. Was man erreichen kann, ist, die mit der Muttersprache vorgegebenen Vorurteile als solche zu begreifen. Dabei lernt man zugleich die Welt und die Muttersprache genauer kennen.

Es geht direkt das Denken an

Ein Beispiel: Es braucht viel Zeit, viel Geschick beim Lehrer und viel nachhaltige Intelligenz beim Schüler, bis er durchschaut, daß lateinische Konjunktionen, wie etwa ut oder cum, weder etwas real Gegebenes bezeichnen, noch das Gemeinte so speziell ausdrücken, wie es unserem von der Muttersprache geprägten Denken entspricht. Deshalb muß man zum Beispiel cum je nach Zusammenhang entweder mit "weil" oder mit "obwohl" übersetzen, also genau gegensätzlich. Der Schüler muß trennen lernen zwischen der Realität, die hinter der Sprache steht, dem Ausdruck, wie er in der Sprache vorliegt, und dem Gemeinten, das aus diesem Ausdruck zu entnehmen ist (und das er, der Schüler, dann beim Obersetzen in deutschen Ausdrücken formulieren muß).

Im Prinzip ist das beim Erlernen jeder Fremdsprache so. Nur ist die Distanz zwischen dem Deutschen und den modernen Schulsprachen relativ gering, so daß diese Umsetzungsvorgänge weitgehend unbewußt erledigt werden können oder höchstens auf wenige handliche Regeln gebracht werden müssen. Beim Latein muß wegen der weiteren Distanz mehr Aufwand an Begrifflichkeit getrieben werden, aber eben deswegen ist der in Aussicht stehende Nutzen so fundamental und universal. Er geht direkt das Denken an: Dieses zentrale Organ menschlicher Welterfassung wird geklärt und bereichert.

Nun haben wir bisher die lateinische Sprache nur als Ausdrucksinstrument und Medium des Denkens betrachtet. Auch ihre Inhalte sind aber nützlich, und auch sie sind es in fundamentaler und universaler Weise; fundamental, weil Uns im Latein unsere geschichtlichen Ursprünge tradiert sind; universal, weil wir es dabei nicht nur mit dem Ganzen einer hochstehenden Kultur zu tun haben (das hat man in jeder bedeutenden Literatur), sondern weil uns – dies ist das Einzigartige am Latein – diese Kultur zusammen mit ihrer über zweitausendjährigen ununterbrochenen Weiterwirkung und Weiterentwicklung vorliegt. Lateinisch haben ja nicht nur die Dichter, Politiker, Historiker und Philosophen des antiken Rom, also etwa bis zu Christi Geburt, geschrieben, sondern ebenso die Mediziner und Juristen späterer Zeit wie Celsus oder Gaius, die großen christlichen Theologen wie Augustinus und Thomas von Aquin, die namenlosen Vagantendichter des Mittelalters, die philosophischen und wissenschaftlichen Väter der Neuzeit wie Cusanus, Erasmus, Cartesius, Spinoza und viele andere. Wir fangen heute erst an, die Fülle dieser Tradition auch für den Lateinunterricht wieder zu nutzen. Naturlich kann ein Lateinschüler das nicht alles lesen. Aber wer Latein lernt, kann einiges davon kennenlernen, und jedenfalls hat er prinzipiell Zugang dazu, und das ist von Nutzen für ein gegründetes Urteil über unsere heutige Welt.