Eine junge Frau kommt vom Einkaufen zurück. Als sie aus dem Bus steigt, kippt ihr vollbeladener Einkaufswagen um; Tüten fallen auf die Straße. Die Frau ist nervös, hektisch, fast hysterisch. Im Foyer des Appartementhauses, in dem sie wohnt, lungert ein Mann herum. Die junge Frau betritt ihre Wohnung; dort wartet ihre Familie auf sie: der Ehemann, die beiden Kinder, ihre Mutter. Vor irgend, etwas hat die Familie furchtbare Angst. Alle schreien sich an, die Kinder weinen; alle rennen durcheinander, man versucht, die Koffer zu packen. Aus dem Crescendo. von gegeneinander gebrüllten Sätzen erfährt man allmählich, was man als Zuschauer zum Verständnis der Situation, braucht: daß der Mann einer Gangsterbande die Geschäftsbücher geführt hat, daß er etwas von dem eigentlich nur zu verbuchenden Geld für sich abgezweigt hat, daß er zudem auch noch Kontakte hatte zum FBI und zur CIA. Der Mann unten im Foyer gehört zu den Killern der Bande, er wartet nur noch auf die anderen. Der Mann, der den Koffer mit den Waffen bringt, hatte das Haus nicht gleich gefunden und sich verfahren.

Oben, in der Wohnung, steigert sich die Hektik zur Panik; da klingelt es an der Tür: draußensteht steht Gloria, Nachbarin; sie will sich Kaffee borgen. Und während die Killer schon die Treppe hochkommen, übergibt ihr die Mutter den Sechsjährigen Phil, sie soll auf ihn aufpassen; und dem sechsjährigen Phil hat sein Vater ein Buch übergeben, in dem sind alle Transaktionen der Bande festgehalten: Der Junge solle gut auf das Buch aufpassen, darin stünde alles, was er, der Vater, vom Leben wisse. Kaum ist Gloria mit dem widerstrebenden Lümmel in ihrer Wohnung, da hört man Schüsse. So hat sie nun einen Sechsjährigen, und der hat niemanden außer ihr. Gloria mag keine Kinder.

Gloria ist Gena Rowlands. Als man sie zum erstenmal sieht, da trägt sie über einem silberfarbenen Hausanzug einen Trenchcoat. "Gloria" ist auch ein Gangsterfilm.

Es ist der zehnte Film von John Cassavetes; der dritte für eine major Company. Und der sechste, in dem seine Ehefrau Gena Rowlands die Hauptrolle spielt.

Gena Rowlands ist ein Star – in dem Sinn, wie Siegfried Kracauer ihn im Unterschied zum Schauspieler, der die unterschiedlichen Rollen unterschiedlich, spiele, definiert: "Wie bei jeder der Realität entnommenen Figur auf der Leinwand weist sein Auftreten in einem Film über den Film hinaus. Er wirkt auf das Publikum nicht nur, weil ihm diese oder jene Rolle besonders liegt, sondern weil er eine spezielle Art von Person ist oder zu sein scheint – eine Person, die unabhängig von jeder von ihm gespielten Rolle außerhalb des Kinos in einer Welt existiert... Humphrey Bogart mochte einen Matrosen, einen Privatdetektiv oder den Besitzer eines Nachtlokals spielen, er war in allen seinen Verkörperungen stets unverkennbar Humphrey Bogart."

Mochte Gena Rowlands eine von ihrem Mann neurotisierte Ehefrau spielen ("Eine Frau unter Einfluß", 1975) oder eine Schauspielerin im Premierenfieber ("Opening Night", 1977): jenseits der von Rolle zu Rolle verschieden, sehr präzisen Gesten gibt es eine Dimension von schauspielerischer Präsenz, ein charakteristisches Arsenal von Gesten und Verhaltensformen, die Gena Rowlands zum Star machen, einer Person, die "außerhalb des Kinos in einer Welt existiert": wie sie ihre Haare zurückstreicht, wenn sie ihr, wieder einmal, über die Augen, gefallen sind; wie sie, beim Nachdenken, den Mund verzieht; wie sie, mit den Händen redet, den Daumen weit abgespreizt; wie sie, kraftvoll, nicht graziös, sondern elegant, geht; wie sie, ihrem jeweiligen Gesprächspartner schon den Rücken zugewandt, noch einen letzten Satz sagt im Weggehen und dabei den einen Arm über die Schulter zurückwirft.

Nie trennt sie sich, in diesem Film, von ihrer grauen Schultertasche; auch im Badezimmer nicht, im Morgenmantel. Darin trägt sie eine Pistole. Durch, die Art, wie sie die, wenn es die Situation erfordert – oft also in diesem Film – in die Hand nimmt, durch die Art, wie sie die auf ihre jeweiligen Gegner richtet, nicht spielerisch, sondern energisch, nicht. kühl, sondern konzentriert bis zur Hektik: mit dieser Geste allein gibt Gena Rowlands der Figur, die sie spielt, eine Geschichte, wortlos. Nur einmal, im Gespräch kurz vor ihrem Tod mit ihrem ehemaligen Geliebten, der jetzt ihr Gegner ist, da sagt sie: "Ich war immer nur eine, die man kennt." Mehr ist nicht nötig, an Worten, denn "Gloria" ist ein Gangsterfilm.