Heinz Günther, der sich Konsalik nennt, fing als Zehnjähriger zu schreiben an und hat seither nicht aufgehört. Seit dem „Arzt von Stalingrad“ (1956) gerinnt ihm jede Zeile zum Erfolg. Über 40 Millionen haben seine Bücher gekauft. Einen Verlag besitzt er inzwischen selbst: Der Autor ist sein eigener Produzent

Von Helmut Schödel

I. Wer hoch steigt, fällt tief

Hermann Schreibert ist ein Glücksmensch. Die Entwürfe aus seinem Düsseldorfer Mode-Atelier haben sogar in Paris Erfolg. Madeleine Sache, seine Geliebte, ist zugleich sein Starmannequin. In Paris, wo er mit großen Modehäusern Verträge hat, macht ihm die Tochter einer russischen Großfürstin für hundert Francs das Leben süß. „Bevor es losgeht, singt sie die ,Wolgaschlepper‘... und hinterher die ‚Abendglocken‘.“ In Düsseldorf sagt man über den Couturier mit der Villa in der feudalsten Gegend der Stadt: „Was er anfaßt – alles muß ihm gelingen.“ Beneidenswerter Herr Schreibert.

Raketenbeschuß, Maschinengewehrfeuer, russische Panzer. Am 21. Januar 1945 rannten fünf Männer um ihr Leben. „Um sie herum schlugen heulend die Raketengeschosse der Stalinorgeln ein, wirbelte der Boden zu schmutziggrauen Fontänen auf, zirpten die Kugeln überschwerer Maschinengewehre an ihren schweißnassen, in Angst und Entsetzen verzerrten Gesichtern vorbei.“ Die fünf entkamen und schworen sich ewige Freundschaft: „aus der Hölle Entronnene“. Einer von ihnen war Hermann Schreibern Per aspera ad astra.

Hummercocktail, Wildpastete, Sekt. In seiner Villa gibt der Düsseldorfer Architekt Toni Huilsmann eine Party: jour fix der fünf Unzertrennlichen. Zum Nachtisch laden sie sich bei jedem Treffen Mädchen ein. Doch auch die blonde Lola und ihre Kolleginnen sind bald keine Attraktion mehr. Die Nachtischüberraschung der Neureichenparty heißt: LSD. Während einer Rauschgiftorgie erwürgt Hermann Schreibert seinen Freund Richard Erlanger. Dann fährt Schreibert gegen einen Baum und zerstört sein Gesicht. Schreiben: „Uns hat das Geld verrückt gemacht.“ Wer hoch steigt, fällt tief.

In Nürnberg trifft sich zu einem großen Fest mit Aufmärschen, Schießbuden und Achterbahn der „Bund deutscher Divisionen“. Im Festzelt grölen die Unverbesserlichen: „Schwarzbraun ist die Haselnuß ...“ Neben dem Festzelt baumelt in einer Schlinge ein Toter. „Der Körper mit den zuckenden Beinen und Armen schlug gegen die Zeltwand und traf innen im Zelt einen Mann in den Rücken. ,Besoffener Hund!’ schrie der Mann und stieß die Faust gegen die Zeltwand. ,Hau ab!’ Schreibert pendelte zurück und hing dann still. Der Körper streckte sich, aus dem Mund quoll dick und bräunlich die Zunge.“ Wenig beneidenswerter Herr Schreibert.

Wenig beneidenswerter Herr Huilsmann. Der Düsseldorfer Schickeria-Architekt wird LSDsüchtig und endet in „manischer Verblödung“: „Man hatte beobachtet, wie Huilsmann nackt vor den offenen Fenstern herumturnte oder auf einem Schrank hockte und unartikuliert sang.“ Fortan singt Huilsmann in einem „Irrenhaus“.

Wenig beneidenswerter Herr Boltenstern. Der Ingenieur und Erfinder Alf Boltenstern, der Schreibert im LSD-Rausch den Mord und den Selbstmord befohlen hat, klettert auf die Achterbahn. Auch die Feuerwehr kann nicht mehr helfen. „Zwei Meter neben dem Sprungtuch II, zwischen zwei Streben, wo man nicht hinreichte, schlug Boltenstern auf. Mit dem Kopf zuerst. Die Hirnschale platzte wie eine Kastanienkapsei.“ Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber trefflich klein.

„Am 21. Januar 1945 rannten fünf Männer bei Meseritz an der Obra durch den Schnee. Sie rannten um ihr Leben. Zwanzig Jahre später lebte nur noch einer von ihnen und wunderte sich, wie merkwürdig das Leben sein kann. So wie wir uns alle einmal wundern werden.“ So endet Heinz G. Konsaliks Roman „Zum Nachtisch wilde Früchte“.

Der Krieg hatte aus den fünf Männern „Kameraden“ gemacht: „Wir haben Sibirien überlebt, die Hungerjahre im Lager, die Strafmonate im Bergwerk ...“ Der Frieden hat die fünf Männer demoralisiert. Die fetten Jahre überlebten vier von ihnen nicht. Ihr Unglück nennt der fünfte „eine Riesensauerei“.

Aus „Kameraden“ sind „Erfolgsmenschen“ geworden, „vom Glück geküßte Wirtschaftswunderkinder“. Dieser Kuß wurde zum Kainsmal. Denn sie begannen, die Ordnung zu mißachten: Sie schwelgten im Luxus, feierten Orgien, betrogen ihre Familien, begingen Verrat an ihren alten Werten. Und Heinz G. Konsalik erhob sich und schlug sie alle tot. Und schrieb über sie: „Es ist nicht einfach, ein erfolgreicher Mann zu sein.“

So mischt sich Konsalik unter das Volk, bei dem nicht das Geld; aber, die Moral ist. Gleichzeitig ist die Grausamkeit seines Romans, die er als Notwendigkeit ausgibt, empörend. Durch ihr unerträglich grausames Schicksal werden vor den Moralischen Konsaliks reiche Sünder doch noch zu Helden.

Heinz G. Konsalik (Werbetext); „Jahrgang 1921. Schrieb mit zehn Jahren seinen ersten Roman. In ein Schulheft. Studierte Medizin. Und Theaterwissenschaften. Wollte Dramaturg werden. Oder Opernsänger. Wurde professioneller Schreiber. Der erste große Erfolg: ‚Der Arzt von Stalingrad‘. Seitdem Bestseller auf Bestseller. Romane, die inzwischen eine Weltauflage von über 40 Millionen erreicht haben ...“

II. Die republikanische Krankheit

Einer hat die Düsseldorfer Neureichentragödie überlebt: Major a. D. Konrad Ritter, von seinen vier Freunden kurz „der Major“ genannt.

Ritter heißt der Mann. Denn der Krieg ist sein Leben und seine Berufung zum Soldaten ist sein Adelsprädikat. Der Major a. D. fühlt sich immer noch im Dienst. Er ist ein Soldat Hitlers geblieben, auch noch zu Adenauers, Erhards und Kiesingers Zeit.

„,Ist sie besser?’ schrie Major Ritter. ,Gammler auf den Straßen, in den Lokalen Tänze, wo man wie ein Urwaldaffe mit dem Hintern wackeln muß, Musik, die sich anhört, wie eine Katze, die sich den Schwanz einklemmt, Literatur wie das Gestammel eines Kretins... das ist die Visitenkarte des neuen Deutschlands?‘“

Degeneration heißt für Ritter die Krankheit der Republik. Ihr Anfangsstadium ist die Korruption. Wie diese Krankheit verläuft und wie sie endet, sah er am Beispiel seiner vier Kameraden. Er selbst ist gegen die republikanische Krankheit immun. Ihn schützen seine alten Ideale.

Ein Idealist in der Bundesrepublik. Die anderen leben in riesigen Villen. Er fährt mit einem alten, klapprigen Wagen durch Düsseldorf. Die anderen feiern Orgien. Er freut sich auf ein „Treffen deutscher Divisionen“. Der Rausch der anderen kommt vom LSD. Sein Rausch heißt Deutschland. Die anderen reden von der blonden Lola und der roten Mary. Er erinnert sich an seine Kameraden und nennt sie „feine Kerls“. Ritter ist sich treu geblieben.

Ritter ist ein Nazi geblieben. Er ist ein guter Deutscher, wie ihn Goebbels sich wünschte. Besondere Kennzeichen: „Eine Stärke des Charakters, die alle Hindernisse überwindet, zähe Verbissenheit in der Verfolgung des einmal erkannten Zieles und ein ehernes Herz, das gegen alle inneren und äußeren Anfechtungen gewappnet ist“ (Goebbels).

Sich treu geblieben, ein Nazi geblieben: Ritter ist ein alter Nazi, aber ein feiner Kerl.

Wollt ihr die totale Degeneration? „,Oh, diese Jugend!’ brüllte Konrad Ritter und ballte die Fäuste. ‚Seid ihr blind? In jedem Amtszimmer der USA hängt eine Fahne der Nation, de Gaulle geht herum und küßt die Fahnen der Truppen, über dem Sarg Kennedys lag die Flagge, die englische Königin weiht jedes Jahr Fahnen ihrer Armee, überall in der Welt ist die militärische Tradition ein Grundstein der Nation, sogar in Rußland, sogar dort – nur uns will man alles nehmen, allen Gemeinschaftsgeist, alle preußische Tradition, alle Größe deutscher Seele! Aber typisch ist das! Typisch! Nach jedem verlorenen Krieg wird der Deutsche pervers und wühlt in seiner eigenen Scheiße!‘“

Konrad Ritter, Vaterländische Reden, formuliert von Heinz G. Konsalik zur Rechtfertigung des von Ritter organisierten Treffens deutscher Divisionen in Nürnberg. „Auf der Rückfahrt gab er (Ritter) einem zufällig im Abteil mitfahrenden Journalisten ein Interview. Es erschien vier Tage später im Journal de Paris‘ in Frankreich. Überschrift: ‚Am 30. August marschiert in Nürnberg der deutsche Revanchismus!‘ ‚So wird man verkannt‘, sagte Konrad Ritter.“ Revanchist! Militarist! Nazi! Armer alter Major! Armes, lächerliches Fossil!

Konrad Ritter, Gesammelte Vorurteile, aufgezählt von Heinz G. Konsalik. Ritter vergleicht die moderne Literatur mit dem Stammeln eines Kretins. In einem Interview, gesendet vom Bayerischen Rundfunk, fragte sich Konsalik im März 1975, was Literatur sei: „Literatur – wie wir es in der Neuzeit erlebt haben – eine Wortkaskade, ein Wortgestammel...?“ Vielleicht spiegeln sich auch in anderen Vorurteilen Ritters die Vorurteile des Autors.

„Für mich ist maßgebend das, was der Leser über mich denkt. Für mich ist maßgebend das, was ich in Hunderten von Briefen jeden Tag höre, nämlich daß ich so schreibe, wie sie es haben wollen, wie sie es fühlen...“ Konsalik fühlt sich als „Volksschriftsteller“. Ist Major a. D. Konrad Ritter eine populäre Figur?

Konsalik kann Ritter nicht hassen. Konsalik fürchtet, Ritter, zu lieben. So erfindet er dem Major einen Sohn, der kontert: „... du bist einer der ewig Gestrigen! Die nichts gelernt haben! An denen zwei Weltkriege spurlos vorbeigegangen sind ... Glaubst du, mit deinem Kaiser-Wilhelm-Hirn ist ein Deutschland aufzubauen?“ Diese Vorwürfe bringen (nach Konsaliks Beschreibung) furchtbares Leid über den Vater: „Wenn die Unterhaltung zwischen Vater und Sohn so weit gekommen war, war es der Major, der das Feld räumte ... Einmal schlage ich ihm eine runter, dachte er dann. Auch wenn er 25 Jahre alt ist. Er bleibt mein Sohn! Und er beleidigt seinen alten Vater bis ins tiefste Herz!“

Der Ritter von der verpönten Gestalt: „Zum Nachtisch wilde Früchte“ ist der Roman einer nicht mehr gesellschaftsfähigen Zuneigung.

III. Der Voyeur als Moralist

Heinz G. Konsalik (Bestsellerpoesie): „Im Bett liegen und Mann und Frau sein“ (für „Geschlechtsverkehr“); „Er spürte, wie das Blut zuerst zum Kopf drang und dann abfiel und sich in seine Männlichkeit stürzte“ (für „Erektion“); „Nahkampfverwundung“ (für „Tripper“); „Man kann nicht gegen den Wind pissen, ohne sich selbst vollzumachen“ (alte Landserweisheit vom Gehorsam); „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind... es ist die Mary, mach ihr kein Kind“ (Spruch, „frei nach Goethe“).

In Konsaliks Romanen ist das Sensationelle alltäglich. Seine Leser, in geordneten Verhältnissen, lesen Geschichten über sensationell unordentliche Verhältnisse. So versichern sie sich ihrer eigenen Ordentlichkeit.

Konsalik belohnt, Konsalik bestraft. Seine Romane sind zutiefst autoritär. Sie sind auch aggressiv. Pausenlos wiederholen sie alte Vorurteile und Klischees. Unablässig; werden Sprichwörter wahr, bekommen Schlagerweisheiten recht. So machen sie jedem, der anders denkt, ein schlechtes Gewissen.

Konsalik versorgt seine Leser auch mit Kritik. Er kritisiert die Scheinmoral der oberen Zehntausend: „Das sind die ganz Vornehmen, die tagsüber zugeknöpft sind wie Schnallenschuhe. Nur wenn’s dunkel wird, platzt denen die Haut.“ Er kritisiert die Macht der Konzerne: „Von jeher wird ein Land beherrscht von der indirekten Macht der Reichen ... Man will es nur nicht wissen auf den Ministersesseln, und das Volk soll es schon gar nicht erfahren. Wie würde sich das Weltbild verschieben, wenn die wahren Machtverhältnisse bekannt würden!“ Konsaliks Kapilismuskritik ist eine Referenz an den kleinen Mann. Sie beschränkt sich auf kurze Statements, die sich sein Vertrauen erschleichen. So wird er offen für die eigentliche Argumentation des Romans, die ihm das Denken ausredet. Konsaliks Kritik hat einen demagogischen Zug.

Konsalik zeigt die Schattenseiten der Republik. Das gibt ihm die Gelegenheit, sich als Moralist zu inszenieren. In Wahrheit ist er ein Voyeur.

IV. Ein Glücksmensch

Im Juli startete „Bild“ eine Serie über „die zwanzig interessantesten Männer Deutschlands“. Die zweite Folge gehörte dem „Mann, der mit den Zähnen lacht“, Helmut Schmidt, die erste Folge der Ein-Mann-Traumfabrik Heinz G. Konsalik.

Wer ist der interessante Mann im Groschenblatt? Er ist ein Klischee aus seinen Romanfiguren. „Wenn Heinz G. Konsalik also dann gegen acht Uhr dreißig seine zehn Finger auf die Tasten legt, geschieht nach eigener Aussage das Wunder, das sich seit fünfunddreißig Jahren täglich wiederholt. Er hört und sieht von dem Augenblick an Dinge, die er nur noch abzuschreiben braucht Von eins bis zwei ist Mittagspause. Von zwei bis acht geht es weiter. Um acht macht er Feierabend. 85 Bücher sind auf diese Weise entstanden. Sie sind in einer Auflage von 45 Millionen erschienen, in 17 Sprachen übersetzt.“

„,Wie ein nasser Sack’, sagt Konsalik, ,falle ich um acht im Wohnzimmer auf die Couch. Meine Frau reicht mir dann ein Glas Wodka-Bitter-Lemon‘... Frau Elisabeth, schon 32 Jahre an seiner Seite, legt jetzt ein Klavierkonzert auf... Dabei ißt Heinz G. Konsalik sehr gern Griebenschmalzschnittchen. Danach wird geplaudert, ob die Töchter Dagmar und Almut angerufen haben, wie es Enkel Björn geht, ob Schwiegersohn Reinhold sich gemeldet hat. Was es morgen zu essen gibt, was es im Fernsehen gibt. Gegen zehn gähnt Heinz G. das erstemal. Um halb elf liegt er im Bett.“

Er lebt als „einfacher Mensch“ in einer Villa, die der Düsseldorfer Neureichen-Architekt Toni Huilsmann gebaut haben könnte: 250 Quadratmeter Wohnfläche und 8500 Quadratmeter Park, auf dem Aegidienberg bei Bonn.

Heinz G. Konsalik ist ein Glücksmensch wie der Düsseldorfer Couturier Hermann Schreibert. „Vor dreißig Jahren war Konsalik ein armer Tropf. Von 40 Kurzgeschichten, die er schrieb, kamen 40 als unbrauchbar zurück. Seine Frau war Lehrerin. Ohne sie hätte Konsalik stehlen müssen...“ Heute ist er „ein Millionär mit einer Villa auf Teneriffa“.

Im Mai berichtete „Bild am Sonntag“ mit vielen bunten Farbphotos aus Puerto de la Cruz, Teneriffa: „Jetzt verfilmt Hollywood seinen letzten Hit ‚Sie waren zehn‘. Für den populärsten deutschen Schriftsteller ist Erfolg ein Alltagserlebnis.“

„Bild“ beweist es, Konsalik ist der Krupp des Geistes.

V. Das Weib, das wilde Tier

Frauen werben für Konsalik. Auf dem Cover seines Romans über „Dr. med. Erika Werner“ zeigt sich Frau Werner. Ein blonder Vamp läßt sich küssen für „Ein Mensch wie du und ich“. Über dem „Transsibirien-Expreß“ erscheint am Himmel eine Blondine. Und für „Das Schloß der blauen Vögel“ zeigt sich die rote Lola im Provil. Covergirls werben für Konsalik.

Die Reste einer Frau: „Lange schwarze Haare... Zweidrittel Beine, das andere Kurven!“ Architekt Huilsmann beschreibt eine „entzückende Pussie“.

Ingenieur Boltenstern im Gespräch mit seinem toten Freund Richard Erlanger über Petra, dessen Frau – eine Gebrauchsanweisung: „Um Petra zu erobern, hättest du weniger Geist und mehr Brutalität gebraucht... nicht, Smoking, Richard, sondern aufgekrempelte Hemdsärmel.“

Die Namen, die Konsalik den Frauen gibt, stammen aus dem Reich der Tiere: „Raubtier“, „Wolf“, „Tiger“, „Stute“. Sex mit der grünäugigen Lilli: „Wie ein Schweinchen quiekte sie auf, wenn man sie liebte...“

Das wildeste von allen Tieren ist die Russin Dr. Alexandra Kasalinsskaja, Ärztin in einem Lager für deutsche Kriegsgefangene; denunziert von ihrem Autor in „Der Arzt von Stalingrad“. Die Kasalinsskaja mordet Männer (schreibt todkranke Gefangene arbeitsfähig) und verzehrt sich in Liebe zu ihnen (indem sie sich fast bis zum Selbstmord hingibt). Sie ist für die Männer eine Gefahr. Sie ist für die Männer eine Lust. Die Lust ist für Konsalik die Gefahr.

Ein starker Mann wie Venno von Baldenow in „Sie waren zehn“ fordert diese Gefahr gerne heraus. Venno: „Ein kräftiger Kerl war er... Seine Muskeln drückten sich wie Trossenstränge durch die Haut, an den Oberarmen, im Rücken, unter dem Nacken, quer unter dem Magen, an den Oberschenkeln, Ein trainierter Körper, ein schöner, männlicher, fordernder Körper.“ Die Frauen um Venno: Auf Gut Neu-Nomme jagt Venno die „geilen, männergewohnten Mägde, die unter ihren langen, weiten, bunten Röcken keine Hosen trugen“. Nichts Außergewöhnliches für einen von Baldenow: „In bezug auf Frauen galten sie als Abkömmlinge der ausgesetzten Wisente. Wo sich unter einem Frauenrock ein schöner Körper, ahnen ließ, röhrte es bei den Baldenows in Kehle, Brust und zwischen den Beinen.“ Von den Höhen des Aegidienbergs blickt Konsalik ins Neandertal.

„Gegen zehn gähnt Heinz G. das erstemal. Um halb elf liegt er im Bett“, erzählt Frau Elisabeth. Auf dem Aegidienberg verwahrt Konsalik das Gegenbild zum lüsternen Weib: Mutti. Mutti hat keine Lust und ist geschlechtslos.

Konsaliks Frauen und Konsaliks Leser: Ein Besuch im Bordell kann 200 Mark kosten, „Zum Nachtisch wilde Früchte“ kostet 5,80 Mark.

VI. Vater Krieg

„Und dann kam der Krieg. Ich wurde als Kriegsberichter eingezogen, und das war für mich eine ungeheure Schule ...“ (Konsalik in „Heinz G. Konsalik, Der Autor und sein Werk“, C. Bertelsmann Verlag, München 1979).

„Der Arzt von Stalingrad“ (1958 mit O. E. Hasse, Eva Bartok und Mario Adorf verfilmt) ist Konsaliks berühmtester Roman: ein kämpferisches Buch. Vom Krieg handelnd, hat es ein kriegerisches Ziel: die Abwehr von Schuld. „Der Arzt von Stalingrad“ ist ein Buch aus den fünfziger Jahren, ein Fall für Alexander und Margarete Mitscherlich. „Der Arzt von Stalingrad oder Die Unfähigkeit zu trauern“ – ein Kriegsbericht (aktualisiert durch Ansichten aus Konsaliks neuestem Kriegsroman „Sie waren zehn“).

Erstes Kapitel: Konsalik besetzt mit Illustriertenklischees ein russisches Gefangenenlager.

Dieses Lager außerhalb Stalingrads, nordwestlich der Wolga in einer bewaldeten Niederung gelegen, ist ein Lager für deutsche Kriegsgefangene. Konsalik macht die Gefangenen und das Lager zur Kulisse eines Actionromans. Das Lager 5110/47: ein Ort der Sensationen (wie später Düsseldorf oder Essen). Dazu: Liebe, Haß und Eifersucht. Oh, what a lovely war!

Zweites Kapitel: Konsalik variiert eine Szene aus Hanns Johsts (Hitler gewidmeten) Drama „Schlageter“: „Was täten Sie in meiner Lage? Jung, radikal und gläubig?“

Major von Habner ist entnervt durch den Partisanenkrieg: „Zugegeben – wir sind ihre Feinde. Man hat uns nicht nach Rußland eingeladen. Aber auch wir sind nur befohlen worden.“ Sein Oberleutnant Berno von Ranowski wird aus diesem höllischen Partisanenkampf abgerufen zu einem höllischen Sonderkommando. Er soll mit neun anderen Stalin ermorden. Von diesem „Unternehmen Wildgänse“ erzählt Konsalik in „Sie waren zehn“. Wildgänse war das verrückteste und aussichtsloseste Unternehmen des ganzen Krieges. Daß wir zehn es ausführten, ist mir heute ein Rätsel! Aber damals – 1944 – war nichts mehr normal... und außerdem waren wir so einfältig und gläubig und jung.“ Jeder befohlen, alle gläubig, keiner schuld.

Schuld an allem war der Führer: „Der Propagandaredner Hitler... Der Wortdämon, vor dem es einfach kein Entrinnen gibt. Nur wer Hitler erlebt hat, kann das beurteilen.“ „Sie waren zehn“ ist 1979 erschienen. Es ist ein Buch aus den fünfziger Jahren.

Drittes Kapitel: Goodbye, Johnny! Konsalik beschreibt den Tod eines Kameraden.

Oberleutnant Ranowski (sein. Deckname ist Bunurian) stirbt in Rußland. Russische Holzfäller prügeln ihn tot. „Bunurian verlor endlich das Bewußtsein. Ein guter Hieb auf die Hirnschale war daran schuld. Er zertrümmerte seine Schädeldecke, zerquetschte sein Gehirn.“ Schon in Düsseldorf zeigte Konsalik der Sensation halber massakrierte Menschen. Bei der Beschreibung seiner Massaker legt er Wert auf Details. So erscheint hinter der moralischen Entrüstung: Sadismus.

Viertes Kapitel: Der Angriff der Steppe – Konsalik, Rußland und die Russen.

Rußland ist ein schönes Land. Die Wolga ist „wie fließendes Silber, breit, herrlich, still“. Die Wolga ist „majestätisch in ihrer Unendlichkeit“. „Liebe am Don“ heißt ein Konsalik-Roman. „Russische Sinfonie“ ein anderer.

In diesem schönen Land leben häßliche Menschen. Sklaven: „In das flache sibirische Gehirn schlich sich die uralte Scheu des Sklaven, die Unterwürfigkeit des jahrhundertelang getretenen Bauern der Taiga.“ Unmenschen: „In seinen Augen lag die Kälte Sibiriens.“ Kommunisten: „In Worotilow rang der Kommunist mit dem Menschen...“

Im Februar 1943 sagt Goebbels im Berliner Sportpalast: „Der Ansturm der Steppe gegen unseren ehrwürdigen, Kontinent ist... losgebrochen.“ Diesem Ansturm der Steppe folgte die Niederlage des ehrwürdigen Kontinents Deutschland. Das Gefühl der kulturellen Überlegenheit wurde gerettet.

Fünftes Kapitel: Helden – Konsalik, Deutschland und die Deutschen.

„Ich stehe immer mit maßlosem Erstaunen vor der deutschen Moral“, sagt Smolka, der Russe, zu Major von Labitz, einem der zehn. Der Major wird von den Russen zu Tode gefoltert. Er erduldet die schlimmsten Schmerzen, um ein verbrecherisches Regime zu decken.

Im „Arzt von Stalingrad“ versucht ein Major, ehemalige SS-Ärzte für den Kommunismus zu werben: „Wir waren Ärzte der SS, warum es leugnen? Wir haben Versuche gemacht, wir geben es zu. Es war menschenunwürdig, eine Vergewaltigung des Individuums... aber so vieles war in diesen Zeiten menschenunwürdig und abscheulich! Das ist keine Entschuldigung für unser Tun, und wir sind bereit, dafür zu sühnen, obgleich wir es rechtlich nicht einsehen, warum gerade der Russe, der Grausamste von allen, unser Richter sein soll... Es geht hier darum, daß Sie uns locken, ins kommunistische Lager zu wechseln, ein Charakterlump zu werden ... Man sollte Ihnen einfach in die dumme, dreiste Fresse schlagen, Herr Major!“

Sie haben für die SS gemordet. „Charakterlumpen“ sind sie nicht. Sie sind Mörder, aber feine Kerls. Sie lassen sich zu Tode foltern für ein barbarisches Regime. Für Konsalik bleibt das eine „Leistung“. Right or wrong – my country.

Deutschland ist „Heimat“. Dr. Böhler, ein deutscher Arzt, der Arzt von Stalingrad, ist der Engel der russischen Gefangenenlager: „Wir müssen etwas vorleben, woran wir selbst, nicht glauben... auch wenn wir selbst dabei zerbrechen! Und dieser Zusammenbruch wieder muß still sein.“

Deutsche sind Helden. Das Dritte Reich war für sie eine Zeit größter Selbstaufwertung. Konsalik schützt sie vor der Kränkung durch die Niederlage.

Schon als er seinen ersten Roman schrieb, hat Konsalik gewußt, was gerade. schreibbar war (und was verschwiegen werden mußte). 1958 erschien „Der Arzt von Stalingrad“: ein Buch, „wie sie es haben wollen“. 1979 erschien „Sie waren zehn“? ein Buch, „wie sie es haben wollen“. So wurde aus Heinz Günther, dem Mann mit den Vorurteilen und dem Kopf voller Klischees, der Bestsellerautor Heinz G. Konsalik. Seine 85 Romane variieren einen einzigen Roman. Sein Titel: „Der Stoff, aus dem die Dummheit ist“.