Von Karl-Heinz Kammertöns

Frau Fénelon, wie kam es dazu, daß Sie Widerstandskämpferin wurden? Wollen Sie etwas sagen über Ihre Jugend, Ihre Eltern?

Fania Fénelon: Mein Vater war Ingenieur, es interessierte ihn, was auf der Welt passierte. Mutter war eine sehr gute Sängerin. Es war immer lustig bei uns zu Haus – wir haben immer Musik gemacht, bis mir mein Vater eines Tages sagte, daß etwas passiert sei. Er erzählte mir, was in Deutschland passierte, über Hitler, und was er mit den Juden machte. Mein Vater war Jude. Ich habe angefangen zu denken und zu verstehen. Ich kannte einen deutschen jüdischen Professor, er sollte aus Deutschland raus, weil er Jude war. Ich fragte meinen Vater, wie kann ich dagegen kämpfen?

Wie konnten Sie kämpfen?

Als de Gaulle am 18. Juni 1940 gesprochen hatte, habe ich mir gedacht, wir müssen was machen, alle jungen Franzosen, die geblieben sind, gegen Nazismus. Ich habe niemals gesagt gegen die Deutschen, ich habe immer gesagt, gegen Nazismus und Faschismus. Ich meine damit, die ersten, die im KZ gewesen sind, waren deutsche Widerstandskämpfer. Als die Nazis Frankreich, okkupierten, habe ich versucht, Freunde zu finden und den Widerstandskampf zu beginnen. Ich fand Freunde. Ich bekam den Auftrag, als Sängerin Informationen weiterzugeben. Für mich als Chansonsängerin war es leicht, in Cabarets mit deutschen Offizieren Kontakt zu kriegen, ich photographierte Dokumente, wenn ein Nazi-Offizier mit einem Mädchen beschäftigt war oder wenn er betrunken war. Manchmal waren sehrwichtige Dokumente dabei.

Diese Arbeit machte ich dreieinhalb Jahre. Ich wurde dreimal verhaftet, zweimal ließ man mich laufen. In unserer Widerstandsgruppe arbeitete eine Russin. Sie war eine Spionin und verriet die ganze Gruppe an die Gestapo. Die Frauen wurden erschossen und ich zur Gestapo gebracht.

Am 20. Januar 1944 kam ich in einen Waggon mit 120 Menschen. Es war keine Luft da. Wir sind mitternachts am 22. Januar irgendwo angekommen. Man sagte uns, lassen Sie alles, was Sie haben, hier. In der Nähe der Waggons waren Autos mit einem roten Kreuz. Zu meiner Bekannten, die bei mir war. sagte ich: Wir haben Glück, das ist das Rote Kreuz. Die Leute sind in die Autos gestiegen. Wir selbst mußten dreieinhalb Kilometer zu Fuß laufen. Es war Nacht und schrecklich kalt. Wir kamen an einem Lager an. Über dem Eingang stand geschrieben: „Arbeit macht frei!“ Man brachte uns in eine Baracke, von der es hieß, daß es eine Quarantänebaracke sei. Ich habe gefragt, warum ist hier so viel Rauch draußen? Und man hat gesagt: „Na ja, das sind die Leute, die vergast sind.“ Ich fragte, was meinen Sie, vergast? Was ist das? Na ja, das sind die Leute, die erst mit dem Wagen „Rotes Kreuz“ gefahren sind, dann vergast wurden und dann ins Krematorium kamen.