Von Dietrich Strothmann

Es reichte nicht: 1976 versuchte der Bundeswehrgefreite Dieter Epplen einen Sprengstoffanschlag auf den amerikanischen Soldatensender AFN in München. Die Bombe zündete zu früh, Epplen wurde schwer verletzt. Überprüfungen ergaben, daß der Terrorist ein Mitglied der 1973 gegründeten „Wehrsportgruppe Hoffmann“ war. Erst vier Jahre später, am 30. Januar 1980, wurde die Organisation rechtsradikaler Rekruten vom Bonner Innenminister Gerhart Baum verboten. Es war nach zehn Jahren das erste Verbot eines neonazistischen Kaders.

Es reichte wieder nicht: Letzte Woche brachte der 21jährige Tübinger Geologiestudent Gundolf Köhler auf dem Münchner Oktoberfest frühzeitig eine Bombe zur Explosion, die ihn und elf Jahrmarktbesucher tötete. Köhler war Mitglied der „Wehrsportgruppe Hoffmann“, an deren paramilitärischen Übungen er zweimal teilgenommen hatte und für die er in Tübingen eine Zelle aufbauen wollte. Karl Heinz Hoffmann und fünf seiner Gesinnungsgenossen wurden-zwar verhört, aber der „Anfangsverdacht“ einer organisatorischen oder planerischen Mitwirkung an dem Münchner Blutbad erhärtete sich für den Haftrichter nicht. Er mußte sie auf freien Fuß setzen.

Dabei steht fest, daß in den Wohnungen gleichzeitig verhafteter anderer Hoffmann-Jünger – die zwei Tage nach dem Anschlag am österreichischen Grenzübergang bei Schwarzbach festgenommen worden waren – Sprengstoff, Zündkapseln und 10,5 Zentimeter-Kartuschen (wie bei der Oktoberfest-Bombe) gefunden wurden. Dabei steht fest, daß bei der Durchsuchung des Hoffmann-Schlosses Ermreuth bei Erlangen ein Exemplar jener 12 Seiten starken Bombenbauanleitung sichergestellt worden war, die den zynischen Tarntitel trägt „Das Märchen vom bösen Wolf“. Auch in Köhlers Elternhaus in Donaueschingen waren der Polizei außer Chemikalien Unterlagen über die Herstellung von Sprengstoff in die Hände gefallen. Wenn es, bis jetzt, auch nicht erwiesen ist, daß der selbsternannte Major Karl Heinz Hoffmann, den seine getreuen „Rekruten“ mal „Chef“, mal „Schleifer“ nannten, direkt an dem Münchner Massaker beteiligt gewesen ist – für seine geistige Urheberschaft gibt es viele Indizien.

Seit dem lange hinausgezögerten Verbot der oberfränkischen „Wehrsportgruppe“ – die erste parlamentarische Anfrage stammt aus dem Jahr 1976 – war es um den bärtigen, bramarbasierenden 42jährigen Porzellan- und Schildermaler Hoffmann ruhiger geworden. Anfangs traf sich sein Haufen noch in den Hinterzimmern abgelegener Dorfkneipen; dann entwickelte der beschäftigungslose Ex-Befehlshaber zusammen mit seinen übriggebliebenen Getreuen allmählich einen schwunghaften Ersatzhandel: Hoffmann – und die Seinen verkauften ausgediente Bundeswehrfahrzeuge (Jeeps und Motorräder) in den Nahen Osten, vorzugsweise an die Palästinensische Befreiungsfront (PLO) im Libanon.

Manchmal blieben sie auch ein paar Wochen dort, einmal auch unfreiwillig, weil sie wegen Lieferversäumnissen trotz Vorauszahlung in PLO-Gewahrsam gehalten wurden. Angeblich, so Hoffmann in einem seiner „Erfolgsberichte“, übten sie auf einem Trainingsplatz der Palästinenser Scharfschießen. Angeblich sollte der heimatlose deutsche „Führer“ für die PLO auch ein Kommando übernehmen, gebildet aus alten „Wehrsport“-Mitgliedern und ausländischen Sympathisanten – gegen den gemeinsamen Feind: Israel. Doch waren das wahrscheinlich ebenso typische Übertreibungen eines sich vom Verbot gedemütigt fühlenden Hasardeure wie seine Phantasiegeschichten über Besuche in Afghanistan oder über seine früheren Söldner-Angebote an die weißen Rhodesier und Südafrikaner.

Als „Spinner“ war Karl Heinz Hoffmann schon damals offiziell abgetan worden, als eine „Schattenfigur“ (so der bayerische Innenminister Tandler) aus dem „Schattenreich“ (Strauß); und die rund hundert Waffenfetischisten der „Wehrsportgruppe“, die Nahkampf übten, Fallschirmspringen und Schlauchbootfahren, galten gemeinhin als „Polit-Clowns“ eines paramilitärischen-„Turnvereins“. Tatsächlich wurde Hoffmanns gernegroße Garde vor allem durch das Fernsehen weltbekannt, vor deren Kameras sie „Manöver“ mit einem verrotteten Schützenpanzer und zugeschweißten Gewehren inszenierte. Die insgesamt zwanzig Fernsehberichte (davon 13 ausländischer Anstalten) ließ sich Hoffmann, wie auch jedes Presseinterview, bar bezahlen.

Tatsächlich war der „Totenkopf“-Träger, der sich eine „Stabswache“ zum eigenen Schutz hielt, „Ehrenspangen“ und „Ehrenstreifen“ an verdiente Kameraden verteilt, der sich in seinem Schloß einen Puma, drei Windhunde und einen olivgrünen Mercedes 280 hielt, längst gerichtsnotorisch: Verurteilt (1975) wegen des Tragens verbotener Uniformen; bestraft (1977) mit 8000 Mark, die sein Gönner, der rechtsradikale Verleger Gerhard Frey, „aus Solidarität“ für ihn bezahlte; belegt (1979) mit einem Jahr Gefängnis, zur Bewährung auf vier Jahre ausgesetzt; für schuldig befunden (1980) wegen schweren Landfriedensbruchs, verurteilt zu siebeneinhalb Jahren Haft, wiederum mit Bewährung.

Karl Heinz Hoffmann hatte etwa nicht nur seinem Waffenfetischismus gefrönt, er hatte auch nicht allein mit lautstarken Parolen seinen Nazismus verkündet; der „ansonsten durchaus freundliche Mitbürger“ (er über sich) schlug auch zu. So im Dezember 1976 in Tübingen bei einer gemeinsamen Veranstaltung mit dem „Hochschulring Tübinger Studenten“ seines Gesinnungsfreundes Axel Heinzmann, bei der er und seine Schlägertruppe protestierende Kommilitonen krankenhausreif prügelten.

Der inzwischen 33jährige, ewige Student Heinzmann, der auch ein obskures „Institut zur Bekämpfung kommunistischer Menschen rechtsverletzungen“ leitet, organisierte letztens für Hoffmann auch jene Demonstrationen in Nürnberg, mit denen gegen die Verbotsverfügung Alarm geschlagen werden sollte. Und er war auch für den aus der Bundeswehr entlassenen und an der Tübinger Universität eingeschriebenen Gundolf Köhler die Anlaufstelle: Der junge Geologiestudent, den seine Mitschüler als „graue Maus“ und verschlossenen Einzelgänger in Erinnerung haben, wollte wieder mitmachen – entweder ein weiteres Mal bei Hoffmanns „Grenadieren Europas“ oder als Flugblattverteiler für Heinzmanns „Ring“. Heute behauptet Hoffmann: „Er hat mir mal geschrieben, mich auch an einem Wochenende mal besucht. Das war vor drei Jahren. Seitdem, habe ich nie mehr von ihm gehört.“ Und Heinzmann meint: „Er wollte mehr als Veranstaltungen besuchen oder Handzettel austeilen.“

Wollte der Eigenbrötler Köhler, der Heimatsagen sammelte und als Naturschützer auftrat, in die schreckliche Tat umsetzen, was ihm als Oberschüler bei den zwei „Wehrsport“-Übungen samt Schulungsabenden beigebracht worden war? Dort war er trainiert worden, mit der Waffe in der Hand Gewalt auszuüben; dort hatte er sicher aus Hoffmanns Mund erfahren, daß er zur „Elite der Zukunft“ zähle, gegen die Feinde „Bolschewismus und Kapital“ den „Sieg der Bewegung“ zu erringen habe. Hoffmanns verquollenes „Erstes Manifest der Bewegung der Rational-Pragmatischen Sozialhierarchie“ wird er wohl gelesen haben, wo von „Marionettenregierungen der internationalen Hochfinanz, feudaler Bonzen und religiöser Fanatiker“ die Rede ist und befohlen wird: „Je höher das Ziel, um so größer die Opfer.“ Auch Hoffmanns ähnlich hirnrissig-plumpes „Programm“ muß Gundolf Köhler gekannt haben, wo „biologische Selektion“ gefordert wird, eine „anonyme Regierung“ von 12 Mitgliedern wie ein „Generalstab“ und ein autoritärer Führerstaat, weil die „Demokratie impotent“ sei und nur eine „Diktatur, die den richtigen Mann an der Spitze hat, für das Volk alles tun kann“.

Der Geologiestudent, der im Chemieunterricht seinen Mitschülern weit voraus war und sich bei einem privaten Experiment einmal verletzt hatte, wird beim Geländemarsch wahrscheinlich mitgesungen haben: „Legt sie um die roten Säue / macht sie nieder Mann für Mann / kriechen aus den Löchern neue / keine Angst, auch sie sind dran.“ In Hoffmanns Glanzdruck-Postille „Kommando“ vom 4. Juli 1979 wird er gewiß auch diesen Dialog gelesen haben: „Chef, wie lange dauert es bis zur Machtübernahme noch? – Jungs, wir sind schwach, unsere Position ist zur Zeit erbärmlich hoffnungslos, wie sie wohl niemals zu anderen Zeiten für ähnliche Zielsetzungen gegeben war. Aber darf uns das hindern, diesen Kampf zu führen – diesen Kampf, von dessen Rechtmäßigkeit und Ehrenhaftigkeit wir überzeugt und durchdrungen sind? Nein!“

Aus solchem Dunstkreis des Aberwitzes und des Aberglaubens mag Gundolf Köhler als Hoffmanns strammer Rekrut seine politischen Wahnideen bezogen haben, auch wenn er zu niemandem darüber sprach, nicht jenes hauseigene T-Shirt trug (das zum Preis von 15 Mark Hoffmanns Konterfei zeigte, mit Tarnjacke aus jugoslawischer Produktion und der MP im Anschlag) oder (ebenfalls „zum Vorzugspreis“ von 15 Mark) Hoffmanns „Verse und Gedanken eines deutschen Patrioten. Ein Reich mit Reimen und Sentenzen zum Nachdenken“ las. Er war jedenfalls seit 1978 dabeigewesen. Eines Tages hat er dann seine mörderische Antwort zu Hoffmanns Frage auf einem der zahllosen Gruppen-Flugblätter gegeben: „Muß Blut fließen?“