Neuartige, „verwendbare“ Kernwaffen und die Unfähigkeit der Politiker zur Krisendämmung führen zum Fiasko

Frank Barnaby: Der Mensch scheint unfähig, die Technik zu beherrschen

Seit dem Zweiten Weltkrieg hat die Rüstungstechnik unglaubliche Fortschritte erzielt. In den nächsten dreißig Jahren können wir weitere technologische Umwälzungen erwarten: bei der Kriegführung im Weltraum, der Automatisierung des Schlachtfeldes, der U-Boot-Abwehr, beim militärischen Einsatz von Hochenergie-Lasern und in vielen anderen Bereichen.

Doch von den Waffen, die während der achtziger Jahre noch in die Arsenale kommen, werden bestimmte Typen von Atomwaffen für die größte Umwälzung sorgen. Sie sind so beschaffen, daß mit ihnen ein Atomkrieg unterhalb der Schwelle totaler Vernichtung geführt werden kann. Amerikanische und russische Kriegswissenschaftler sind tatkräftig dabei, diese Waffen zu entwickeln. Angesichts dieser Situation glaube ich, daß die Wahrscheinlichkeit eines atomaren Weltkrieges stetig zunimmt. Atomwaffen, mit denen sich ein Atomkrieg tatsächlich führen läßt, taugen nun einmal nicht zur Verhinderung eines solchen.

In der letzten Zeit war viel über verschiedene Atomwaffen zu hören – die russischen SS-20-Mittelstreckenraketen, die amerikanischen Marschflugkörper (Gruise Missiles) und die amerikanische Pershing-II-Rakete, sogenannte taktische Atomwaffen, deren Aufstellung in Europa schon läuft oder aber geplant ist.

Zugleich jedoch werden auch strategische Nuklearwaffen entwickelt, die sich für die Führung eines Atomkrieges eignen. Einige, wie der amerikanische Mark-12 A-Sprengkopf für die Minuteman-III-Interkontinentalrakete, werden jetzt bereits in Dienst gestellt. Eines ist offensichtlich: Wenn den Streitkräften viele Typen dieser „verwendbaren“ Atomwaffen zugeführt werden, dann wird sich die Militärtaktik dem bald anpassen und sich Möglichkeiten ihrer tatsächlichen Verwendung ausdenken. Und wenn die Militärs sich erst einmal an den Gedanken gewöhnen, daß ein Atomkrieg geführt werden kann, dann werden auch die politischen Führer darauf kommen, daß ein Atomkrieg „führbar“ und „gewinnbar“ sein kann.

Ein weiterer Grund für die Annahme, daß die Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges steigt, ist in der Tatsache zu sehen, daß der internationale Waffenhandel die modernsten und vernichtungsträchtigsten konventionellen Waffen über die ganze Welt verbreitet. Dieses verderbenbringende Gewerbe wirft mittlerweile einen Reingewinn von jährlich 30 Milliarden Dollar ab und steht faktisch außer jeglicher Kontrolle.

Ein dritter Grund für die Erwartung, daß wir auf eine atomare Welt zutreiben, liegt in dem Umstand, daß mit der Verbreitung der zivilen Nukleartechnik auch die Kenntnis, wie man Atomwaffen herstellt, sich über die ganze Welt ausbreitet.

Der vierte Grund für meine Überzeugung, daß wir einem atomaren Weltkrieg entgegentreiben, wurzelt in dem Scheitern der Staatsmänner: Trotz intensiver Bemühungen ist es ihnen in den dreieinhalb Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gelungen, dem sowjetisch-amerikanischen Wettrüsten und dem weltweiten Waffenhandel Einhalt zu gebieten. Überdies waren sie bis jetzt außerstande, eine wirksame internationale Regelung zu finden, um die Weiterverbreitung von Atomwaffen zu unterbinden.

Niemand vermag zu sagen, wann genau ein atomarer Weltkrieg ausbrechen wird, wenn die Dinge so weiterlaufen wie bisher. Aber der Pessimismus jener, die einen Konflikt noch vor dem Jahr 2000 erwarten, scheint mir durchaus gerechtfertigt zu sein.

Nicht, daß ein direkter Überfall der Amerikaner auf die Russen – oder umgekehrt – die wahrscheinlichste Art und Weise wäre, wie ein solcher Krieg ausbrechen könnte – wenn auch die Gefahr einer Kriegsauslösung durch Pannen oder Fehleinschätzungen ständig gegeben ist. Wahrscheinlicher ist die Ausweitung eines regionalen Konflikts zu einem Atomkrieg. Ein zukünftiger lokaler Konflikt in einer Region der Dritten Welt – etwa im Nahen Osten – könnte als konventioneller Krieg beginnen und dann in einen Atomkrieg eskalieren, in dem die beteiligten Regionalmächte Atomwaffen einsetzen werden. Diese Situation wiederum könnte sich dann zu einem regelrechten Atomkrieg zwischen den beiden Supermächten auswachsen. Solch eine Eskalation wäre am wahrscheinlichsten, wenn die Supermächte auch die Hauptlieferanten der konventionellen Waffen waren, die in dem ursprünglichen Regionalkonflikt eingesetzt worden sind. Hierin liegt die eigentliche Gefährdung des Weltfriedens durch den internationalen Waffenhandel und durch die Weiterverbreitung von Atomwaffen.

Die gegenwärtigen Kernwaffenarsenale der Amerikaner und Russen sind riesig, ganz gleich, welchen Maßstab man anlegt. Die Gesamtzahl der in diesen Arsenalen aufgehäuften Kernwaffen geht in die Zehntausende; vermutlich sind es über 60 000.

Die strategischen Streitkräfte der Vereinigten Staaten verfügen über ungefähr 9000 Kernsprengköpfe mit einer Gesamtsprengkraft, die vier Milliarden Tonnen TNT gleichkommt. Die strategischen Atomwaffen der Sowjets bringen es auf etwa 5000 Sprengköpfe mit einer Sprengkraft von rund acht Milliarden Tonnen TNT.

In den Arsenalen der sogenannten taktischen Atomwaffen befinden sich mehrere zehntausend Kernsprengköpfe, von denen jeder einzelne im Durchschnitt ein paarmal stärker ist als die Hiroshima-Bombe. Diese taktischen Waffen entsprechen nach ihrer Sprengkraft zusätzlichen vier Milliarden Tonnen TNT. Insgesamt bergen die Atomarsenale das Äquivalent von etwa 16 Milliarden Tonnen: die Sprengkraft von ungefähr 1,25 Millionen Hiroshima-Bomben. Anders ausgedrückt: Die nuklearen Arsenale bergen rund vier Tonnen TNT für jeden Bewohner dieser Erde.

Ein nuklearer Weltkrieg, in dem all diese Waffen oder auch nur ein bedeutender Teil eingesetzt würden, hätte mit ziemlich großer Sicherheit folgende Auswirkungen:

  • die Zerstörung aller größeren Städte der nördlichen Hemisphäre;
  • den Tod fast der gesamten städtischen Bevölkerung der nördlichen Hemisphäre durch Druck- und Hitzewellen, ferner den Tod des größten Teils der ländlichen Bevölkerung als Folge von Strahlung;
  • den Tod vieler Menschen der südlichen Hemisphäre durch Fallout (Verstrahlung);

Die langfristigen Folgewirkungen eines atomaren Weltkrieges sind unvorhersehbar. Zu den Risiken gehören:

  • eine Veränderung des Klimas auf der ganzen Erde;
  • eine ernsthafte Verringerung der Ozonschicht, die das Leben auf der Erde vor exzessiver ultravioletter Strahlung schützt;
  • gravierende genetische Schäden als Folge von Strahlungseinwirkung.

Kein Wissenschaftler kann uns mit Sicherheit sagen, daß das menschliche Leben diese Auswirkungen überstehen wird. Nichtsdestoweniger werden die nuklearen Arsenale quantitativ immer noch weiter aufgestockt.

Bedenkenlos jedoch ist die qualitative Fortentwicklung der Atomwaffen – vor allem jene Forschungen, die eine Austragung von Kriegen mit Atomwaffen wieder möglich machen, anstatt vom Kriegsausbruch überhaupt abzuschrecken. Dies beschwört eine viel größere Kriegsgefahr herauf, als die bloße, zahlenmäßige Erhöhung der Sprengköpfe. Die Zahl der Atomwaffen ist schon seit geraumer Zeit astronomisch; da spielt ihre weitere Erhöhung militärisch oder strategisch kaum noch eine Rolle.

Die Vereinigten Staaten wie die Sowjetunion sind dabei, ihre Atomwaffen qualitativ zu verbessern. So soll beispielsweise die Zielgenauigkeit von Amerikas bester Interkontinentalrakete, der Minuteman III, durch eine Fortentwicklung ihres Lenksystems erhöht werden; dies wird die Treffsicherheit – den Streuradius – von ungefähr 350 auf 200 Meter „verbessern“. Bei derartiger Zielgenauigkeit wird es der Sprengkopf Mark-12 A, der die Zerstörungskraft des gegenwärtigen Sprengkopfes mehr als verdoppelt, den Amerikanern viel leichter machen, die sowjetischen strategischen Raketen in ihren befestigten Silos zu zerstören. In der Tat wird der Mark-12 A mit dem verbesserten Lenksystem in der Lage sein, sowjetische Raketen in gewöhnlichen Silos mit einer Sicherheit von 60 Prozent bei einem Schuß und mit 95prozentiger Sicherheit bei zwei Schüssen auszuschalten.

Die landgestützten und mobilen Interkontinentalraketen der Zukunft werden schreckliche Waffen sein. Jede amerikanische mobile MX-Rakete wird zum Beispiel vermutlich zehn unabhängig voneinander steuerbare Sprengköpfe tragen. Sie werden über ein Punktsteuerungssystem (terminal guidance) verfügen, das ihnen eine Zielgenauigkeit von rund 30 Metern verleiht. Die Punktsteuerung stützt sich auf Laser oder Radar, um den Sprengkopf in sein Ziel zu lenken. So gut wie kein militärisches Ziel könnte einen Angriff mit derlei Waffen jemals überstehen.

Die Sowjetunion ist dabei, die Leistungsdaten ihrer Kernwaffen auf den gleichen Wegen wie die Vereinigten Staaten zu verbessern.

Man braucht viel genaue und verläßliche Raketen, wenn man einen nuklearen Krieg führen will. Schon seit Jahren sind ein großer Teil, vermutlich mehr als die Hälfte, aller strategischen

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Sprengköpfe auf militärische Ziele gerichtet, wenn auch gewöhnlich auf großräumige Ziele, die oft in Städten oder deren Nähe liegen. Doch mit zielgenaueren Sprengköpfen können auch kleinere militärische Ziele ins Visier genommen werden.

Obwohl bisher schon viele Atomwaffen auf militärische Ziele gerichtet waren, beruhte die offizielle Nuklear-Strategie, zumindest in Amerika, auf der Annahme gesicherter gegenseitiger Vernichtung (mutual assured destruction), wobei die gegnerischen Städte die Funktion von Geiseln übernahmen. Die Theorie lautete: Der Feind greift nicht an, wenn seine Städte und seine Industrie im Vergeltungsschlag zerstört werden können. Die Schritte in Richtung auf eine Strategie, die den Atomkrieg austragbar macht, sind nicht etwa eingeleitet worden, weil sich die Erfordernisse der nuklearen Abschreckung geändert hätte (die Psychologie des Feindes ist nach wie vor die gleiche), sondern weil die Fortentwicklung der Rüstungstechnik mit einem Male Waffen bereitstellt, die zum Angriff auf das gegnerische Raketenpotential (counterforce) taugen. Wenn aber Waffen erst einmal entwickelt sind, werden sie gewöhnlich auch in den Streitkräften eingeführt. Die Strategie wird dann üblicherweise so verändert, daß die Politiker die Einführung rechtfertigen können.

Die sowjetischen Atomstrategen haben immer mehr Gewicht als die Amerikaner auf die Fähigkeit gelegt, einen Atomkrieg tatsächlich führen zu können – obwohl die russischen Raketen weniger genau und weniger verläßlich sind als ihre amerikanischen Gegenstücke. In dem Maße jedoch, in dem die Qualität der sowjetischen Raketen verbessert wird, wird sich vermutlich auch die russische Strategie zur Führung eines Nuklearkrieges differenzieren. Je mehr die beiden Mächte sich Doktrinen anbequemen, die einen Atomkrieg für führbar erklären, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit seines Ausbruchs, denn die Vorstellung, daß ein solcher Krieg „führbar und gewinnbar“ sei, wird rasch an Boden gewinnen.

Im Laufe der Zeit werden gewiß offensive und defensive strategische Atomwaffensysteme entwickelt werden, die einen nuklearen Überraschungsangriff auf den Verdacht hin erlauben, der Gegner sei zu einem Angriff entschlossen. Dies ist der vielbeschworene pre-emptive first strike: eine vorbeugende Reaktion auf einen befürchteten Präventivschlag. Einige Wissenschaftler meinen, die Rüstungstechnik werde dieses Risiko wahrscheinlich, vielleicht sogar unvermeidlich machen. Dabei heißt die Fähigkeit zum überraschenden atomaren Erstschlag nicht, daß die Vergeltungsmöglichkeiten der anderen Seite total ausgeschaltet würden. Es reicht, daß eine Seite den Eindruck gewinnt, sie sei stark genug, die Vergeltungskräfte des Feindes so weit auszuschalten, daß sich das Ausmaß der Verluste und Schäden auf ein „akzeptables“ Niveau im Verhältnis zum gesetzten politischen Ziel begrenzen läßt. Je rücksichtsloser und verantwortungsloser die politischen und militärischen Führer, desto höher dürfte dieses Niveau liegen.

Eine wirksame U-Boot-Abwehr würde die Gefahr eines Überraschungsangriffes noch erheblich steigern. Etwa ein Drittel aller strategischen Atomwaffen sind auf U-Booten stationiert. Die von Unterseebooten abschießbaren Raketen stellen heute die sichersten Waffen zum Zwecke der Abschreckung durch garantierte gegenseitige Vernichtung.

Doch werden auf dem Gebiet U-Boot-Abwehr ungeheure Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen unternommen. Ihr bloßes Ausmaß wird in absehbarer Zeit mit ziemlicher Sicherheit zu Erfolgen führen. Dazu bedarf es nicht unbedingt eines technologischen Durchbruchs, denn auch ständige Fortschritte in der Begrenzung der Schäden, die feindliche Atomraketen-U-Boote anrichten können, werden letztlich eine Lage entstehen lassen, in der ein Überraschungsangriff als möglich oder gar wünschenswert gilt. Dies wird besonders dann der Fall sein, wenn die auf dem Lande postierten Interkontinentalraketen einem Erstschlag durch die landgestützten strategischen Raketen des Feindes offenliegen. In nicht mehr allzu ferner Zukunft könnten strategische Atomwaffen-U-Boote ebenso verwundbar werden wie die Landraketen.

Nach dem gegenwärtigen Stand ihrer U-Boot-Abwehrtechnik könnten die Amerikaner bereits heute den Schaden, den die strateigsche U-Boot-Flotte der Sowjets mit einem Zweitschlag anrichten könnte, beträchtlich begrenzen, wenn auch noch nicht auf Null reduzieren. Die sowjetische U-Boot-Flotte ist sowieso schon durch die Geographie benachteiligt. Ihre Ausgänge zum Atlantik und Pazifik sind auf Gewässer beschränkt, die ziemlich leicht von bereits vorhandenen U-Boot-Abwehrgeräten überwacht werden können. Überdies besitzt die Sowjetunion zwar über siebzig moderne Raketen-U-Boote, doch sind immer nur sechs oder sieben von ihnen zur gleichen Zeit auf See.

Wenn die nuklear-strategischen U-Boote erst einmal verwundbar werden, wird die Gefahr eines atomaren Weltkrieges besonders groß. Natürlich will kein vernünftiger Staatsmann den Atomkrieg. Nichtsdestoweniger treibt uns der Entwicklungsschwung der Militärtechnik unerbittlich einem solchen Krieg entgegen.

Seit dem Zweiten Weltkrieg sind große Anstrengungen unternommen worden, die Rüstungstechnik an die Leine zu legen und das atomare Wettrüsten zwischen Amerikanern und Russen zu beenden. Viele der klügsten Köpfe der Welt waren an diesen Bemühungen beteiligt. Kein anderes Problem hat bei den Vereinten Nationen und in anderen internationalen Gremien derartig viel Aufmerksamkeit gefunden. Ganze Bibliotheken sind über die Notwendigkeit geschrieben worden, die Militärtechnik zu kontrollieren und dem Wettrüsten Einhalt zu gebieten. Und dennoch ist wegen des enormen politischen Einflusses jener Gruppen in beiden Großmächten, die unaufhörlich die Ausnutzung jeglichen technischen Fortschritts für militärische Zwecke fordern, so gut wie kein Fortschritt erreicht worden. Das atomare Wettrüsten geht ebenso weiter wie das konventionelle – so schnell, wie dies die menschliche Erfindungskraft in der amerikanischen und sowjetischen Gesellschaft erlaubt.

Die größte Hoffnung für die Zukunft, wenn nicht überhaupt die einzige, liegt in der Möglichkeit, daß die Fakten rechtzeitig der Öffentlichkeit, bekannt werden und daß eine aufgerüttelte öffentliche Meinung die widerstrebenden Politiker dazu zwingen wird, das Wettrüsten zu stoppen und abzurüsten. Wenn wir die Politiker sich selbst überlassen, werden sie nicht in der Lage sein, den atomaren Holocaust zu verhindern – selbst wenn sie nichts sehnlicher wünschen. Die Öffentlichkeit hingegen würde, wenn ihr die Wahrheit über das atomare Wettrüsten bekannt wäre, darauf bestehen, daß die Politiker es beenden.

Das eigentliche Dilemma des Atomzeitalters ist, daß den Menschen zwar jene Art von Intelligenz auszeichnet, die ihn befähigt, hervorragenden Gebrauch von der modernen Technik zu machen, daß er jedoch ganz unfähig zu sein scheint, zugleich jene sozialen und politischen Institutionen zu schaffen, die er braucht, die Technik zu beherrschen.

Der Autor ist Direktor des Internationalen Instituts für Friedensforschung in Stockholm