Jost Herbig: Die Gefahren medizinischen Wissens

Wilde" leiteten vor zehntausend Jahren die erste Revolution der biologischen Technik ein. Jäger und Sammler der Steinzeit begannen, die Körner von Emmer, Einkorn und Gerste zu säen, die seit urdenklicher Zeit in der unberührten Natur gesammelt worden waren. Sie hielten sich Herden von Wildschafen und Wildziegen, ihre einstige Jagdbeute.

Sicher ahnten die "ersten Bauern" die Folgen der Veränderungen nicht, die sie eingeleitet hatten. Noch Jahrtausende nach der "Erfindung" der Landwirtschaft steuerten die Jagd und das Sammeln den größeren und gewiß abwechslungsreicheren Beitrag zum Speisezettel bei. Am Ende dieser Übergangszeit waren die domestizierten Pflanzen und Tiere und die zivilisierten Menschen vollständig voneinander abhängig geworden. In freier Natur konnten sie nicht mehr überleben. Die egalitäre Gesellschaft der Jäger und Sammler hatte sich aufgelöst. Macht und Herrschaft regulierten in den Stadtstaaten der sumerischen Hochkultur die Beziehungen zwischen den Menschen. Was als unbedeutende Ergänzung einer traditionellen Lebensform begonnen hatte, hob die archaische Welt aus den Angeln.

Bis weit in unser Jahrhundert blieben die in der Steinzeit gefundenen Verfahren, Lebewesen menschlichen Zwecken anzupassen, Grundlage jeder biologischen Technik. Selbst die hochgezüchteten Getreidesorten der Grünen Revolution, unsere butterbergträchtigen Superkühe und hochgetrimmten Schweine mit zusätzlichen Kotelettrippen verdanken ihre biologischen Besonderheiten den gleichen Techniken, mit denen neolithische Bauern ihren Getreidesorten das lästige Platzen der Samenhüllen nach der Reifung wegzüchteten und dünnfelligen Wildschafen ein dichtes Wollkleid anzüchteten.

In zehntausend Jahren biologischer Technik konnten die von der Evolution gezogenen Grenzen nicht überschritten werden. Kreuzung und Auslese vorteilhafter Kombinationen genetischer Eigenschaften blieben an die Gesetze der Natur gebunden: Kartoffeln ließen sich nur mit Kartoffeln, nicht aber mit Tomaten kreuzen. Der Zufall, Motor der Evolution, blieb Entwicklungsprinzip auch der modernen biologischen Technik. Alles, was der Züchter dank wissenschaftlicher Genetik vermochte, war, dem Zufall Richtung zu geben und die Veränderung zu beschleunigen.

Eine zweite Revolution der biologischen Technik hat schon begonnen. Im Gegensatz zur ersten, wird sie sich nicht allmählich in Jahrtausenden entfalten, sondern in Jahren, allenfalls Jahrzehnten über die Gesellschaft hereinbrechen.

Gezielte chemische Eingriffe in die Erbsubstanz machen es möglich, das von der Evolution entwickelte genetische Programm umzuschreiben, auf das alle Lebensvorgänge zurückgehen. Biologische Technik – Gensynthese, Genübertragung, Zellverschmelzung und verwandte Verfahren – erlaubt es, Lebewesen nach "Maß" zu konstruieren. Biologie und Ingenieu wesen vereinigen sich zur Gentechnik.