Angst vor den "Fremdlingen", verzerrt bis zum Haß – das begann schon vor Hitler und Himmler, schon zu Zeiten der Weimarer Republik, schon unter Friedrich Ebert. Später dann, allerdings, wurde die bloße Angst, die dumm gewesen war, zum Verbrechen, das ungesühnt bleiben mußte: Die Opfer, jene schätzungsweise 385 "Negerbastarde", die noch als Kinder "unfruchtbar zu machen" waren, wußten damals oft gar nicht, was ihnen angetan wurde.

Es begann 1920 mit der "Schwarzen Schmach" am Rhein, mit jenen ungefähr 40 000 farbigen Besatzungssoldaten der französischen Armee. Es begann mit Zeitungsberichten und Broschüren über Vergewaltigungen und "gefällige" Frauen; mit einer Reichstags-Interpellation auch von SPD-Abgeordneten, wo es hieß: "Für deutsche Frauen und Kinder, Männer und Knaben, sind diese Wilden eine schauerliche Gefahr"; mit der Antwort des damaligen Außenministers Köster, der tatsächlich schon zu jener Zeit "aus volkshygienischem Standpunkt heraus" wegen der knapp vierhundert Mischlingskinder "eine Gefahr für Deutschland und Europa" witterte; mit der Anklage von Präsident Ebert gegen die "herausfordernde Verletzung der Gesetze europäischer Zivilisation" durch die angeblich sexbesessenen Marokkaner in Köln, Wiesbaden oder Düsseldorf. Und ehe Hitler kam, legte die Reichsregierung 1932 zur Abwehr einer "Verschlechterung der Volksrasse" den Entwurf eines Gesetzes zur freiwilligen Sterilisation vor, der indessen nicht mehr angenommen wurde. Danach wurden dann, wie bekannt, Ausländerangst und Fremdenfurcht zu politischen Maximen, zu Legitimationen des Verbrechens, zu staatlichen Freibriefen für den Massenmord. Die Wurzeln eines Wahns aber reichen tiefer, weiter zurück, wie es:

Reiner Pommerin: "Sterilisierung der Rheinlandbastarde. Das Schicksal einer farbigen deutschen Minderheit 1918–1937"; Droste Verlag, Düsseldorf; 114 Seiten, 26,– DM

an diesem einen, vergleichsweise "harmlosen" Fall nachgezeichnet hat.

In der Nachfolge des "Holocaust"-Aufschreckens wollten viele wissen, wie es geschehen konnte; es muß aber auch gewußt werden, wann es geschehen konnte, ab wann. Hier ist es, für einen speziellen Bereich, genau dokumentiert.

Und es ging, wie bei einer gut geölten, fehlerlos funktionierenden Maschine, so weiter: Gegen die "Bastardnaturen" waren aus "rassischem Stilgefühl" und zur Erreichung des "nordischen Zuchtziels" Eingriffe nötig, um die "Vermehrung des Leidens zu verhüten". So wurde damals geredet, gelogen. Hohe Ministerialbeamte waren daran beteiligt, vor allem auch Ärzte und Wissenschaftler. Tagungen fanden statt, unter strenger Geheimhaltung. Papiere wurden angefertigt, Pläne erwogen: Brauchen wir ein neues Gesetz? Das bringt nur das Ausland und die Kirche gegen uns auf. Muß der "Führer" selber die letzte Entscheidung fällen, wie dieser "Akt der Notwehr" vollzogen werden soll, ob freiwillig oder gewaltsam; wer es übernehmen soll, die Partei oder der Staat? Er wurde dann nicht damit behelligt, es klappte auch so.

So zum Beispiel: Der Siebzehnjährige, der als Rheinlandbastard die "typischen Merkmale" eines Mischlings aufwies – "störrisches Wesen, Vorliebe zum Straßenleben" –, war gerade als Schiffsjunge unterwegs. Da die Berliner Sonderkommission 3 der Gestapo über ihn verfügt hatte, er sei "unfruchtbar zu machen", wurde er gegen Mitternacht während seiner Fahrt auf einem Rheinkahn aufgegriffen und an seinen Heimatort geschafft. Seine Eltern stimmten dem Eingriff zu, der Chirurg schrieb am nächsten Tag der Berliner Gestapo-Kommission vertraulich: "Erfolg der Operation: sicher." Und so geschah es mit Hunderten, mit Jungen und Mädchen jeglichen Alters. Es war der Anfang von Auschwitz: Nach der Zwangssterilisierung kam die "Vernichtung unwerten Lebens", kam die Vernichtung der Juden.

Im Jahr 1920 hatte der Arzt Dr. Rosenberger über die "Rheinlandbastarde" geschrieben: "Sollen wir schweigend dulden, daß künftig an den Ufern des Rheins statt der hellen Lieder weißer, schongesichtiger, gutgewachsener, geistig hochstehender, regsamer gesunder Deutscher die krächzenden Laute grauscheckiger, niederstirniger, breitschnäuziger, plumper, halbtierischer, syphilitischer Mulatten ertönen?" Es war, schon damals, die Sprache des Unmenschen. Aber keiner hat sie hören, keiner Furcht vor ihr bekommen wollen.