Das Ziel, Leben und Werk der Else Lasker-Schüler auf einen soliden Boden überprüfbarer Tatsachen zu stellen, hat das Buch erreicht von Sigrid Bauschinger: „Else Lasker-Schüler – Ihr Werk und ihre Zeit“; Lothar Stiehm Verlag, Heidelberg, 1980; 455 S., 88,– DM.

Manchen neuen Zugriff hätte man sich entschiedener gewünscht, manche Kritik schärfer, manches Ergebnis zitierbarer, das Ganze vielleicht knapper, konziser – gründlicher dagegen geht es kaum.

Sigrid Bauschinger hat ganze Arbeit geleistet. Dabei ist sie nicht die erste, die sich die Entmythologisierung der Lasker-Schüler zur Aufgabe gesetzt hat. Sie ist nicht die erste, die fragt, was es auf sich hat mit den Legenden um diese schon in ihrer Jugend legendäre Gestalt, mit den jüdischen Wurzeln ihrer Dichtung, mit der idyllischen Kindheit und Jugend, mit der lebenslangen Armut und Not – um nur die hartnäckigsten Themen zu nennen.

Doch im Unterschied zu ihren Vorgängern räumt Sigrid Bauschinger mit den alten und den durch Revision der alten entstandenen neuen Vorurteilen auf. Weil sie dabei aus einer Fülle von (entlegensten) Quellen schöpft und den Standpunkt des Berichterstatters nie verläßt, bereitet sie den Boden für ein angemessenes Verständnis dieser vielumstrittenen Dichterin.

Daher erscheinen mir auch die Kapitel ihrer Arbeit, in denen sie Person und Werk Schicht für Schicht von ihrer Übermalung befreit, besonders wichtig. Nicht umsonst bilden die Kapitel „Die Lasker-Schüler-Legende“ und „Die Lasker-Schüler-Leser“ als erster und letzter Teil dieKlammer für acht Kapitel, in denen sich die Autorin unter jeweils anderem Aspekt systematisch mit Zeit, Person und Werk auseinandersetzt (und auch der Zeichnerin und Briefeschreiberin Lasker-Schüler einen Platz einräumt). Dabei macht sie Ernst mit der Tatsache, daß sich nur eins aus dem andern verstehen läßt, daß Wirklichkeit und Kunst für diese Dichterin nicht zu trennen sind. Von ihren ersten Anfängen an hat die Lasker-Schüler mit Leidenschaft und Konsequenz am Bild vom exotischen Märchenwesen des Dichters gearbeitet, und immer haben sich Menschen gefunden (der eifrigste war Peter Hille, mit ihm betrieb sie eine Stilisierung auf Gegenseitigkeit), die sie kräftig dabei unterstützten. Der Satz über ihre Wirkung zu Lebzeiten: „Entweder mochte man sie oder nicht“, trifft ihre Person so gut wie ihr Werk: auf der einen Seite Benn, der sie verehrte, auf der anderen Kafka, der sie nicht ausstehen konnte.

Die Nachkriegszeit war, unter dem Zeichen der Wiederentdeckung, nicht geeignet, eine sachliche Prüfung des Wirkens dieser Dichterin zu leisten. Natürlich gab es immer einzelne Stimmen, die sich um eine angemessene Würdigung bemühten – allen voran Werner Kraft. Daß die Achtundsechziger-Generation mit einer Dichterin, die sich selbst und ihr Werk so unhistorisch präsentiert, wenig anfangen konnte, leuchtet ein. Bedenkt man, daß sich neben der neuen kritischen Verzeichnung die alte schwärmerische immer noch bemerkbar machte, so wird man Bauschingers Leistung um so höher werten.

Mit diesem Buch haben wir das Material, um etwa die literarhistorischen Wurzeln von Else Lasker-Schülers Dichtung in Jugendstil und Expressionismus zu bestimmen. Auch die Bedeutung der Berliner Bohème für Lasker-Schülers literarisch fruchtbarste Zeit zwischen 1907 und 1914 ist jetzt zu erkennen. Damals entstanden die großen Gedichtbände, das Drama „Die Wupper“, die Geschichten vom „Prinz von Theben“, die „Hebräischen Balladen“, der Liebesroman „Mein Herz“. Ihr Verhältnis zum Judentum kann jetzt gesehen werden als das, was es war: äußerst eigenwillig, „instinktiv“, „emotional“, romantisch. Armut und Einsamkeit der Dichterin können jetzt begriffen werden als zwar zeitweilig vorhanden, aber oft auch als selbstgewählte, zum Selbstverständnis notwendige Rolle. Dies wiederum wirft neues Licht auf die gesamte Exildichtung.