Von Manuela Reichart

Im September 1976 wird Maxie Wander, in Wien geborene Bewohnerin der DDR, in eine Frauenklinik eingewiesen. Befund: Knoten in der linken Brust, Verdacht auf Krebs. In einem Brief an den Bruder schreibt sie nüchtern eine „Kurzfassung“ ihrer Situation:

„Die Frauenärztin, die ich im Juli konsultierte, sagte ‚Das müssen wir im Auge behalten!’Aber ich müßte mich einem Chirurgen vorstellen. Und Chirurgen seinen zur Hälfte auf Urlaub und die andere Hälfte mit Unfällen überlastet. Rommen Sie Anfang September wieder!‘ Und dann gab sie mir eine Salbe, die ich auf die Brust schmieren sollte. Etwa, um mich zu beruhigen? – Da bin ich durch eine bekannte Ärztin an die Charite in Berlin verwiesen worden. Dort saß eine ganz junge Ärztin, betastete den Knoten in meiner Brust und wußte anscheinend auch nicht so recht, sagte was von Mammographie... da hätte ich aber auch erst einen Termin Ende August gekriegt. Ich bestand darauf, dem Oberarzt vorgestellt zu werden, das dauerte wieder eine Woche. Der Oberarzt schaut sich das an und sagt: ‚Raus muß das auf jeden Fall!‘ Und verschwindet. Die kleine Ärztin sagt ziemlich hilflos: ‚Na ja, fahren Sie halt auf Urlaub, dann werden wir sehen...‘ Dann hatte ich sofort nach den Ferien einen Termin, diesmal untersuchte mich eine andere Ärztin, auf deren Station ich kommen sollte. Die sagte: Warum kommen Sie erst jetzt? Natürlich hat keiner der Ärzte meine Frage beantworten können, ob’s Krebs is oder net ... Ich kenne jetzt fünfzig Frauen, bei denen es Krebs war, und fünfzig, bei denen es kein Krebs war. Und was fang ich mit diesem Wissen an?“

Maxie Wander wird operiert, beruhigt, entlassen, immer wieder geröntgt und bestrahlt, neu eingewiesen; schließlich entfernt man die Eierstöcke, damit „die Hormonproduktion im Körper eingestellt wird“. Die Ärzte sprechen der Frau, deren Körper zum Experimentierfeld einer hilflosen, sich widersprechenden Medizin wird, weiterhin gut zu:

„Später fällt mir ein, was er noch gesagt hat: Welche Folgen die Operation haben kann? Dick muß man nicht werden, heute weiß man über die Ernährung genügend Bescheid, eine kluge Iran kann das regulieren. Was die Patientinnen am meisten fürchten, ist, die Vermännlichung. Tritt aber nicht oft auf. Der ganze Alterungsprozeß wird lediglich um einige Jahre vorverlegt. Seelisch kann man vieles ausgleichen. Ich kenne Frauen mit fünfzig, die sexuell und in jeder Hinsicht voll erlebnisfähig geblieben sind, trotz entfernter Eierstöcke. Und die Nebenniere produziert ja auch Hormone, leider...‘ Leider für den Krebs? ... Und dann fällt mir ein (und warum, warum arbeitet mein Hirn unaufhörlich), jällt mir ein, daß ich im Frühjahr einige Nebennierenhormonspritzen bekommen habe, gegen Heuschnupfen, die auch auf meinen Tumor gewirkt haben konnten, zusammen mit den anderen Hormonspritzen im Winter, als die Regel ausblieb und meine Brust so groß wurde. Ob sich die Ärzte es reiflich überlegen, wann sie einer Patientin Hormone spritzen?“

Maxie Wander, inzwischen 43 Jahre alt, hat Schmerzen, verzweifelt, macht trotzdem Pläne, die von jedem neuen Ausbruch der Krankheit umgestoßen werden. Und sie schreibt. Als könne sie damit den Krebs bannen, verfaßt sie Briefe und Tagebuchaufzeichnungen über das Leben in der Klinik, über die anderen kranken Frauen, ihren Mann, der langsam erst die Bedrohung begreift, und über die Freunde, die am Krankenbett nicht nach dem Befund fragen, die feig und ängstlich der Benennung ausweichen, Krankheit und Sterben tabuisieren.

Nach ihrem Tod hat Maxie. Wanders Mann diese Aufzeichnungen herausgegeben, und – das macht die erschütternde Intensität dieser Texte aus – durch Aufzeichnungen und Briefe vergangener, gesunder Jahre ergänzt. So entsteht nicht allein das Porträt einer vom Krebs Gezeichneten, man lernt auch die gesunde, auf ihren Körper vertrauende Frau kennen, in dem Buch von –