Von Joachim Nawrocki

Der Abend, Berlins einst so beliebte Boulevardzeitung, erscheint seit Mitte September am frühen Morgen. Zu der Paradoxie zwischen Zeitungstitel und Erscheinungszeit kommen beträchtliche Anfangsschwierigkeiten. Seit im Juni der persische Kaufmann Hossein Sabet das marode Blatt gekauft hat, gab es allerhand einschneidende Veränderungen, und nicht alles lief wie gewünscht. „Was er da und welche Verantwortung er da übernommen hat, das ist ihm wohl erst jetzt wirklich klargeworden“, schrieb kürzlich der neue Redaktionsleiter Karsten Peters über den neuen Verleger.

Der Mann, der den Abend für alles in allem rund eine Million Mark kaufte, muß in der Tat mit sehr viel mehr Schwierigkeiten rechnen, als er ahnen konnte. Zu den Hypotheken, die er übernommen hat, kommen selbstgeschaffene Probleme und auch Schachzüge der Konkurrenz. Eins allerdings ist klar: So viel Geld wie sein Vorgänger Carl E. Press kann Sabet kaum verlieren; Der Speditionskaufmann Press hatte die Zeitung Anfang 1978 für 7,1 Millionen Mark gekauft und – nach Prüfung der Unterlagen – vom früheren Abend-Verleger Hans Sonnenfeld erfolgreich zwei, bis drei Millionen zurückgefordert. Mindestens, drei Millionen hat also Press allein durch Kauf und Verkauf verloren, und das zweieinhalbjährige Abenteuer als Verleger dürfte ihn noch einmal ein paar Millionen gekostet haben. Am Niedergang des Blattes hatte das gleichwohl nichts geändert.

Daß in dieser Situation ein neues Konzept her mußte, wenn der Abend überhaupt überleben sollte, war klar. Hossein Sabet hat sich, nach Bedenkzeit und Beratungen, dafür entschieden, aus dem Mittags- ein Morgenblatt zu machen. Damit konkurriert die Zeitung direkt mit den Boulevardblättern Bild und BZ und muß nicht auf die eng begrenzte Zahl derer hoffen, die bereit sind, neben ihrer Morgenzeitung ein zweites Blatt zu kaufen. Auch äußerlich und inhaltlich sollte dieses neue Konkurrenzverhältnis zum Ausdruck kommen. Einige erfahrene Journalisten, flotte Schreiber und prominente Gastkommentatoren sollten dieses bewerkstelligen.

Aber das lief nicht wie geplant. Ende Juli schied der bisherige Chefredakteur, Jürgen Engen, wegen „unüberbrückbarer Differenzen über die künftige äußere und innere Verfassung des Blattes“ von einem Tag zum anderen aus. Er war nicht der erste, und er wird nicht der letzte sein. Der stellvertretende Chefredakteur, Herbert Mittelstaedt, ging bald danach. Von den rund zwanzig Redakteuren, die heute im Impressum stehen, sind nur noch die Hälfte vom alten Stab, und mehrere haben bereits gekündigt. Die Neulinge sind meist junge Leute und überwiegend nicht aus Berlin. Es fehlt ihnen an Erfahrung und Ortskennntis, wie man fast täglich bei der Abend-Lektüre merkt.

Karsten Peters, der jetzt die Redaktion leitet und für Politik verantwortlich zeichnet, ist ein Feuilleton-Redakteur, der unter anderem bei der Münchener Abendzeitung und dem Hamburger Abendblatt gearbeitet hat. Er ist nach Berlin gekommen, um, wie er sagt, mit seinem Freund Dieter Gütt zusammenzuarbeiten. Aber der Fernsehjournalist Gütt, der als Chefredakteur vorgesehen war, hat offenbar Probleme mit seinem jetzigen Arbeitgeber, den ARD-Anstalten. Es gelingt ihm nicht, dort auszuscheiden oder sich beurlauben zu lassen und trotzdem sein Anrecht auf die ansehnliche ARD-Pension zu behalten. So firmiert er jetzt im Abend-Impressum als „Berater der Chefredaktion“, was immer das ist.

Die redaktionelle Basis ist also ziemlich dünn. Pannen und Fehler bleiben nicht aus, es gab Fehlinformationen, Bilder wurden vertauscht, der Roman vergessen; doch allmählich geht es besser. „Zufrieden sind wir natürlich nie“, sagt Peters, aber er findet es „eigentlich toll“, was doch schon erreicht worden sei. Vor allem bei der Auflage. Vor dem Verkauf an Sabet hatte der Abend gerade noch 44 000 Kunden. Als er frühmorgens erschien, fand er am ersten Tag 72 000 neugierige Käufer und am zweiten Tag 60 000. Dabei sei es bis jetzt geblieben, sagt Peters. Aber es gibt Branchenkenner, die behaupten, das Blatt habe inzwischen wieder Leser verloren. Die Branche wartet jetzt mit Spannung, welche Zahlen für das dritte Quartal 1980 gemeldet werden. Übermächtig ist die Konkurrenz aus dem Springer-Konzern dennoch. Bild-Berlin verkaufte über 120 000, die BZ knapp 300 000 Exemplare