Von Michael Seyfert

Die Geschichte der 55 000 Flüchtlinge aus Deutschland, Österreich und dem Sudetenland, die bei Kriegsausbruch im britischen Exil lebten und formal zu „feindlichen Ausländern“ wurden; ihre Internierung im Sommer 1940 und die Deportation eines großen Teils von ihnen nach Übersee, die Revision britischer Asylpolitik sowie die künstlerischen und kulturellen Leistungen der Exilanten – all dies ist von der Forschung in Deutschland und in Großbritannien bislang wenig beachtet worden. Jetzt, nach genau vierzig Jahren, liegen gleich zwei britische Untersuchungen vor, die sich mit diesem Thema befassen:

Peter and Leni Gillman: „Collar the Lot! How Britain interned and expelled its Wartime Refugees; Quartet Books, London 1980; 334 S., £ 8.95.

Ronald Stent: „A. Bespattered Page? The Internment of ‚His Majesty’s most Loyal Enemy Aliens‘“; Andre Deutsch, London 1980; 282 S., £ 7.95.

Die Untersuchung der Gillmans stützt sich auf weitaus detailliertere Studien der Regierungsunterlagen und beschreibt den Entscheidungsprozeß innerhalb der Ministerien und des Kabinetts ausführlicher. Freilich sind auch heute noch nicht alle Quellen öffentlich zugänglich; das Innenministerium gestattet Forschern nur Einblick in eine begrenzte Anzahl noch verschlossener Dokumente.

Stents Darstellung hat ihre Stärke in der Beschreibung des Lageralltags der Internierten. Er teilt aus eigenem Erleben mit, sein Buch ist auch Suche nach Erklärung für selber Erfahrenes.

„Grotesk“ und „absurd“, so erschien es den Flüchtlingen, die im Sommer 1940 von ihren britischen Verbündeten, an deren Seite sie den Nazi-Terror bekämpfen wollten, hinter Stacheldraht gesperrt wurden. Zunächst hatte das Gastland dem Vertrauensvorschuß der Vertriebenen und Verfolgten alle Ehre gemacht. An der Herkunft der „feindlichen Ausländer“ bestand vorerst kein Zweifel: Sie wurden nicht, wie zu Kriegsbeginn in Frankreich, zu Tausenden in Lagern zusammengepfercht. Innenminister Sir John Anderson galt dies als „unangemessen“. Lediglich bekannte Nazisympathisanten und -aktivisten wurden bei Kriegsausbruch vom Geheimdienst M.I. 5 verhaftet, alle anderen Deutschen und Österreicher von besonderen Tribunalen auf ihre Loyalität gegenüber ihrem Gastland geprüft. Nur wenige erregten Verdacht und wurden als Sicherheitsrisiko interniert, 99 Prozent blieben in Freiheit und wurden offiziell zu „freundlichen feindlichen Ausländern“.