Von Hans-Jürgen Heinrichs

Fragen Sie mehr über Carl Einstein – sieht man in sein Gesicht, so wie es auf Photographien reproduziert ist oder wie es Dolbin 1926 zeichnete, kann man sich vorstellen, in den anderen mit der Lust am Denken und Handeln einzudringen oder an ihm zu scheitern; Carl Einsteins Gesicht ist ernst, konzentriert, verbissen, hartnäckig. Er streckt nicht die Zunge raus, er ist nicht Albert Einstein.

Carl Einstein, 1885 geboren, war Expressionist und Kubist, so ist er in der Kunstgeschichte notiert – und vergessen. Weil die Idee des Kubismus ihre Schärfe einbüßte: eine Ästhetik der Formen, als symbolisch strukturierter und hypothetisch durchgespielter Wahrnehmungen darzustellen. „Die Sehweisen sterben in den Gegenständen ab.“

Wird man der Fülle seines dichterischen Werkes gewahr, ist man ebenso überrascht wie beim Anblick der „Ecrits“ des Malers Magritte oder der „Texte“ des Musikers John Cage. In den 20er und 30er Jahren kannten Carl Einstein in Paris die revoltierenden Dichter und Maler: Michel Leiris, Picasso, Georges Braque oder Georges Bataille, mit dem er in der Redaktion der Zeitschrift Documents zusammenarbeitete. (Einstein war einer der aktivsten Zeitschriftenherausgeber und -mitarbeiter: Der Demokrat, Die Gegenwart, Aktion, Neue Hefte, Die Pleite, Der blutige Ernst, zusammen mit George Grosz und anderen.)

Einsteins 1915 erschienener Essay „Negerplastik“ (begleitet von einem ausführlichen Abbildungsteil) sowie zahlreiche Texte zur „L’Art nègre“ stachelten mit die Faszination an der „Kunst der Primitiven“ an. Die Negerplastik zeigte ihm am deutlichsten das „plastische Sehen“, die „Kunst rein plastischer Formen“, die „Kunst des Kubischen, der kubischen Raumanschauung, der Absolutheit der Form“, entgegen der „Plastik des Kontinentalen“, die von „malerischen Surrogaten stark durchkreuzt ist“.

Die Situation, aus der Einstein seine Arbeit über die „Negerplastik“ schrieb, ist von der heutigen insofern unterschieden, als der Neger uns nicht mehr von vornherein als „der inferiore Teil“ erscheint, der „rücksichtslos zu bearbeiten ist“, und das von ihm Gebotene nicht „a priori als ein Manko verurteilt“ wird. Aber die Situation ist doch insofern der heutigen sehr ähnlich, als auch wir uns der fremden Kultur nie ohne das Gefühl der Überlegenheit nähern. Die „alternative“ Vereinnahmung des „Wilden“ ist davon nur eine ebenso unbrauchbare und verzerrende Variation. Einstein versuchte die, wie er meinte, immer religiös motivierte „Kunst der Primitiven“ einerseits völlig aus ihren Eigengesetzlichkeiten zu bestimmen, die er aber andererseits nur über sein in westlicher Kultur ausgebildetes Modell von Kunst verstehen konnte: Das war die Theorie und Praxis des Kubismus, in der er die Plastiken als „Gebilde“ aus der Anschauung heraus zu bestimmen versuchte.

Die Negerlieder, Negergebete und Negermythen, die Einstein nachdichtete, sind, anders als das Vorurteil von der leichten Muse des Folkloristischen meint, auch schwierig, hermetisch, voller Abstraktionen: „Neger-Gebet: / Feuer nachts im Augapfel des Menschen. Versenkte Nacht. / Feuer das brennt nicht hitzt, / loht nicht glüht./ Feuer fliegt ohne Leib ohne Halt. Weiß nicht Hütte noch Herd, / Feuer von Palmen durchzuckt. Ein Furchtloser nennt dich ...“

Den Expressionisten (vor allem dem Bewunderer Gottfried Benn) und den Surrealisten (denen er empfahl, Revolution und Revolte klar zu unterscheiden) war er durch seinen bereits 1912 publizierten Roman „Bebuquin oder Die Dilettanten des Wunders“ bekannt. Wie Leiris war er ein unermüdlicher Porträtist der Künstler seiner Zeit; einem größeren Publikum wurde er durch seine 1926 erstmals erschienene, noch heute gültige „Kunst des 20. Jahrhundert“ bekannt. 1936 schloß er sich im Spanienkrieg den Internationalen Brigaden an; 1940 nahm er sich in Südwestfrankreich das Leben.

Bei wenigen war er in Erinnerung geblieben, als Helmut Heißenbüttel 1962 unter dem Titel „Ein Halbvergessener“ an ihn erinnerte: Einstein kannte nichts anderes „als Literatur, Kunst und den Verlorenen beizustehn ... Wo er eingriff, aktiv teilnahm, bei Spartakus, bei den spanischen Republikanern, tat er es, so scheint es, nicht, um einer Sache zum Siege zu verhelfen, sondern um sich durch Einsatz seiner selbst am Verlorenen zu beteiligen.“ Einstein und Benjamin starben, nahe beieinander, in einem Abstand von zwölf Wochen.

Sicher wird die in diesem Jahr im Berliner Medusa Verlag neu begonnene Ausgabe seiner „Werke“ (in chronologischer Abfolge und den zum Teil handschriftlichen und schwer datierbaren Erstveröffentlichungen folgend) diese Interpretation der durch Leid und Zweifel motivierten politischen Aktivität neues Material (dafür und dagegen) liefern. Das 1970 erschienene Einstein-Heft der Zeitschrift alternative hatte sich schon der Standortbestimmung von Einsteins „Leben und Werk ... im Klassenkampf, seiner „politischen Kritik an Kapitalismus und Imperialismus“ gewidmet. Der Essay und das Pamphlet (Entwurf einer Ästhetik) „Fabrikation der Fiktionen“ und die darin zu Anfang der dreißiger Jahre ausgesprochene Forderung nach praktischer Solidarität der Intelligenz mit der Arbeiterklasse wird dafür als Beleg genommen.

Subjektivismus, Originalität und der monologische Mythos die Diktatur der individuellen Fiktionen“, die „Fabrikation der Fiktionen das Postulat von der Identität und Autonomie des Individuums und schließlich die Kunstgeschichte als Geschichte der extremen Leistungen sind die Positionen, gegen die Einstein seine Ästhetik formulierte.

Dagegen fordert und praktiziert er die Destruktion der Fiktionen: zum einen resultiert daraus die „kollektive Syntax“ – das „Ich“ wird aus der Grammatik verbannt und durch das politisch handelnde „Wir“ ersetzt – zum anderen die Verbannung der „Gestalten“ aus der literarischen Erzählung, deren Ersetzung durch die Signifikanz eines szenischen Arrangements, einer Textstruktur. Figuren erscheinen als Kunstfiguren, Ansichten als Auswahlmöglichkeiten aus einem vorfindbaren Repertoire, Meinungen und Weltanschauungen als austauschbare Positionen. Es ist eine „Phänomenologie des Geistes, der das System abhanden gekommen ist“ (Katrin Sello). Die Stärke der Visualität, das „plastische Sehen“, die Konstruktion und das Modell, der kollektive, perspektivische, synthetische Stil – das soll das Mittel sein, um die metaphysischen Verschleierungen der Intellektuellen abzulösen. Überzeugt von durchsetzbarer kollektiver Bewußtheit in Kultur und Gesellschaft jagt das Individuum dem Allgemeinen nach, als war’s die Beute und nicht immer nur der Schatten. Einstein klammert sich nicht aus der Reflexion dieses radikal gewollten Unterfangens. „Wo bin ich, der ich mir immer entfliehe

Dem Leben und Werk von Carl Einstein – gezeichnet von der intellektuellen, politischen und künstlerischen Leidenschaft – sind die kurzen Wege fremd; unglücklicherweise ist die Geschichte seiner Werk-Editionen ebenso quer (durch die Verlagshäuser und Projektierungen) verlaufen. 1962 hatte Ernst Nef einen Band „Gesammelte Werke“ (bei Limes) herausgegeben, ab 1969 setzten vor allem Sibylle Penkert, Katrin Sello und Hartmut Rosshoff die publizistische Arbeit am Gesamtwerk fort, bis schließlich 1973 der Rowohlt Verlag die „Gesammelten Werke in Einzelausgaben“ mit der „Fabrikation der Fiktionen“ begann. Es blieb dabei.

Wenn jetzt wiederum ein Anfang (mit einem schön gemachten ersten Band und der Neuausgabe von Einsteins erstmals 1925 herausgegebenen „Afrikanischen Märchen und Legenden“) gemacht wird, ein Anfang, der in eine Zeit fällt, die ja sogar Bataille, Leiris oder Roussel, Otto Nebel, Paul Scheerbart oder Salomo Friedlaender neu zugänglich werden – dann sollte nicht vergessen werden, welch eine riesige editorische Arbeit schon getan wurde und welche Opfer sie noch fordern wird, wenn wirklich eine Gesamtausgabe herauskommen soll, die womöglich auch die Nachlaßberge erschließen sollte. Fünf Bände werden dafür nicht ausreichen.

Band I bringt Werke aus der Zeit von 1908 bis 1918: „Bebuquin“, „Parafrase“, „TotalitätI–V“, „Negerplastik“, „Negerlieder“, „Negermythen“, Essays, Anmerkungen, Rezensionen, Erzählungen, „Texte“ – fast eine Expedition. Kein Künstler und Intellektueller, der nicht an irgendeiner Stelle von diesem Denken überrascht und überzeugt werden könnte.

Der Anfang der modellhaften literarischen Entwürfe Einsteins ist in seinen „Vier Verwandlungen. Legenden“, im „Snobb“ und „Vathek“ von 1908–1910zusehen: die Rekonstruktion und das In-Szene-Setzen von Lebensverläufen über Sprachverläufe.

„Dieser trübe Jüngling ging einstmal in einen Herbstabend, der still und traurig war, daß ein Schreiten der Tödlichkeit des Tages fast widersprach, wie du neben einem Sterbelager stillstehst und nicht tanzest wie zum Fest.

Die Farben waren erloschen bis zum letzten Rest, aber was das Auge an Lust verloren, mußte sich die Seele an Trauer gewinnen. Wir waren eingehüllt in das Himmelreich, denn ich schritt hinterdrein, nicht von ihm gesehen.

Diese Trauer war des Jünglings Lust; denn so ist der Mensch geschaffen, daß Qual und Sünde, die er verübt, ihm lustig werden und ihn stets weiter zur Verdammnis locken ... Er ging in die blassen Bäume des Waldes und über die mattergreiste Wiese, auf der eine schimmerlose Sonne stand und schwebte.“

Schmerzvoll-lustvolle Naturerfahrung als Erfahrung in den Gebilden aus Buchstaben und Worten, vor allem Substantiven (Ich, Sein, Ohnbewußtsein, Abhub der Zeiten), die die Fremdheit des „Nicht-Ich“ evozieren und nur mühsame Annäherungen an das „Wirkliche“ darstellen: „Dies Blatt hob er auf und beschaute es und ihm war, er habe noch nie ein solches gesehen, besah es nach allen Seiten, wandte seine stolzen Worte heran, wie Ornament, Liniengefüge und solches mehr, im Nachdenken über das Blatt. Wenn dies ihm wieder vor Augen kam, spürte er, daß die Worte und Gedanken nie ausreichten, dies Blatt zu bilden. Und ihn gedachte ...“ – philosophische, sprachspielerische Entwürfe des Verstehens und der Literatur, Allegorie, Metapher. Keine „Gebrauchskunst“. Zu nichts nutze?

„Verstorbene Sprache zu erwecken dem Zusammenklang, den Abstufungen und Verwendungen im Sprachgefüge folgen, Wörter abhören, Exerzitien des Redens und Schreibens, auf den Spuren der écriture, „jetzige Redeweise zu töten und künftige zu schöpfen Welch dichterisches Ziel könnte revolutionärer sein?

Die „Legenden“ stehen am Anfang des modellhaften Versuchs, Welt über Sprache (sich) zu erschließen, geplagt von der Sünde, der Strafe und dem Bösen, vom Über-Ich, wie in jedem künstlerischen „Jugendwerk“, geprägt von Pathos, Religiosität und anarchistischen Aufbruchsphantasien – und das Weib lockt gleich einer „feurigen Schlange ..., geheiligt“.

Der revolutionäre Wille ist identisch mit der Idee der Wahrheit und ihrer Durchsetzung. Wenn sich die Wahrheit in der Gesellschaft selbst als Utopie zu zersetzen droht, und die Wünsche nur noch „hohl und weitfaltig um gemagerte Dinge“ hängen, wird der Kunst eine Aufgabe zuteil, die vielleicht nur sie lösen kann: Dem noch nicht verbrauchten Geist des Wortes Gehör zu verschaffen, die Bedeutung der Dinge zu rekonstruieren, die Lebensfülle der Symbole und Mythen zu sagen, die Phantasie der Macht entgegenzusetzen.

Einsteins Literatur ist geprägt von der Schärfe seines Umgangs mit den Worten, seiner Ironie und Parodie, seiner Angriffe auf die Symbolisten, den falschen Lyrismus, die Seelengeschwader, die Hymnen „kelternder Religiosität“.

Einsteins Stärke liegt im Pamphlet, im Essay und Traktat, im Entwurf und in der Rezension, seine Anfänge sind fast immer grandios: „Brief über den Roman. – Lieber Herr! Ich danke Ihnen, daß ich Ihr Buch lesen durfte; dieser Dank ist um so kräftiger, als ich Ihnen den freundschaftlichen Rat zu geben wage, es nicht drucken zu lassen ...“ – „Politische Anmerkungen. – Der Darwinismus ist eine durchaus parlamentarische Wissenschaftstheorie. – Alles soll zu Wort kommen, jedem soll es Wohlergehen – die gesunde‘ Majorität spricht, die edelsten Trottel halten die Reden ...“ – „Parafrase. – Parafrase ist: Jemand sieht einen Fisch in einem Geschäft ausgelegt, stellt über ihn eine biologische Betrachtung an und kauft ihn für die Familie ...“

Carl Einstein: „Werke – Band I: 1908 bis 1918“, herausgegeben von Rolf-Peter Baacke und Jens Kwasny; Medusa Verlag, Berlin, 1980; 519 S., 128 Abb., 78,– DM.

Der Editionsplan sieht vor: „Band II – 1919 bis 1928“, herausgegeben von Henriette Beese und Jens Kwasny unter Mitarbeit von Lilian Meffre (Frühjahr 1981); „Band III – 1929 bis 1940“ (Texte aus der Pariser Zeit); „Band IV“ (Briefe und Materialien); „Band V“ Ergänzungsband, Texte aus dem Nachlaß; Register; außerdem mehrere Sonderbände; alle im Medusa Verlag, Berlin.