Wortseliger Aufstieg ins Gebirge ewigen Schweigens – Seite 1

Von Rolf Michaelis

Seltsames Buch. Erzählung und poetisches Manifest. Märchen und Autobiographie. Lese- und Lehrbuch. Kühl objektive Beschreibung von Beobachtungen in der Natur und hitzig subjektive Selbstergründung. Ein Buch, das man aus der Hand legt, um es gleich noch einmal zu lesen, gierig nach einer zweiten, dritten Bedeutung. Knapper Bericht von Wanderungen auf den Spuren des Malers Paul Cézanne (1839–1906) in Südfrankreich und hintersinniger Kommentar zu Leben und Werk des 1942 in Griffen/Kärnten geborenen Autors.

Die 139 Seiten diesesBuches mit dem Hauptwort der Didaktik im Titel: "Lehre", kann man lesen als klügelnde Erzählung von Reisen und Fußmärschen zu dem von Cézanne wieder und wieder gemalten Hausberg "Mont Ste-Victoire" der Stadt Aix, wo dieser Wegbereiter moderner Malerei geboren und gestorben ist. Aber ist dieses schwer in die Schubladen der Literaturwissenschaft zu zwängende Werk nicht vielmehr poetologisch-meditative Fortsetzung der vor einem Jahr erschienenen Erzählung "Langsame Heimkehr"?

Die beiden Geologen der "Heimkehr"-Erzählung, der grübelnde "Sorger" der rastlose "Lauffer", in die sich der Eriähler damals zerlegt hat, sind jetzt vereinigt im unverkennbar autobiographisch bestimmten "Ich" des Erzählers: Ein Literat und Erdkundler, der die Welt zugleich bedenkt und erläuft.

Die mit ihren Meßgeräten im hohen Norden arbeitenden Geologen führen in der Erzählung dieses Zwiegesprächs: "Es wird keine Untersuchung werden, eher eine Bildbeschreibung. – Und du hättest mir dann einiges zu erzählen. – Von der Landschaft? – Von der Landschaft und von dir."

Von der Landschaft und von dir: da ist das Thema dieses zwischen Deskription und Kontemplation taumelnden Werkes benannt. Innen und außen, Felsschluchten der "Sainte-Victoire" und Abgründe der Seele, Ländereien des inneren und Landschaften des äußeren Auges sind kaum mehr zu unterscheiden.

Handke ist da ganz bei sich: Der Dichter sensibler Innerlichkeit, der durchaus in der Öffentlichkeit wirken möchte, sucht den Moment des Übergangs, der Vermittlung von "Ich" zu "Wir". Das ist ein zugleich mystischer wie analytisch zu ergründender Augenblick. In diesem Buch, das alle Merkmale eines Werkes des Selbstzweifels, aber auch der Selbstvergewisserung zeigt, ist immer wieder vom "Drehpunkt", vom"Schwellengefühl" von der "Verwandlung" und von der "Atemwende" die Rede.

Wortseliger Aufstieg ins Gebirge ewigen Schweigens – Seite 2

Für Handke, der in vierzehn Jahren des Schreibens mehr als die doppelte Zahl von Büchern herausgebracht hat, bedeutet dieses "Lehr"-Buch ein Schwellenwerk. Es markiert einen Augenblick der Besinnung auf sich selber. Ein Schriftsteller, der zwischen Gedicht und Drama, Roman und Erzählung, Reportage und Kritik, Hörspiel und Drehbuch alle literarischen Genres beherrscht, besinnt sich auf seine Grundlagen. Der lange nach der Maxime gearbeitet hat: "Sich einträumen in die Dinge", findet – in der Begegnung mit Cézanne und der Landschaft, die der Maler immer aufs neue weniger abgemalt als in ihre Strukturen zerlegt hat – zu einer neuen Art der Schriftstellerei: "Nicht ,erfinden‘ sollte ich ja, sondern ,realisieren‘ (wozu im einzelnen immer wieder die Erfindung gehörte."

War es in früheren Werken das Erlebnis der "anderen Zeit", einer eigenartig entgrenzenden Erfahrung von Vergangenheit, Gegenwart und utopischer Zeit, im selben Augenblick, so ist es jetzt das Erlebnis des Raumes, das dieses Buch rätselhaft faszinierend macht. Erlebt in der Erzählung von der "Langsamen Heimkehr" Sorger im Jeep ein seltsames "Raumereignis" ("die dünnen schwarzen Wolkenbänder konnten auch die hintersten Inseln im Stromland sein, und die oben um die Wolken sich gabelnde letzte Himmelshelligkeit war vielleicht immer noch der westwärts fließende Strom"), so verwandelt sich dem Ich-Erzähler des neuen Buches, der im Auto von Paris nach Südfrankreich fährt, die Welt: "Da (nicht ‚plötzlich‘) ... stand die Welt offen. ‚Da‘ wurde auch woanders."

Vom Motto vor dieser Erzählung (Goethe: "Diesen Abend verspreche ich Ihnen ein Märchen, durch das Sie an nichts und an alles erinnert werden sollen" – bis zu kleinsten Naturbeobachtungen oder Bewußtseinsmomenten gibt es Augenblicke totalen Lebensgefühls, die an die Entzückungen der Mystiker erinnern. Ob Handke, der dieses Buch im Salzburger Land schrieb, den Dialekt der Leute dort so hört "von weitem wie alle Sprachen in einer", oder ob er in einem Holzstoß "die Fußspur des ersten Menschen" entdeckt – stets ist die Rede von der "Lust auf das eine in allem". Handkes neues Buch kann nicht besser definiert werden als durch das von ihm selber eingeführte Wort aus Grillparzers "Armem Spielmann": "Ich zitterte vor Begierde nach dem Zusammenhange"

Außer einem philosophischen verbirgt sich da ein technisches Problem: Wie kann man eine persönliche Erfahrung "weitergeben"? Auf diese Frage sucht Handke immer neue Antworten.

Die Poetologie in Form einer Erzählung ist, bei aller Schlichtheit, (zu) klug ausgetüftelt. Erzähler und Theoretiker stolpern dauernd übereinander. "Mein Ideal waren seit je der sanfte Nachdruck und die begütigende Abfolge einer Erzählung", schreibt Handke. Doch gleich danach fällt er aus der Rolle des Erzählers und flicht als Theoretiker einen Rosenkranz aus Bildungsgut, von Balzac bis zum georgischen Bauernmaler Pirosmani, vom schwäbischen Bauerndichter Christian Wagner bis zum Maler amerikanischer Einsamkeit Edward Hopper.

Handke erzählt eine Geschichte – und reflektiert/kommentiert sie zugleich. En miniature schreibt er einen Thomas-Mannschen "Faustus"-Roman und die Entstehung als "Roman eines Romans". Nicht nur, weil von Hölderlins "Hyperion" die Rede ist, gibt es eine Schelte der Deutschen. Der Malertrick der gemalten Vögel, die einem Bild Tiefe geben, wird (zu oft) nicht nur zitiert, sondern auch angewendet, ohne daß das Buch "Welthaltigkeit" gewinnt.

Vor allem mit seinem Schlußteil, einer Nutzanwendung der von Cézanne gewonnenen "Lehre", demonstriert in einer öden Wanderung durch einen Wald bei Salzburg, erhält Handkes Buch den Charakter eines Schnittmusterbogens.

In der "Langsamen Heimkehr" ertönt der Ruf: "Komm heran, Zeitalter des Verschweigens!" Jetzt träumt Handke davon, nur noch ein "freundlich schweigender Leser" zu sein – aber wortselig steigt er ins Gebirge des Schweigens. Ein Autor in der Sackgasse? Noch in der Mischform von Lehr- und Lesebuch, von ständig zerstörter Erzählung durch Kommentar, von Reflexion, die sich in poetischen Bericht befreit, ist Handke ehrlicher als viele Autoren, die nach einem neuen Weg gar nicht mehr suchen.