Als sie zu Ratten wurden... – Seite 1

Von Julius H. Schoeps

Das Verhältnis der Juden zu den Völkern ist heute vom Trauma Auschwitz bestimmt. Im jüdischen Denken und Fühlen hat der Holocaust tiefe Narben hinterlassen. Der Untergang der europäischen Judenheit, der von der Welt geduldete, durch Schweigen und mangelnde Hilfsbereitschaft unterstützte Massenmord an den Juden Europas wirkt nach, wird jüdische Existenz auch in Zukunft noch beeinflussen. Die Angst vor der Wiederkehr des Grauens sitzt tief. Verdrängen läßt sie sich nicht, und zwar schon deshalb nicht, weil bis heute vieles ungeklärt blieb.

Wie konnte es dazu kommen, daß eine Kulturnation im Herzen Europas der Barbarei verfiel? War es nur die logische Konsequenz einer biologisch begründeten Rassenideologie, die sich zur Rassenmythologie gesteigert hatte? Oder waren es die Wahnideen eines Verrückten, der Subalterne aller Ränge und Schichten durch Ideologie, Mythos und Terror dazu gebracht hatte, fabrikmäßig zu morden?

Den Fragen nachgegangen ist der Historiker

Als sie zu Ratten wurden... – Seite 2

Alex Bein: "Die Judenfrage, Bd. 1 (Biographie eines Weltproblems), Bd. 2 (Anmerkungen, Exkurse, Register)"; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1980, 464 und 429 Seiten, zusammen 60,– DM

Die beiden Bände sind kein Geschichtswerk. Der aus Deutschland stammende Autor, Schüler des Historikers Friedrich Meinecke, bekannt geworden vor allem durch seine große, in viele Sprachen übersetzte Biographie Theodor Herzls, hat mit Blick auf Gegenwart und Zukunft den Versuch unternommen, ein Problem zu verstehen oder dem Verständnis nahezubringen, das seit mehr als zweitausend Jahren die Juden und die Völker beschäftigt: das Problem des Zusammenlebens der Völker mit den Juden und der Juden mit den Völkern. Mehr als drei Jahrzehnte hat Bein an diesem Werk gearbeitet, in das die Früchte eines langen Forscherlebens, eigene Erfahrungen, nicht zuletzt aber die Ansichten eines überzeugten Zionisten eingegangen sind, der seit fast fünfzig Jahren in Jerusalem lebt.

Worum handelt es sich, wenn wir von der "Judenfrage" sprechen? Das Wort ist im 19. Jahrhundert entstanden, der Begriff selber aber wesentlich älter. Seit der Zerstörung des Tempels im Jahre 70, seit der Zeit der Verbannung und gewaltsamen Zerstreuung, gibt es das Problem der Juden unter den Völkern, einer Minderheit, deren Angehörige durch Religion, Geschichte und Tradition zusammengehalten werden, obwohl, sie in Sprache, Sitten und Kultur weitgehend voneinander geschieden und ihren Wohnländern angeglichen sind.

Nicht ohne Hintersinn meint Bein, daß es die Juden,selber gewesen sind, die die Voraussetzungen für das Entstehen der "Judenfrage" geschaffen haben: Sie sind als Volk nicht untergegangen. Sie blieben bei ihrer Identität, lehnten es ab, die "Spielregeln" der Völkergeschichte anzuerkennen. Trotz des völligen Zusammenbruchs ihrer staatlichen Existenz und ihres religiösen und nationalen Zentrums, trotz des so offensichtlichen Beweises ihrer eigenen Machtlosigkeit und der Machtlosigkeit ihres Gottes, hielten sie dennoch an ihrer Religion und der auf ihr beruhenden Lebensweise fest. Es ist eine Haltung, mit der sich im Grunde die Weltmeinung bis heute nicht abgefunden hat.

Zum Entstehen der "Judenfrage" hat auch die christliche Lehre beigetragen: Das Dogma, die Juden seien von Gott verflucht und verworfen worden, weil sie Jesus nicht als Messias anerkannt und seine Kreuzigung veranlaßt haben, hat das christliche Judenbild durch die Jahrhunderte bestimmt – und bestimmt es noch immer. Nicht die soziale Wirklichkeit, die Anschuldigungen der Kirchenväter schufen das Stereotyp, das von Generation zu Generation weitergegebene Zerrbild des Juden. Als Urtypus des Sünders und Frevlers immer wieder nachgezeichnet und mit neuen Farben ausgemalt, wirkt der Jude als abschreckendes Beispiel. Mit dem Katechismus nimmt es das Kind auf, der Erwachsene durch die Predigt. Jede Skulptur, jedes Gemälde über Kreuzigung und Leiden des Heilands und der Märtyrer, mit der die Kirchen ausgeschmückt werden, erinnert daran. Im Lied, im Märchen, auch im Passionsspiel in Oberammergau – überall kehrt dieses Bild des Juden wieder, bis es zur Selbstverständlichkeit wird, beinahe ein Teil des Unterbewußteins.

Mit der Französischen Revolution von 1789 setzte eine neue Epoche in der Geschichte der "Judenfrage" ein. Der Beginn des "Emanzipationszeitalters", die Befreiung der Juden von allen sonderrechtlichen Beschränkungen, die allmählich überall vollzogene formal-rechtliche Gleichstellung, die Eingliederung der Juden in den kapitalistischen Produktionsprozeß und in die bürgerliche Gesellschaft – all dies schien darauf hinzuweisen, daß ein neues Kapitel im Verhältnis der Juden zu den Völkern aufgeschlagen worden war. Auf jüdischer Seite war man davon iberzeugt, daß der eingeleitete Prozeß der Ackulturation und Assimilation von der Umwelt honoriert werden würde.

Nur wenige kamen auf den Gedanken, daß dies ein hoher Preis war, den man zu entrichten hatte. Für die erstrebte staatsbürgerliche Gleichstellung wurde die Aufgabe des "Jude-Seins", die Aufgabe des jüdischen Nationalbewußtseins gefordert. Gestört hat dies kaum jemand. Im Gegenteil; man war davon angetan, Franzose, Engländer oder Deutscher jüdischen Glaubens zu sein. Gabriel Riesser, einer der entschiedenen Vorkämpfer einer vollen staatsbürgerlichen Gleichstellung der Juden, schrieb bereits 1831 in einer Streitschrift: "Wir sind nicht eingewandert, wir sind eingeboren, und weil wir es sind, haben wir keinen Anspruch anderswo auf Heimat; wir sind entweder Deutsche, oder wir sind heimatlos."

Als sie zu Ratten wurden... – Seite 3

Zu einer wirklichen Integration, auch wenn es manchmal den Anschein hatte, ist es nirgendwo gekommen. Der Jude blieb ein Fremder, wurde von der jeweiligen Umwelt als Fremder empfunden. In den Köpfen spukte das Bild vom "Ewigen Juden", vom nicht sterbenden Weltwanderer "Ahasver". Das überlieferte Stereotyp des dämonisch-antichristlichen Juden war noch virulent, hatte nur eine zeitgemäße Veränderung erfahren: Jetzt war der Jude nicht mehr der Antichrist, der von Gott Verdammte, sondern der Wucherer, der Preistreiber, der Bankrotteur, das Symbol des Bösen schlechthin.

Bein meint, daß die Juden keine Möglichkeiten hatten, sich diesem Vor-Urteil entziehen. Ob sie sich in Kleidung, Sprache und äußerlichen Umgangsformen anpaßten, ob sie beteuerten, daß sie sich nur in gewissen religiösen Glaubenssätzen und Bräuchen von den Nicht-Juden unterschieden – die Umwelt sah sie mit scheelen Augen an verdächtigte sie, feindete sie an, isolierte sie.

Bei der Beschäftigung mit den verschiedenen Aspekten der "Judenfrage" ist das Problem der Semantik von der Wissenschaft bisher weitgehend vernachlässigt worden. Bein weist zu Recht darauf hin, daß Sprache Vorstellungen und Gedanken widerspiegelt, daß Sprache in das Bewußtsein eindringt, die Denkweise einer ganzen Epoche bestimmen kann (Victor Klemperer: .Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen, je selbstverständlicher, je unbewußter ich mich ihr überlasse").

Was die Juden angeht, so sagen die auf sie angewendeten, aus der Biologie übernommenen Worte und Wortbilder eine Menge aus: In der antisemitischen Literatur werden die Juden als "Schädlinge" bezeichnet, die den "Volkskörper" "vergiften" und "zersetzen". Es ist von "Bazillen", von "Trichinen", auch von "Ratten" und "Schmeißfliegen" die Rede. Besonders beliebt ist das Bild des "Parasiten", das suggeriert, der Jude lebe auf Kosten anderer, erschleiche sich durch Schmeichelei und Unterwürfigkeit Vorteile, ohne wirkliche Arbeit zu leisten. In den Lehren des Rassenantisemitismus werden die Juden als parasitäre Rasse dargestellt, die nur auf Kosten der "Wirte", nur von den Ausbeutung anderer Völker und Rassen leben kann. Goebbels faßte 1937 auf dem Nürnberger Parteitag die verschiedenartigen Bilder und Vorstellungen vom Juden in folgenden Worten zusammen: "Sehet, das ist der Feind der Welt, der Vernichter der Kulturen, der Parasit unter den Völkern, der Sohn des Chaos, die Inkarnation des Bösen, der plastische Dämon des Verfalles der Menschheit."

Alex Bein ist davon überzeugt, daß die biologischen Sprachbilder und Vorstellungen die letzten moralischen Hemmungen, den inneren Widerstand gegen Unrecht und Verbrechen bei Millionen geschwächt haben. Vermutlich hat sogar das Bild vom Juden die Methoden der Judenvernichtung mitbestimmt. So wie man im Mittelalter in ihnen den Antichrist und Satan erschlug und verbrannte, so war die Methode des Vergasern in den Hitlerschen Mordlagern die logische Konsequenz, nachdem sich die Vorstellung von den Juden als Parasiten endgültig durchgesetzt hatte. Waren die Juden wirklich "Schmarotzer", "Bazillen" und "Ungeziefer", so war nicht nur geboten, sie auszurotten, es lag auch nahe, bei dieser Ausrottung jenes Mittel anzuwenden, mit dem man Bazillen und Ungeziefer vertilgt – Giftgas.

Der organisierte Judenmord ist sicherlich nicht nur kein Betriebsunfall der Geschichte. Auschwitz ist der beste Beweis, daß die Bemühungen um Akkulturation und Assimilation der Juden gescheitert sind. Für Alex Bein steht fest, daß ein Dialog zwischen Juden und Deutschen nie stattgefunden hat. Wie der Religionsphilosoph Gershom Scholem warnt er vor dem Irrglauben, es hätte so etwas wie eine deutsch-jüdische Symbiose gegeben. Dieses Gespräch mußte scheitern, weil die Umwelt nicht bereit war, den Juden als Juden zu akzeptieren, sondern von ihm die Selbstaufgabe verlangte.

Als überzeugter Zionist meint Bein, daß mit der Staatsgründung Israels die Heimatlosigkeit der Juden als Volk aufgehoben worden sei. Vielleicht stimmt dies. Aber auch er muß zugeben, daß mit der Existenz eines Staates Israel die "Judenfrage" noch nicht gelöst ist. Solange das historische Judenbild das Denken der Menschen bestimmt, solange wird es eine "Judenfrage" geben. Darum schließt Bein seine Geschichte mit dem abgewandelten Satz des jungen Marx: "Die gesellschaftliche Emanzipation der Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft von ihrem Judenbild."