Von Petra Kipphoff

  • Herr Hofmann, Sie haben im September 1974 den Ausstellungszyklus eröffnet, der jetzt mit "Goya – das Zeitalter der Revolutionen" zu Ende geht. Am Anfang des Unternehmens stellten Sie sich vor, so jedenfalls steht es im ersten, dem "Ossian"-Katalog, diesen Zyklus mit fünf Ausstellungen, nämlich außer Ossian noch Caspar David Friedrich, Johan Tobias Sergel, Johann Heinrich Füssli und William Blake innerhalb von zwei Jahren zu komplettieren. Inzwischen sind es neun Ausstellungen in sechs Jahren geworden, Philipp Otto Runge, William Turner, John Flaxman, Goya kamen hinzu.

Die Idee zu diesem Zyklus kam nicht aus dem Blauen und nicht als Mode. Unter dem Titel "Das irdische Paradies" haben Sie schon 1959 eine groß angelegte Untersuchung über die Kunst im 19. Jahrhundert publiziert, auch sonst viel über diese Zeit gearbeitet. Die Hamburger Kunsthalle andererseits bietet mit ihren umfassenden Sammlungen von Runge und Friedrich einen angenehmen "Heimvorteil" für jemanden, der das frühe 19. Jahrhundert an den nordischen Quellen studieren und in der Ausstellungspraxis zur Diskussion stellen möchte.

Aber auch angesichts dieser realen Gründe und Hintergründe bleibt die Feststellung, daß es für ein derartiges Ausstellungsunternehmen keine Parallele und kein Vorbild gibt. Und es stellt sich, nach dieser ungeheuren Anstrengung, die Frage nach dem persönlichen Resümee.

Haben sechs Jahre und neun Ausstellungen die Erkenntnisse über den Gegenstand verändert? Haben Sie gerade durch das Ausstellungmachen Dinge erfahren, die Sie bei der Arbeit am Schreibtisch nicht erfahren hätten?

Hofmann: Die Hamburger Kunsthalle hat von allen deutschen Museen die interessanteste Sammlung des frühen 19. Jahrhunderts. Davon wurde mein Entschluß, nach Hamburg zu gehen, wesentlich beeinflußt. Bei meiner ersten Pressekonferenz im Herbst 1969 kündigte ich für 1974 eine Caspar-David-Friedrich-Ausstellung an. Der Gedanke an einen Zyklus kam erst allmählich, als die mit London und Paris angeknüpften Kontakte sich als tragfähig erwiesen. So begannen wir im Mai 1974 mit Ossian, einer gemeinsam mit dem Louvre erarbeiteten Ausstellung, die bereits eine Art Programmentwurf enthielt, nämlich die Befragung dieser Wendezeit nicht im Hinblick, auf nationale Schulen oder sonstige Schubladenbegriffe, sondern als Erforschung ihrer mythischen. Leitbilder. Diesem induktiven Ansatz ist die Reihe. treu| sie ist kein Zyklus geworden, wenn man darunter ein geschlossenes Rundgemälde versteht, eine Summe. Weder Systematik noch Vollständigkeit waren angestrebt. Mancher Name fehlte oder tauchte nur als Begleitstimme auf, zum Beispiel Constable.

Freilich, ganz und gar "offen" bin ich an das Unternehmen nicht herangegangen – gerade die Offenheit gegenüber dem breiten Möglichkeitsspektrum enthält ja schon ein Programm, ist eine Art Parteinahme gegen den Stilbegriff. Es ging mir darum, gängige Formeln wie Romantik und Klassizismus in Frage zu ziehen und ihre Unbrauchbarkeit nachzuweisen. Mir scheint, daß das gelungen ist, jedenfalls im Bereich der wissenschaftlichen Diskussion, die immer klarer erkennt, daß die Epoche um 1800 ein Ereignis mit vielen Brennpunkten war. Was ein englischer Kollege einmal sagte – "you put Hamburg on the map" –, gilt nicht nur für die internationale Landkarte der Ausstellungsorte, sondern für unseren von Hamburg aus gestarteten Versuch, den Anteil des europäischen Nordens an der Epochenbilanz neu zu bewerten. Dabei sind wir freilich nicht so weit gegangen wie Robert Rosenblum, der in seinem Buch "Modern Painting and the Northern Romantic Tradition" – einem Echo unserer Ausstellungsreihe! – das Kind mit dem Bade ausschüttete, die französische Kunst mit leichter Hand abwertete und, da er einen Chauvinismus durch einen anderen ersetzte, mit Goya nichts anzufangen wußte. In gewisser Hinsicht möchte die Ausstellung "Goya – Das Zeitalter der Revolutionen" die längst fällig gewesenen Korrekturen (zugunsten des Nordens) wieder zurechtrücken.