Von Hans C. Blumenberg

1 run to Death, and Death meets me as fast, and all my pleasures are like yesterdays John Donne, „The Holy Sonnets“

Langsam schwenkt die Kamera über das Panorama von Manhattan. Es ist Tag. Die Perspektive verengt sich, ein düsteres, altes Haus kommt ins Bild, das sich gegen den Fortschritt behauptet hat. Dort wohnt der Teufel.

So begann, vor zwölf Jahren, Roman Polanskis Film „Rosemaries Baby“. Eine einzige geniale Einstellung genügte, um die Nachbarschaft des Vertrauten und des Unheimlichen aufzudecken. Die Macht des Bösen erschien in einer unscheinbaren Verkleidung: nicht mehr drapiert mit den Insignien des – konventionellen Horrors, sondern im geblümten Hauskleid. Kein transsylvanischer Graf beugte sich lüstern über einen schwanenweißen Hals, doch die satanischen Rituale des Bürgertums hinterließen einen intensiveren Schrecken.

„Rosemaries Baby“ stand am Anfang einer gewaltigen Renaissance des Horrorfilms, dessen ehrwürdiges Personal – vom Frankenstein-Monster bis zum Werwolf – niemanden mehr recht das Gruseln lehrte. Exotische Lokalitäten und bizarre Masken hatten längst ihre Faszination verloren, das Publikum einer Epoche der alltäglichen Zukunftsangst hungerte nach anderen Reizen. So kam der Teufel ins Spiel. Sein Triumphzug in einigen, der erfolgreichsten Filme der siebziger Jahre („Der Exorzist“, „Das Omen“) verlief parallel zur Entdeckung der Umweltzerstörung. Und je lauter die Zweifel am offiziellen Fortschrittsglauben wurden, je mehr die Ideologie des Wachstums um jeden Preis ins Zwielicht geriet, desto drastischer gewannen im Kino die okkulten Mächte die Oberhand. Und während in den siebziger Jahren ein fundamental optimistisches Genre wie der Western praktisch verschwand, erlebten apokalyptische Visionen vom Terror in uns und um uns eine ungeahnte Konjunktur.

Fast scheint es, als sei das Mittelalter zurückgekehrt, mit religiösem Fanatismus und unkontrollierbaren Seuchen, mit Mummenschanz und dem absoluten Bösen, das von keiner Wissenschaft erklärt oder gar beseitigt werden kann. Vom Ende der Rationalität, von atavistischem Spuk und von der Rache des Dämonischen an der materiellen Realität handelten in den letzten Jahren Brian de Palmas „Carrie“ und „The Fury“, John Carpenters „Halloween“ und „The Fog“, George A. Romeros „Dawn of the Dead/Zombie“ und Larry Cohens „It’s Alive/ Die Wiege des Bösen“, Stuart Rosenbergs „The Amityville Horror“ und Ridley Scotts „Alien“: fast ausnahmslos riesige Kassenerfolge. „Freitag, der 13.“ heißt schlicht eine obskure Billigproduktion, die in diesem Sommer in den USA sensationelle Zuschauerzahlen erreichte. Ein Ende der Horrorwelle ist längst noch nicht in Sicht.

Mehr als jede andere Kunstform vermag das Kino unseren Hunger nach dem Übersinnlichen zu befriedigen. Die Beschaffenheit des Mediums selbst, das flüchtige Spiel der Lichter und der Schatten, das sich nie verfestigt, das sich von Augenblick zu Augenblick immer aufs neue auflöst und zu einem anderen Eindruck fügt, zieht den Zuschauer in einen magischen Raum. Die Welt des Okkulten, der Sinnestäuschungen, der fließenden Übergänge zwischen Wahrnehmung und Wahn ist die Welt des Kinos in seiner reinsten Form: vor seinem Zwang zum Geschichtenerzählen. „La zone“ heißt bei Jean Cocteau das Zwischenreich der Imagination, in dem Untote und Magier ihre Heimat finden. „Twilight Zone“ ist der Titel einer einschlägigen amerikanischen Fernsehserie.