Beachtlich

„Willie & Phil“ von Paul Mazursky. Sie begegnen sich, 1970, nach einer Vorführung von „Jules und Jim“: Willie Kaufman (Michael Ontkean), der jüdische High-School-Lehrer, und Phil D’Amico (Ray Starkey), der italo-amerikanische Photograph. Sie wohnen beide in Greenwich Village, sie mögen dieselben Filme, sie werden Freunde. Und sie verlieben sich beide in Jeannette (Margot Kidder), ein Mädchen aus den Südstaaten. In seinem sechsten Film seit „Bob & Carol & Ted & Alice“ (1969) begleitet Paul Mazursky die drei Figuren neun Jahre lang, notiert Freundschaften, Krisen, Trennungen und Versöhnungen: „Jules und Jim“ auf amerikanisch, eine Geschichte aus der „Middle Class“. Deren Identitätsprobleme, die Anstrengungen einer Klasse ohne Gesicht und ohne Geschichte, beschrieb Mazursky schon früher mit verhaltener Sympathie: in „Blume in Love“ (mit George Segal), „Next Stop Greenwich Village“ (mit Lenny Baker und Shelley Winters) und zumal in seinem erfolgreichsten Film „Eine entheiratete Frau“ (mit Jill Clayburgh). Während Phil in Kalifornien Karriere als Werbefilm-Regisseur macht, probiert Willie die wechselnden Moden des Jahrzehnts: vom Leben auf dem Lande bis zum Indien-Trip. „Willie & Phil“ ist ein ganz und gar undramatischer Film, die einfühlsame Chronik einer Freundschaft und ihrer Entwicklung. Wie kein anderer amerikanischer Regisseur kennt Mazursky die Stimmungslagen des urbanen Mittelstands. Er liebt seine Figuren, auch ihre Beschränktheiten, und er zeichnet ihre Verwirrungen ohne eine Spur von Herablassung nach. Fragwürdig wird „Willie & Phil“, hervorragend gespielt von überwiegend unbekannten Darstellern, wenn der Regisseur einen Romantizismus bemüht, dessen Bildervorrat von der Madison Avenue geborgt scheint. Wenn die drei Hauptfiguren eine Landpartie unternehmen, wenn Willie und Jeannette in einem Heuschober in Kentucky ihre Tochter zeugen, ist die Ästhetik der Zigaretten- und Deodorant-Reklame nicht fern, Sven Nykvist, der lange Ingmar Bergmans Kameramann war und jetzt in Amerika arbeitet (Alan J. Pakulas „Starting Over / Auf ein Neues“) verspielt mit solchen kunstgewerblichen Mätzchen seine Reputation. Aber auch Nestor Almendros, der einige der besten Filme von Truffaut und Rohmer photographiert hat, scheint eine neue Süßlichkeit zu pflegen. Nach seiner Arbeit für den Teenie-Traum „Die blaue Lagune“ (Anfang 1981 bei uns zu sehen) könnte er sich auch als Chef-Kameramann bei Walt Disney anheuern lassen.

Hans C. Blumenberg

Kitschig

„Xanadu“ von Robert Greenwald ist ein 20-Millionen-Dollar-Pop-Musical mit bonbonfarbenen special effects-Spielereien und nervtötender Musik (Electric Light Orchestra), in dem Olivia Newton-John als Tochter des Zeus (sie ist eine der neun Musen) auf Roller-Skates durch Santa Monica flitzt und einen ehrgeizigen Schildermaler (Michael Beck) mit ihrem Musenkuß zu künstlerischem Höhenflug inspiriert: Gemeinsam mit einem ehemaligen Klarinettisten (Gene Kelly) gründet er eine Super-Disco im Art-deco-Stil. Zur Eröffnung paradiert die Muse ihre diversen Kostüme und strapaziert ihren Zuckerwatte-Sopran. Wenn sich Olivia Newton-John und Michael Beck in einer Liebesszene abrupt in Zeichentrickfiguren verwandeln, deren Süßlichkeit selbst Disney peinlich berührt hätte, ist der Höhepunkt des kitschigen Schwachsinns erreicht. Und ein Tiefpunkt in der Geschichte des Musicals.

Helmut W. Banz

Empfehlenswerte Filme

„Willkommen, Mr. Chance“ von Hal Ashby. „Edouard, der Herzensbrecher“ von Philippe de Broca. „Gloria“ von John Cassavetes. „Shining“ von Stanley Kubrick (siehe S. 57). „Kagemusha“ von Akira Kurosawa. „Peeping Tom“ von Michael Powell. „Christus kam nur bis Eboli“ von Francesco Rosi. „Deutschland, bleiche Mutter“ von Helma Sanders-Brahms. „Ein Mann für gewisse Stunden“ von Paul Schrader.