Bei sächselnden Winzern im Weinland an der Elbe

Von Sibylle Zehle

Der Serben Elbe – wer hätte ihr das zugetraut: Prunkende Gärten im weiten Tal, pralle Obstbäume auf mildgrünen Wiesen, und Berge, steil der Sonne zugeneigt; Weinberge sind es, Weinberge wirklich.

Der Strom, würdig, silbergrau auch hier, leistet sich diese fürwitzige Kurve keine zwanzig. Kilometer von Dresden entfernt, zwischen den Städtchen Radebeul und Meißen. Und obwohl viel weiter, offener als Weintäler an Neckar oder Main, liegt über der breiten, behäbigen Elbwanne die gleiche verspielte Leichtigkeit: Kapriziöse Lusthäuschen und Barockschlößchen verstecken sich zu Füßen der Hügel, und von den runden Weinbergkuppen schauen anmutige Belvederes ins Land.

Ein gesegnetes Stück Erde also, das einlädt zum gemächlichen Herumspazieren, zum Aufspüren von Kostbarkeiten aus kurfürstlichem Erbe – und zum Süffeln feinen Weins.

Genippt habe ich von dem seltenen Elbtaltropfen bereits bei sächselnden Winzern; einen leichten Gutedel, prächtig duftigen Müller-Thurgau, frisch spritzigen Riesling. Und immer, wenn die Gastgeber beim Einschenken ein vorsichtiges „sähr saur“ vorwegschickten, war’s, mir gerade am liebsten: Der Elbwein, herb und durchgegoren, vom nördlichsten Weinanbaugebiet Europas – er ist ein Gottesgeschenk.

*

Bei „Vinzenz Richter“, der buckligen Weinstube, efeuumrankt, erkergeschmückt, mitten in Meißens schmalen Gassen, sind seit drei Jahrhunderten Weinschlürfer ein und aus gegangen. Flaschen mit Etiketten wie „Meißner Domkeller“ oder „Meißner Domherr“ prangen in den windschiefen Fenstern. – Drinnen gemütliches Gedränge an den Holztischen, Gelächter, Dämmerlicht, Wärme. „Nu klor“, ruft einer, Platz sei genug, „nur ran anne Dische.“ – Ich habe kaum Zeit, all die Kleinode an Wänden und Decken, die Säbel, Gewehre, Geweihe, Gemälde zu begucken, da wird mir schon die Karte in die Hand gedrückt. Einen Meißner Gutedel bestelle ich; da sagt die Kellnerin knapp: „Wir haben keinen Meißner Wein.“

Ich verstehe nicht, schaue verwirrt in ihr Gesicht, doch die Kellnerin wiederholt – ohne ein Lächeln: „Wir haben keinen Meißner Wein, kein Bier, keinen Sprudel; Rhabarbersaft, wenn Sie wollen. Und wir haben eine große Auswahl von Weinen aus den Bruderstaaten.“ – Auf der Karte stehen neben den Weinen des Landes „Türkenblut“, „Ungarnfeuer“ und allerlei anderes gefährliches Weingefunkel, auch aus Algerien. „De Kopfschmerzen“, grinst ein Tischnachbar, „die kriegen Se gratis mit.“

Ob es denn öfter vorkomme, daß Meißner Wein in der berühmtesten Weinwirtschaft Meißens ausgehe, frage ich vorsichtig? – Da lachen die Umsitzenden trocken: „Bei de Bonzen un in de Interhotels“, da könne man den „juten Droppen“ haben: „Aber für uns hier bleibt nischt!“

Nachrichten – wie aus einem fernen Land. Nachkriegswitze fliegen über den Tisch – Geschichten vom Tauschen und Mauscheln, von Geschäften mit „blauen Fliesen“ oder „bunten Scheinen“ (Westgeld), und vom lieben, das nach Feierabend beginnt: „Inne Datschen, zwee Goggel, zwee Garniggl schlachten, ’n Fäßschen Bier – un’ die gönn’ märn Buggel runterrutschen.“

In diesen Augenblicken wird der aufrechte Philosophiestudent, den mir das DDR-Außenministerium (Abteilung: Journalistische Beziehungen) als Begleitung verordnet hat, ein wenig blasser um die Nase, und ich bemerke das eher bedrückt, wie ich auch die Hymnen, die mir über die „Bä-är-dee“ entgegenschlagen, eher betreten zur Kenntnis nehme. Niemals bin ich mir so bestürzend, so unverdient privilegiert vorgekommen, wie in diesen zwei Tagen in der DDR. „Sie haben doch alles, was Sie wollen“, sagt einer nicht leise, sondern laut, fast böse: „Sie können doch nach Frankreich fahren und über Wein schreiben. Den können Sie dann wenigstens saufen.“

Zag versuche ich anzubringen, daß Meißen eine der schönsten, ja, fast glaube ich, die schönste aller deutschen mittelalterlichen Städte sei. Wie ein alter Kupferstich hat sie heute von weitem ausgesehen: Vom Elbufer steigen, eng aneinandergelehnt, die Häuser mit den roten Ziegeldächern den Burgberg hinauf, auf dem sich der gotische Dom, das Bischofspalais und die Albrechtsburg drängen. Kein einziges neuzeitliches Gebäude stört den tausendjährigen Frieden, kein Stein scheint verrückt. – „Verrottet doch alles“, meint die Frau neben mir, „gucken Se doch hin, wie die Fassaden bröckeln. Wenn die in den nächsten zehn Jahren hier nichts tun, dann können de Bagger kommen.“ – Es ist Zeit für eine Runde „Türkenblut“, für ein erlösendes Prost.

Im Zimmer des Dresdner Hotels, für das ich 98 Mark Ost (aber nur mit Umtauschquittung zum Kurs 1:1), mein DDR-Begleiter aber nur 30 Ostmark zahlen muß (und das nach westlichem Standard in der Großstadt höchstens 55 Mark kosten dürfte), wollen sich beim-Einschlafen Bilder, Szenen nicht verdrängen lassen. – Der schreiende DDR-Zöllner im Zug: „Ich will auf dem Einfuhrzettel nicht Matjesheringe lesen, ich will die Stückzahl der Matjesheringe lesen!“ – Und die Großmutter aus Leipzig, die mit hastigen Fingern nach dem Heringsglas in der Tasche kramt. – Oder das Lächeln der weißhaarigen Frau im Grenzort Büchen. „Seien Sie doch ein bißchen sportlich“, sagt sie zu mir, als ich meinen Spiegel – wie von den bundesrepublikanischen Zöllnern empfohlen – aus dem Zugfenster reichen will. „Seien Sie doch ein bißchen sportlich“, das sagt sie wirklich: „Ich habe meinen Spiegel längst im Hüfthalter versteckt.“

*

Die Autofahrt von Dresden nach Radebeul macht traurig. Die Kriegswunden der gepeinigten, geschleiften Stadt, sie sind in den Außenbezirken noch nicht vernarbt; grau und verfallen die Häuser, klaffende Risse im staubigen Kopfsteinpflaster. Die Elbe aber ist hier von nie gesehener Schönheit, mit grünen Wiesen an den Ufern, auf denen Spaziergänger schlendern und Schafe weiden – mitten im Häusermeer.

Schon sehen wir die ersten Weinberge am Horizont, die Lößnitzer Berge, die am rechten Elbufer bis nach Meißen reichen. „Les“, Wald, haben die Sorben die Hügel einstmals genannt. Doch ob es auch das Volk aus dem Kaukasus war, das hier im 6. Jahrhundert die ersten Rebstöcke pflanzte, oder ob diese Kulturtat erst ein paar Jahrhunderte später den Mönchen aus Meißen zuzuschreiben ist – das weiß heute mit Bestimmtheit keiner mehr zu sagen.

Wir halten vor dem Hoflößnitzer Schlößchen, das aussieht wie ein Winzerhaus, mit Fachwerk und traulichem Walmdach. Aber von dieser ländlich-sittlichen Bescheidenheit sollte man sich nicht täuschen lassen. Genau hier, zur Prunkzeit der Kurfürsten, war das Zentrum des sächsischen Weinanbaugebietes, das sich im 17. Jahrhundert von den Steilhängen herab bis zu den Ufern der Elbe auf über 6000 Hektar erstreckte. Und das Schlößchen selbst, das erste bedeutende Bauwerk des sächsischen Hofes in der elenden Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg, ist – wohlweislich – auch nur außen schlicht gehalten. Drinnen versteckt sich ganz andere Pracht: Tropische Pfauen, schreiend rote Kakadus, brasilianische Papageien schmücken den Festsaal an der Decke, achtzig Tafelbilder sind es insgesamt, farbenfroh und naturgetreu – bis hin zur letzten Schwanzspitze, – Was haben südamerikanische Vögel im sächsischen Winzerschloß zu suchen?

Josef Hebeda, dem freundlichen Leiter des Heimatmuseums im Hoflößnitzer Schloß, sind solche Fragen so unlieb nicht. Er steht kurz vor dem Abschluß einer Diplomarbeit des Titels: „Die Kolönialexpedition des Grafen Johann Moritz von Nassau-Siegen nach Brasilien und die Beziehungen zu Kursachsen.“ Denn der Schöpfer der detailfreudigen Vogelbilder, Albert van Eyckhout, er war just Teilnehmer an diesem holländischen Kolonialausflug von 1637 bis 1644 in die Besitztümer der Niederländisch-Westindischen Kompanie.

Schade, daß dieses geschichtsträchtige Haus, in dem später auch August der Starke saftige Feste feierte („Ihr Gäste, kommt herzu! Kommt und widmet nun die ungezwungenen Triebe hier wechselweis dem Bacchus und der Liebe!“), seine Pforten erst wieder in ein, zwei Jahren für Besucher öffnen wird. Erst dann, nach gründlicher Restaurierung, wird im Festsaal unter der kostbaren Kassettendecke wieder Kammermusik gespielt und im Erdgeschoß die Geschichte des sächsischen Weinbaus erzählt werden.

Draußen ist eine graue Regenwand aufgezogen, und der Turm des „Spitzhauses“, hoch oben auf dem Weinberg, sieht fast bedrohlich aus. Bei jeder Wolke „andersch“, sagt Hebeda, sei dieses Weinbergland, und wir stapfen die Spitzhaustreppen hinter dem Schloß den Berg hinauf und hören bei der 150. Stufe auf zu zählen. Natürlich ist das in dieser Gegend nicht einfach nur eine Winzertreppe. Pöppelmann, der Baumeister des Dresdner Zwingers, hat sie entworfen und auch den Pavillon auf der Bergspitze, in dem sich der beschwingte Spaziergänger niedersetzen und übers Elbtal schauen will.

Doch allzuviel sinnenfrohen Überschwang läßt dies Weinland nicht zu. Das schöne „Spitzhaus“, im DDR-Führer als Restaurant ausgewiesen, ist inzwischen „Betriebsferienheim“ im freudlosen HO-Kantinen-Stil und bewirtet mittags keine Besucher (die Kaffeeterrasse ist erst von 14 Uhr an geöffnet); die ebenfalls angepriesene „Meierei“ hat ihre Pforten längst geschlossen.

*

Schloß Moritzburg – wie ein Märchenpalast steigt das Barockschloß mit seinen vier mächtigen Rundtürmen auf einer künstlichen Insel aus spiegelndem See; und drumherum – all die Wälder, die Teiche und Alleen – sie scheinen nichts anderes im Sinn zu haben, als das Schloß nur noch weiter zu entrücken von aller Erdenschwere und Erdenlast.

Wer gut beraten ist, läßt das Auto in Radebeul zurück und fährt mit der Schmalspurbahn nach Moritzburg – und dies nicht etwa nur, weil das die einzige Schmalspurbahn Sachsens ist. Die dreißig Minuten Zuckelfahrt durch Schrebergärten und Laubwälder (hinter deren Stämmen viele kleine „Datschen“ der Dresdner blitzen) ist eine vergnügliche Atempause vor der Betriebsamkeit des Moritzburger Städtchens.

Busse, Reisegruppen, Führungen; auf dem überfüllten Parkplatz wird „Pulsnitzer Pfefferkuchen“ verkauft. Bücher, Broschüren, Farbpostkarten aber gibt es in den verzweifelt leeren Buchläden nicht. Selbst im Schloß frage ich an der Garderobe vergeblich nach Prospekten. Ein Achselzucken – vergriffen; doch kaum haben die Umstehenden sich verzogen, kramt die Garderobiere in einer Schublade: „Sie kommen von drüben, nich?“ Ich bekomme eine hübsche Broschüre – und von der Garderobenfrau den Satz mit auf den Weg: „Zeigen Se det bloß nich rum!“

Auf diese Weise erfahre ich wenigstens Details vom „ruchlosen“, „unfähigen“ August dem Starken, dessen Verschwendungssucht zu all dem geführt hat, was uns heute so herzlich Freude bereitet. Köstlich ist der Waldspaziergang am Seeufer entlang, an Kavalierhäuschen und Gartenplastiken vorbei bis hin zum zartrosa Fasanenschlößchen. Hier ist tatsächlich ein künstlicher Hafen in den See gebaut, mit Mole, Anlegestelle und hohem, klinkerrotem Leuchtturm – nichts als steinernes Riesenspielzeug eines Fürsten, der sich mit eigens konstruierten Gondeln bei Seeschlachten zu zerstreuen beliebte. Heute ziehen hier Schwäne ihre hoheitsvollen Kreise, Enten schnattern, und an den Baumstämmen hängen Nistkästen für Halbhöhlenbrüter und Hohltauben.

Gleich nebenan, vor der „Historischen Waldschänke“ (Baujahr 1770), stehen zwanzig Menschen Schlange. Sie müssen fast eine Stunde warten, bis sie auf der Speisekarte lesen dürfen: „Denn hier, wo sich einst Fürsten auf Kosten des Volkes amüsierten, soll heute allen Werktätigen Entspannung und neue Kraft für die allseitige Entwicklung und Stärkung unseres Staates vermittelt werden.“ – Im übrigen gibt es beim „Kollektiv Waldschänke“, 1979 mit dem „Banner der Arbeit, Klasse III“ ausgezeichnet, im halbbesetzten Speisesaal, in dessen Ecken gelangweilte Kellnerinnen an den Nägeln kauen, bis 17 Uhr nichts Herzhaftes zu beißen, und im verdreckten Klo hängt zwar eine „Kasse des Vertrauens“, aber es fehlen Seife, Handtücher und Papier.

Vierzig Minuten laufen wir zu „Adams Gasthof“ in Moritzburg, einem Restaurant, zu dem die Dresdner fast andächtig pilgern. Hier legt der Wirt täglich eine neue Karte auf, schlachtet selbst, kocht mit frischen Gemüsen aus Moritzburger Gärten. Doch „Adams Gasthof“ hat zu. Wie an drei anderen Abenden in der Woche. Der Privatbetrieb hat Sorgen, Sorgen mit dem Personal, der Fleischbeschaffung, der Kostensteigerung. „Aber mittags“, sagt der Wirt des dreihundert Jahre alten Anwesens, „mittags stehen die Leute Schlange den ganzen Hof hinunter“, und das sagt er mit Stolz.

Hungrig, müde, kehren wir zurück in den kleinkarierten Chic des Dresdner Interhotels. Die Deutsche Demokratische Republik, so dünkt es nun auch meinem DDR-Pressebegleiter, sie sei „für richtigen Tourismus“ wohl erst „in späteren. Jahren“ bereit.

Urdeutsche Gründlichkeit, urdeutsches Mißtrauen – das begegnet dem DDR-Besucher selbst bei einem Zwei-Tage-Ausflug auf Schritt und Tritt. Ungezählte „Rasen nicht betreten“-Schilder stecken vor Schloß Moritzburg auf einladenden Wiesen; im hochgerühmten „Gestüt Moritzburg“ ist „die Begehung der Stallungen aus veterinärhygienischen Gründen nicht gestattet“; und in Schloß Wackerbarth, Verwaltungssitz des „zentralgeleiteten, volkseigenen Weingutes Radebeul“ (VEG-Z Radebeul) und der berühmtesten Sektkellerei der DDR, sind Besichtigungen „aus betriebstechnischen Gründen“ nicht möglich.

Nur „offizielle Besucher“ dürfen in den eleganten Park, der umschlungen ist von Rebstockfeldern. Und nur Funktionäre und Gäste verlassen die Produktionsstätte der Zweitältesten Sektfabrik Deutschlands, die jährlich 6,5 Millionen Flaschen ausspuckt, mit ein paar Fläschchen des exzellenten „Schloß Wackerbarth, trocken“ unterm Arm. Touristen können das Herrenhaus, 1710 von Graf Wackerbarth, Feldmarschall von August dem Starken, erbaut, nur von weitem bestaunen, Außerhausverkauf ist untersagt.

Die Trauben für den Schaumwein werden geliefert von staatlichen Gütern (80 Hektar) und von Hobbywinzern (70 Hektar), die, so lächelt Produktionsleiter Gotthold Herrmann, „von ihren Rebstöcken jeden einzeln kennen“.

Insgesamt ist das Weinanbaugebiet an der Elbe – von den etwas größenwahnsinnigen Ausmaßen zu kurfürstlicher Zeit – auf 220 Hektar geschrumpft; die Reblaus war schuld, aber auch Bodenspekulationen um die Jahrhundertwende. – Gerade zwei Prozent des Weinkonsums der DDR-Bürger können die heimischen Winzer decken (zusammen mit den Anbaugebieten zwischen Unstrut und Saale: 600 Hektar), „und dabei könnten wir verkaufen“, sagt der Betriebsleiter der Meißner Winzergenossenschaft, Erich Waack, „verkaufen wie die Teufel“. Dennoch wehren sich die Feierabendwinzer, die ihre Trauben bei der „VdgB Sächs. Winzergenossenschaft Meißen“ (VdgB: Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe) abliefern, wacker gegen mögliche Expansionsgelüste. „Solange der Wein aus den Bruderstaaten so billig ist“, sagt Erich Waack, „wollen wir nicht Rebstöcke pflanzen, wo Weizen oder Rüben wachsen.“

Und so sind auch in der alten ehrwürdigen Sächsischen Weinkellerei, in der jährlich rund eine Million Flaschen Elbwein abgefüllt werden, Gäste eher unerwünscht. Die „Probierstube“ ist bis Frühjahr ’81 – Abend für Abend – ausgebucht; und das „Winzervergnügen“, bei dem alle zwei Jahre die Sachsen ihren Wein hochleben lassen, „keine öffentliche Sache“.

*

An diesem Donnerstag um 17 Uhr ist Meißen wie ausgestorben, keine Menschen, kaum Autos auf den Straßen, eine Stadt fast ohne Geräusche. Die Postkartenläden sind längst zu, und der einzige Antiquitätenladen, in dem sich Meißner Porzellan und Jugendstilraritäten stapeln, hat den Verkauf „zur Zeit“ eingestellt – „auf Verfügung der Berliner Zentralverwaltung“, wie der Verkäufer schmallippig mitzuteilen weiß. Natürlich fallen derlei Verkaufsschranken bei einem knisternden Hundertmarkschein (West) allerorten überraschend schnell, und ein altenglisches Silberdöschen oder ein Art-Deco-Aschenbecher lassen sich allemal über die Grenze schaffen. Dennoch, so seltsam das klingen mag, in einer Stadt wie Meißen, so unbeschreibbar kostbar und schön und ernst und so verzweifelt bedroht von Vergänglichkeit, Alter, Zerfall, da hat man keine Lust auf kleine Geschäfte unterm Ladentisch.

Um diese Zeit ist Betriebsamkeit nur noch vor der „Porzelline“, dem Porzellanmuseum von Meißen. Geduldig stehen DDR-Bürger Schlange im Foyer, um neben den Kunstwerken des Absolutismus die Exponate des neuen deutschen Realismus zu bestaunen: Zarte Wandteller – bemalt mit Panzern. Hellblauen Panzern. Echt Meißner Porzellan.

Information:

Anreise: Die Bahnfahrt Frankfurt – Dresden – Frankfurt kostet in der 2. Klasse 122,80 Mark. Einreisebedingungen:

Bei Buchung einer Pauschalreise erledigt das Deutsche Reisebüro (Eschersheimer Landstraße 25-27, 6000 Frankfurt 1) die Einreiseformalitäten. Die Antragsdauer für den Berechtigungsschein zum Empfang eines Visums liegt bei etwa sechs Wochen. Nur mit diesem Formular erhält der Reisende an der Grenze ein DDR-Visum.

Pauschalreisen: 5 Tage Dresden mit Ausflügen nach Meißen und Moritzburg kosten einschließlich 4 Übernachtungen, Vollpension und Bahnfahrt ab Frankfurt 593 Mark. Zu buchen bei der Bundesbahn und allen DER-Reisebüros.