Kiel

Kennt jeder die Geschichte von der alten Frau, die ihr Haus kunstvoll mit Zuckerwerk ausschmückte, um eines Tages erleben zu müssen, wie zwei naschhafte Kinder darangingen, alles zu zerstören? Es ist die Geschichte von Hänsel und Gretel, die von ihren Eltern vor die Tür gesetzt wurden und bei der sonderbaren Alten Obdach und Nahrung bekamen. Zum Dank stießen sie die wehrlose Frau in den glühenden Backofen und plünderten ihr Haus.

"Zu Hause erzählten sie alles einem Reporter der Bild-Zeitung. So wurde es dann seither allen Kindern erzählt. Deshalb war diese Richtigstellung notwendig." Nun wissen wir es. In der Nummer eins der Kieler Rundschau, die am 23. Oktober an den Kiosken der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt zum erstenmal mit 10 000 Exemplaren erschien, war es zu lesen gewesen. Eine Zeitung mehr also im nördlichsten Bundesland, das an Blättern nicht arm ist, aber an Meinungsvielfalt. Herausgeber ist der Verein "Initiative für Pressevielfalt", der mit seiner Kieler Rundschau als "Unabhängige Wochenzeitung für Schleswig-Holstein" langfristig gegen die Springer-Vielfalt im Lande antreten möchte.

Zunächst aber geht es der KR ausschließlich um Kiel. Bundes- und Außenpolitik finden nicht statt. Klaus Potthoff, erster Pressevielfalts-Vorsitzender und alltags Professor für Logik und Mathematik an der Kieler Universität: "Uns war das Hemd näher als der Rock." Mit dem Hemd sind die Kieler Nachrichten gemeint, eine große Tageszeitung, die am Ort bislang Monopolstellung genoß, wie leider vielerorts Lokalblätter in der Bundesrepublik. In der Rolle des Goliath wird sie von dem kleinen Neuling nicht mehr zu befürchten haben als eine aufmunternde Konkurrenz an der Kieler Förde. Und die scheint allseits erwünscht zu sein.

700 Vorausabonnements wurden bereits gezeichnet, bevor noch das erste Exemplar auf dem Tisch lag. Es wurde buchstäblich in Heimarbeit gebastelt, denn eine eigene Redaktion haben die 20 aktiven Mitarbeiter noch nicht. Unter ihnen sind nur zwei Journalisten, die wiederum nicht genannt sein möchten – aus Existenzsorge.

Noch gibt es. weder einen Verleger noch Chefredakteur, der für alle bindend sagen könnte, wo es langzugehen hat. Um die Meinungsvielfalt in den eigenen Reihen zu sichern, war ihnen die Ausarbeitung eines Redaktionsstatuts erst mal wichtiger. Klaus Potthoff: "Unser Spektrum ist ein breites liberales bis linkes. Auf konservative Töne können wir in dieser Presselandschaft gut verzichten."

Noch arbeitet jeder von ihnen unentgeltlich. Das soll nicht so bleiben. Etwa 100 GmbH-Interessenten haben sich gemeldet, die zusammen rund 100 000 Mark in die Verlagsgesellschaft anbringen wollen. Noch einmal soviel brauchen sie und verkaufen darum Anteilscheine ab 500 Mark. Wer einzahlt, haftet für den gezeichneten Betrag. Das Risiko ist also begrenzt. Die Macher glauben, daß ihre Rechnung aufgeht in einem fairen Wettkampf mit den "Großen". Doch schon einmal wurde in Schleswig-Holstein ein neues Zeitungsprojekt im Würgegriff erstickt. Man drohte ganz einfach den Kiosken, das eigene millionenschwere Blatt zurückzuziehen, wenn die kleine Konkurrenz dort verkauft würde. Ein Mitarbeiter der Kieler Rundschau: "Notfalls verkaufen wir sie auf der Straße."

Viola Roggenkamp