Man kennt es nicht. Denn was der Schweizer Jazzmusiker George Gruntz als der künstlerische Leiter dieser Veranstaltung diesmal zuwege gebracht hat, war auf anregende, wenn nicht aufregende Weise neu, überraschend und obendrein von einer oft ganz außerordentlichen Qualität – einer, von deren Existenz man so gut wie nichts wußte.

Das Stichwort hieß "Traditionalismus", ein Begriff mit vielen Facetten, und einer, dessen Spuren sich, legte man es nur darauf an, überall entdecken ließen. Es gab ein "Lennie Tristano Memorial" und dabei auch ein paar ganz besonders plausible Fälle, zum Beispiel das Quartett des Amerikaners Warne Marsch (mit Kenny Clarke, Eddie Gomez und Sal Mosca), das mit Gewissenhaftigkeit und gelassenem Temperament Jazz so machte; wie man ihn erwartet: Der Bandleader führte die Themen ein, gab sie nach ausführlicher Behandlung an die anderen weiter, und an den Gesichtern konnteman, wie tausendmal, den Spaß an den geglückten und offenbar immer wieder überraschenden Improvisationen der anderen ablesen. Es war der schöne bewährte Chorus-Reigen.

Und als der Pianist Martial Solal und der Saxophonist Lee Könitz eine Dreiviertelstunde intensiv miteinander spielten, fühlte man sich zwar von der kühlen Höhenluft eines intellektuellen Jazz leicht umweht, aber es war nichtsdestoweniger Jazz, was man hörte: von zwei neugierig gebliebenen, immer anspruchsvoller werdenden Meistern, die selbstbewußt miteinander duettierten. Zwei Tage vorher hatte es den uralten, fröhlich lärmenden Südstaaten-Jazz mit seinen bunten folkloristischen Zügen gegeben, zwei Tage später traten Dizzy Gillespie und dann Thad Jones mit einer Big Band auf.

Doch unverwechselbar waren diese Jazztage nicht durch diese alterfahrenen Recken des Fachs, sondern durch lauter junge, manchmal unbekannte, in den Fertigkeiten des klassischen Metiers überraschend erfahrene, offensichtlich fleißige Musiker. Den Jazz, also: Rhythmus haben sie sowieso im Blut, aber eben auch die Noten im Kopf und sind um Originalität und um Witz bemüht. Gemeinsam ist ihnen die Vorliebe für kleine Gruppierungen, für kammermusikalische Transparenz, die Lust zu ungewöhnlichen Besetzungen, auch zu ausgeklügelten Dramaturgien ihrer Programmfolgen und Auftritte, nicht zuletzt der Spaß an höchst differenzierten, aber auch ganz, prächtigen, jedenfalls auf unübliche Weise gemischten Klangfarben. Sie ließen eher einen Hang zum Rhapsodischen als zu den einfachen Formen des Jazz erkennen, und so machten sie eine Musik, die die Metaphernlust weckt. Kaum zu bremsen waren die Bilder zwischen Zoo und Zauberwelt, wo es blökt, zwitschert, grunzt und bellt, kreischt, pfeift, brüllt und faucht oder krächzt, wo es peitscht und brabbelt oder schwätzt. Flageoletts fliegen wie Pusteblumen auf, Saxophone schreien und singen, Celli schmachten, Schlagzeuge lassen es donnern und blitzen, zischen und flirren. Unter dem Titel "Genesis" hörte man, von der Vertreibung noch nichts ahnend, ein. Sphärenidyll aufblühen, und fünfzehn Bläsern gelang es in einer kabarettistischen Etüde, "die Tagesschau mit Wetterkarte und Ausschnitten aus dem abendlichen Kulturprogramm" musikalisch darzustellen.

Jazz, das war hier bald klar, ist einerseits viel mehr, als in die gewohnte Rubrik zu passen scheint – andererseits sind die Musiker gar nicht darauf erpicht, ihre Erfindungen unter den Begriff zu zwängen. Die Übergänge fließen so sehr, daß weder Form noch Usancen noch das Instrumentarium einen sicheren Hinweis auf Jazz zu geben vermöchten; einigermaßen verläßliche Indizien sind nur noch ein ausgeprägter Rhythmus, das Improvisieren (sofern es in Wahrheit nicht auswendig gelernt ist), die Freizügigkeit, sich musikalisch mitzuteilen und auszudrücken, die Lust also am Spiel. Und eben dafür gab es in Berlin eine Menge trefflicher Beispiele. Sie waren es, die dem Festival das eigentliche Gepräge gaben.

Da war die "French Connection", bestehend aus einem Duo (Klavier, E-Kontrabaß), einem Trio (Schlagzeug, Klavier, Kontrabaß) sowie zwei Solisten (Saxophon, Violine). Sie traten nach einer ausgeklügelt einfachen Dramaturgie nacheinander auf, musizierten ihre Partien und legten einander dann wie bei einem Stafetten-Spaziergang den Stab langsam in die Hand. Am Ende waren sie alle beisammen und vollführten ein Concerto von barocker Kraft. Stars waren der Geiger Didier Lockwood, ein romantisch-expressiver, von Bach wie von Django Reinhardt beflügelter Musiker, und der Schlagzeuger Daniel Humair, der nur durch die Art des Schlagens und Streichens ganz unerhörte Steigerungen und Klänge aus Becken und Trommeln hervorbrachte, filigrane Wirbelkaskaden darunter, zarte Tipser, schwerblütig swingender Trommelklang. Er zerpflückte virtuos Rhythmen, setzte sie reißenden Synkopen aus und fügte sie wieder zusammen. Für ihn wie für seine Kollegen und viele andere galt: daß Jazz ein – sichtbares – Vergnügen ist.

Dann war da das russische Trio des Pianisten (und. Bassisten) Wjatscheslaw Ganjelin, das klappernd und tutend auf die Bühne kam und dann mit äußerster Sensibilität ein wildes Klanggemälde von fast monumentalen Ausmaßen hervorbrachte. Das hatte sicherlich Züge von Free Jazz; aber viel eher war es eine genau geformte und gebaute mehrsätzige Musik voll gerissener Steigerungen, bei der den Instrumenten viele fremde, auch befremdliche Töne und Geräusche entwunden und raffiniert gemischt wurden. Instrumente-waren das Kavier (und eine Art E-Baß), zwei bisweilen gleichzeitig von einem Musiker geblasene Saxophone (und Geige, Flöte und Querpfeife), sowie ein reichhaltiges Schlagzeug. Gegen dieses Trio mit seinem von Effekten überladenen, improvisationsreichen Jazz wirkte die Big Band "Arsenal" des Russen Alexej Koslow trotz ihrer originellen Musik, einer Art von folkloristisch gefärbtem Pop-Rock-Jazz, bedächtiger, als sie es war.