Von Hansjörg N. Schultz

Für die junge Lehrerin begann das Schuljahr mit einer Überraschung. Wenige Tage vor Schulbeginn wurde ihr gesagt, sie soll eine erste Klasse unterrichten, in der sich nur türkische Schüler befinden. Es sind Kinder, die kaum ein Wort Deutsch verstehen, geschweige denn sprechen können. Kinder, die in einer Großstadt aufwachsen und doch mit deutschen Kindern selten oder nie zusammentreffen. Kinder allesamt, deren Eltern ganz andere Sitten und Gebräuche haben als jugoslawische, italienische oder griechische Arbeitnehmer, die diese Lehrerin schon kannte.

Diesen jungen Türken soll nun also die Mannheimer Pädagogin Lesen und Schreiben beibringen. Daß sie sich darum bemüht, steht für sie fest; sie ist eine engagierte Pädagogin. Über das Wie ist sie sich allerdings noch nicht im klaren.

Dabei könnte die Mannheimer Lehrerin eigentlich stolz auf ihre neue Stelle sein. Sie soll in Baden-Württembergs zweitgrößter Stadt Pionierarbeit leisten: Kultusminister Mayer-Vorfelder hat in diesem Schuljahr nämlich das sogenannte „Mannheimer Modell“ ausgerufen. Danach darf es fortan keine Klasse mehr geben, in der der Ausländeranteil über 30 Prozent liegt. Sollten weniger als 70 Prozent deutsche Kinder in einer Klasse sein, dann müssen an sechs betroffenen Mannheimer Grund- und Hauptschulen reine Ausländerklassen gebildet werden. „Modell“ nennt Baden-Württembergs Kultusminister diese drastische Abkehr von den bisherigen Integrationsbemühungen wohlgemerkt, nicht etwa Versuch oder Erprobung. 13 Ausländerklassen gibt es schon seit dem 8. September, als das Schuljahr begann.

Mannheim ist typisch für die Schulprobleme in Großstädten: Klassen mit nur einer Handvoll einheimischer Mädchen und Buben sind dort keine Seltenheit. Die Hauptlast des bildungspolitischen Ausländerproblems haben die Grund- und Hauptschulen der Mannheimer Innen- und Neckarstadt zu tragen, weil hier überdurchschnittlich viele Gastarbeiterfamilien leben. Der Stadtteil Jungbusch, der zur City gehört, wurde zu einem türkischen Viertel mit eigenen. Geschäften und Gaststätten. Dort gibt es Schulklassen, in denen mehr Moslems als Christen sitzen. Grundschulen mit einem Ausländeranteil von 60 und mehr Prozent sind an der Tagesordnung. Kultusminister Mayer-Vorfelder aber glaubt, durch das „Mannheimer Modell“ werde der Unterricht an Schulen mit einem derart, hohen Ausländeranteil besser.

Bei der Bildung reiner Ausländerklassen kann sich der Neuling unter den Kultusministern auf einen Beschluß seiner Kollegen berufen. Bereits 1976 gab die Kultusministerkonferenz eine Empfehlung, nach der ein Ausländeranteil von 20 Prozent der „Grenzwert“ sei, um reine Ausländerklassen in Betracht zu ziehen. Die Umsetzung dieser zweifelhaften Empfehlung blieb bislang allerdings aus. Auch die in München für die Schulpolitik Verantwortlichen haben sich vor diesem Schritt lange gescheut, um die Ausländerkinder nicht an den Rand des Gemeinschaftslebens zu drängen. Die wirkliche Integration der Ausländer ins bundesdeutsche Bildungssystem, so argumentiert man nun aber in Mannheim, sei nur dann möglich, wenn deutsche Kinder in gemischten Klassen die „dominante größere Gruppe“ sind.

Um den in reinen Ausländerklassen zusammengefaßten Kindern doch noch ein Stück Integration zuteil werden zu lassen, will man jetzt wenigstens Patenschaften, gemeinsame Feste und Arbeitsgemeinschaften zum Thema ausländische Mitbürger einrichten. Allein, diese Pläne für den Kontakt zwischen den Nationalitäten werden wohl an der Raumnot in den betreffenden „Modellschulen“ scheitern.