Berlin, im November

Die innerdeutsche Grenzefordert weiter ihre Opfer, und nicht immer sind es Flüchtlinge, die es trifft. Am Dienstag vergangener Woche traf es einen Bewacher, den 21jährigen Gefreiten Ulrich Steinhauer. Er wurde von einem Kameraden, der flüchten wollte, erschossen. Was sich wirklich abspielte, wird noch zu klären zu sein.

Nach Darstellung der DDR wurde Steinhauer im Raum Schönwalde an der Staatsgrenze der DDR „in Ausübung seines verantwortungsvollen Dienstes... meuchlings ermordet. Der Mörder flüchtete nach Westberlin.“ Wie die Sterbeurkunde ausweist, die zwei Ost-Berliner Emissäre in West-Berlin vorlegten, ist der Gefreite durch eine Salve aus einer Maschinenpistole getötet worden. Die beiden Herren aus Ost-Berlin, ein Abteilungsleiter beim Generalstaatsanwalt der DDR und ein Staatsanwalt, verlangten die Auslieferung des Mannes, den die DDR-Presse bereits als Mörder verurteilt hat.

Der Flüchtling, der 19jährige Egon Bunge, seit einem halben Jahr bei den Grenztruppen der DDR und erst seit kurzem im Grenzdienst eingesetzt, erklärte, er habe sich bei einer Fahrradstreife zur Flucht entschlossen. Deshalb habe er auf seinen Streifenführer die Maschinenpistole gerichtet und ihn aufgefordert, die Waffe fortzuwerfen und wegzulaufen. Steinhauer habe jedoch nicht reagiert und offensichtlich an einen Scherz geglaubt. Daraufhin, berichtete Bunge weiter, habe er zwei Warnschüsse abgegeben; danach müßten sich die tödlichen Schüsse gelöst haben. In Panik habe er an eine Notwehrsituation geglaubt. Dann sei er mit dem Fahrrad an die Grenze gefahren, habe die Hindernisse überklettert und sei noch eine halbe Stunde in sumpfigem Gelände umhergeirrt, bis ihn zwei Autofahrer zur West-Berliner Polizei gebracht hätten. Dort erklärte Bunge zunächst nur, er habe auf einen Kameraden geschossen, war sich aber anscheinend nicht darüber im klaren, daß er ihn auch getötet hatte.

Das Auslieferungsbegehren der DDR hat der West-Berliner Generalstaatsanwalt bereits abgelehnt. Im Westen spricht man, weil die DDR nicht als Ausland gilt, feinsinnig von „Zulieferung“; sie regelt sich nach dem Gesetz über die innerdeutsche Rechts- und Amtshilfe in Strafsachen. Für die Ablehnung des DDR-Antrages sprechen mehrere Gründe: In der DDR würde Bunge nach dem Erwachsenenstrafrecht abgeurteilt, während er hier als Heranwachsender, dessen, sittliche und geistige Entwicklung man berücksichtigt, nach dem Jugendstrafrecht beurteilt werden könnte. Es heißt, Bunge wirke wie ein unreifer Siebzehnjähriger. Außerdem hat er in der DDR die Todesstrafe zu erwarten, die es hier nicht mehr gibt. Schließlich zweifelt man daran, daß Bunge in der DDR einen fairen Prozeß bekäme.

So wird Egon Bunge wohl demnächst in West-Berlin vor Gericht stehen, und er wird wohl auch verurteilt werden, wenn die DDR einer Bitte der West-Berliner Justiz entspricht, alle Ermittlungsergebnisse wie Spurensicherung und Obduktionsbefund zur Verfügung zu stellen. In einem ähnlichen Fall war vor zwei Jahren der ehemalige DDR-Bewohner Werner Weinhold in dritter Instanz wegen Totschlags in zwei Fällen zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt worden.

Joachim Nawrocki