Von Manfred Sack

Etwas benommen folgt man den Komplimenten, die wie Schmetterbälle hin und her fliegen, „Mann, diese Bauarbeiter“, jubelt der Architekt, so daß es seine berlinernde Zunge mächtig lockert. „Wir ham brilljante Polliere jehabt“, sagt er, vor allem den Polier Pfau aus München, der, so glaubt der Architekt, „mitde Pläne schlafn jejang is“. Die Zimmerleute, zuständig für die komplizierte Betonverschalung, hätten extrem gut gearbeitet.

Die so Gelobten wiederum, von der Faszination dieser ungewöhnlichen, ihr sonst kaum gefragtes Können herausfordernden Arbeit an diesen zwei außergewöhnlichen Gebäuden bewegt, überraschten ihre Architekten mit dem Grundriß-Relief des einen Hauses, das sie heimlich in den weißen Putz der Fassade prägten wie einen Verdienstorden, den sie zu verleihen hatten.

Von ihren Bauherrn sagen die Architekten, sie seien „schlechtweg phantastisch“ gewesen; sie hätten auf Anhieb „kapiert, was wir uns gedacht habe„“. Ein Astrophysiker spricht stellvertretend für die Benutzer des einen Hauses: „Wir merken eigentlich jeden Tag, daß es uns durch seine vielfältigen, oft ganz überraschenden Schönheiten bei der Arbeit anregt.“ Und „ach“, schwärmt ein Sternforscher von seinem Gebäude gegenüber, „wir haben es immer bewundert. Manchmal verlaufen wir uns noch, aber lieben tun wir es schon lange.“ Einer der Pförtner erzählte leuchtenden Auges vom überraschenden Ergebnis eines Besuchs: „I hoab des Haus mei Muadda gzoagt. ‚Ja‘, hats gsogt, ‚do geh i fei nimmer raus.‘ ls schee, göll?“

Ob im weiß-grau-roten Max-Planck-Institut für Astrophysik, das im vergangenen März eröffnet worden ist, ob im braun-grauen Gebäude der Europäischen Südsternwarte ESO, das in den nächsten Wochen vollständig bezogen sein wird: Ich wünsche mir, eins davon – das erste – stände in Hamburg und wäre Herberge meiner Zeitung.

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Sind da zwei Stimmungsbomben in der trübseligen Gegenwartsarchitektur hochgegangen? Und ganz ohne historisches Konfetti dabei zu verstreuen? Was ist passiert? Nichts weiter ist geschehen, als daß die Berliner Architekten Hermann Fehling und Daniel Gogel, der eine ein feiner, sensibler Entwerfer, der andere ein barocker Erfinder – daß diese zweiArchitektenzusammen mit ihrem jungen Partner Walter Noebel auf die allein ihnen eigentümliche Weise Funktion und Form zweier Bauwerke in Einklang brachten. Sie fanden dabei, fern von jeglichen typologischen Bestrebungen, eine Architektur, die zugleich phantasievoll, unverwechselbar – aber auch: unnachahmbar – und höchst gebrauchstüchtig ist und die, das ist wichtig, in keiner anderen Zeit als der unseren hätte gedacht, entworfen und gebaut werden können. Sie ist so individuell und dabei so modern, wie nur irgend etwas individuell und modern sein kann.

Die zwei Gebäude findet man nördlich von München in Garching, einer Forscher-Vorstadt, in der bis jetzt dreißig- bis vierzigtausend Wissenschaftler arbeiten oder studieren. Sie liegt weitab von der City. Ihr Kennzeichen ist der Versuchsreaktor der Universität, gemeinhin das Atome! genannt.

Die Wünsche, die den Architekten aufgetragen wurden, hören sich simpel an. Nach den Worten des Astrophysikers Hermann-Ulrich Schmidt erwartete man, daß das (eine wie das andere) Gebäude „das zufällige Aufeinandertreffen, das Gespräch und die Diskussion auf den Fluren ermöglichen sollte, ohne den einzelnen bei der Arbeit in seinem Zimmer zu stören; daß wir kurze Wege brauchten, insbesondere zu unseren wichtigsten Arbeitsinstrumenten“, zur Bibliothek und zu den Computern und ihren Auslegern. Im Institut für Astrophysik sollte eine prächtige alte Weide stehen bleiben (die nach teuren biologischen Injektionen und Operationen tatsächlich stehengeblieben ist und der Architektur ihren anmutigen Dreh gegeben hat). Man wollte „ganz bestimmt keine Kisten“ haben; Architektur und Interieur sollten gleichermaßen wohnlich sein und ein internationales Air haben.

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Im Max-Planck-Institut für Astrophysik wird versucht, „mit Hilfe der von der irdischen Physik her bekannten Naturgesetze die Vorgänge im Weltall zu verstehen und damit schließlich sehr alte Fragen zu beantworten: Wie ist unsere Sonne beschaffen? Wie sind die Sonne und die anderen an ihre Schwerkraft gebundenen Himmelskörper entstanden? Wie entstehen Sterne überhaupt, wie entwickeln sie sich, und wie enden sie? Wie ordnen sich Sterne im Raum an, wie ist die Welt im großen gebaut, ist sie räumlich und zeitlich begrenzt?“ Die Mitarbeiter des Instituts arbeiten auf ihren Spezialgebieten vornehmlich theoretisch, das heißt, sie benutzen Beobachtungen anderer – etwa der ESO – und „versuchen, sie zu verstehen und zu interpretieren“ und Anregungen zu gezielten neuen Beobachtungen zu geben. Im Institut arbeiten knapp hundert Personen, zur Hälfte Wissenschaftler.

Kennzeichen des Gebäudes, das nicht zufällig an den expressionistischen Elan seines berühmten Vorgängers, an den Einsteinturm Erich Mendelsohns in Potsdam erinnert, ist ein runder Hof, der von den zentralen Räumen umgrenzt und gebildet wird, dem langen zweistöckigen Foyer, das zugleich Empfangs-, Ausstellungs-, Diskussions- und Durchgangsraum ist und – hinter einer offenen Selbstbedienungs-Cafeteria – von der Bibliothek. An dem sehr kompakten runden Hof und den Hofbauten liegen vier konvex gekrümmte Flügel, in denen vornehmlich die Einzelzimmer der Wissenschaftler angeordnet sind.

Das European Southern Observatory (ESO), auf deutsch die Europäische Südsternwarte, ist eine mittlerweile von acht Ländern unterhaltene Institution zur Erforschung des südlichen Sternenhimmels. Ziel ist ein Atlas dieses bisher ungenügend beobachteten Gebietes. Die zehn Teleskope ihres Observatoriums, deren größtes einen Spiegel von über dreieinhalb Metern hat, befinden sich auf dem 2400 Meter hohen Berg La Silla in Chile, 600 Kilometer nördlich von Santiago. Der Platz war gewählt worden, weil er wie kaum ein anderer eine reine und trockene Atmosphäre bietet und einen normalerweise wolkenlosen Himmel. Photos und photometrische Messungen werden im Münchner Institut wissenschaftlich ausgewertet. Hier werden indessen auch Teleskope entworfen, teilweise hergestellt und – in einer runden, vom Architekten Daniel Gogel mitsamt Drehkranz und Kran selber konstruierten Montagehalle – zusammengefügt.

Kennzeichen dieses Bauwerks ist eine Achse, die, von der langen Eingangs-Rampe vorgezeichnet, geradenwegs durch das ganze Haus führt und unterwegs durch asymmetrische Gegenbewegungen konterkariert wird. Die Organisierung dieses Hauses war komplizierter als die des anderen, weil hier Denker und Ingenieure, Rechner, Mechaniker miteinander arbeiten, möglichst nahe beieinander, aber deutlich und störungsfrei voneinander getrennt. Den Architekten fiel dafür eine eigenwillige Gliederung ein: an die Längsachse sind mehrere, nach außen sich öffnende (konvexe) Kreissegmente oder Kreise (Montagehalle) mit jeweils demselben Radius angefügt.

Beide Institute haben die Sternenwelt zum Thema, aber sie rücken ihm auf verschiedene Weise zuleibe. Ihre Unterschiede drücken sich deutlich in der Architektur aus, denn jedes ist im Innern anders unterteilt – aber sie sind, unübersehbar, miteinander verwandt und aufeinander bezogen. Das liegt zum einen an der (funktionalen) Aufgabe, zum anderen an den Ausdrucksvorlieben der Architekten:

Beiden Gebäuden nähert man sich leicht aufwärts über Rampen, die ins erste Stockwerk münden. Das macht die Häuser niedriger. Wichtiger noch: sobald man sie betritt, findet man sich mitten in ihnen wieder, gewissermaßen auf dem Höhepunkt der räumlichen Entfaltung, der in beiden Gebäuden ein großes, weit ausschwingendes Foyer ist; wie es die Architekten Fehling und Gogel immer schon liebten: unerhört bewegte Räume, in denen man sich vom ersten Augenblick an geborgen, sogar beschwingt fühlt. Als Daniel Gogel sie zu erläutern versucht, sagt er, „det muß sich drehn, det Ding“, und zeigt auf die Treppen, diese phantasiebeflügelnden Gestaltungsmittel der beiden Berliner. Niemand, so möchten sie, solle der Lust widerstehen können, diese Treppen zu benutzen, „die dürfen gar nicht erst auf die Idee kommen, einen Fahrstuhl zu suchen“.

Bei den Astrophysikern, sind ihre Kehren spitz wie alte Schiffsbüge, die Brüstungen aus weißlackiertem Eisenblech, die Handläufe aus, weiß gestrichenen Rohren. Gogel ist ja, das sagt er gern, gelernter Schiffsbauer. Bei den Sternwartenleuten der ESO wiederum schwingen die Treppen synkopisch in die Höhe und hintertreiben die (über Rampe, Foyer, Hörsaal unten, Bibliothek darüber und einen Fluchtbalkon hinten durchlaufende) gerade Achse mit viel Witz, sie kriegt, sagt Gogel, „immer mal ’ne Backpfeife“.

Beide Gebäude „wachsen aus der Erde“, mit zuerst schräg ansteigenden Wänden, Fenstern, Blenden, ein Bedürfnis, dem die Architekten ausdrücklich gern nachgeben: Sie möchten die Störung der Landschaft, zu der sie aufgerufen waren, ein wenig mildern.

Ihre Phantasie langt überall hin. Sie nutzen im Innern flache Brüstungen, die sich aus Niveau-Unterschieden oder an Fensterbändern ergeben, für Sitzbänke, ziehen entweder den Teppich darüber oder lassen von Tischlern fein gearbeitete Sitzbänke auflegen. Selbst vulgäre Entlüftungskästen haben im Deckel einen diagonalen Kniff, „wie ’ne Taube, die hier flattert; da sieht man, da fliegt was weg“, schlechte Luft. Die Deckenleuchte im ESO-Hörsaal ist ein großer Milchglaskeil, denn „das muß ’n bißchen dramatisch sein, die machen ja aufregende Sachen hier“. Einen Fluchtweg bei den Astrophysikern haben die Architekten gleich für einen Diskussionsraum genutzt, glasüberdacht „wie ’n Atelier“; die mit Kreide notierten Rechnungen, die Formeln und die Bitte „Nicht löschen!“ lassen auf rege Benutzung schließen.

Und gar nichts Negatives? Auch das gibt es, wenngleich es der Architektur von fremder Seite zugefügt wurde: Das finish im ESO-Bau, vor allem innen, läßt zu wünschen übrig, Versäumnisse der Ballführung, die, da sie vom Ruhm der Architektur gewöhnlich nichts abkriegt, keine Leidenschaft entwickelte. Und für die Außenhaut wurde den Architekten braun eloxiertes, in eckige Längsfalten gelegtes Aluminium oktroyiert; die neunmalkluge, nur nicht sonderlich feinsinnige Max-Planck-Bauabteilung untersagte die von den Architekten gewünschte Verblendung mit Backsteinen. Das einigermaßen lachhafte Argument war, in Bayern sei man nicht imstande, mit Ziegeln umzugehen. (München, wo gerade ein gewaltiger Musik- und Bildungskomplex mit Backsteinen im Entstehen ist, liegt, wie wir nun wissen, außerhalb Bayerns.)

Davon abgesehen, haben die Münchner Astronomen das bekommen, was sie verlangt haben: allererste Qualität. Kein Wunder bei diesen sogar unter ihresgleichen weithin unbekannt gebliebenen Berliner Architekten, die ihr kleines Büro in einem stillen Miethaus an einer verschlafenen Ecke des Halensees betreiben. Die Liste ihrer Bauwerke ist tatsächlich nicht sehr lang. Doch jedes ist mit einer mittelalterlich anmutenden Hingabe und Genauigkeit entworfen und (bis zu den „Fünfzigstel-Zeichnungen“) auch von ihnen selber gezeichnet worden: lauter geliebte Kinder, ein jedes ein Charakter, keine „internationale Kiste“ darunter. Man findet in den scheinbar freien Formen dieser Architektur leicht Spuren, die in die zwanziger Jahre deuten, zur graphisch-strengen weißen Architektur Le Corbusiers und der Brüder Luckhardt ebenso wie zu den spielerischen Visionen Paul Scheerbarths und Bruno Tauts und zum „organischen Funktionalismus“ Hugo Härings. Oberflächlichwerden Fehling und Gogel deshalb gern in eine Linie mit Scharoun gedrängt, obwohl sie absolut unverwechselbar und frei sind von jeder modischen oder epigonalen Attitüde. Sie formulieren Räume wie Details viel strenger und kühler und treten auch niemals ins Kitschnäpfchen (wie manchmal Scharoun).

Sie entwickeln ihre Entwürfe prinzipiell aus der Aufgabe, also aus dem Grundriß. Da ein Gebäude für sie ein Körper und ein Körper (wie der des Menschen) nicht von vornherein viereckig ist, und da ein Gebäude Anfang und Ende hat, da es Ausdruck, „ein Gesicht“ haben muß und seine Bestimmung ahnen lassen soll, kommen sie zu einprägsamen, plastischen, rhythmisch so überaus bewegten Raumkompositionen.

Banale Symmetrie sucht man in solchem Aufbau vergebens. Zwar hat jede dieser architektonischen Arbeiten eine Art von Achse, die den strukturellen Halt gibt und damit die Freiheiten eröffnet, die Architektur daran zu entfalten; aber es ist weniger eine Links-Rechts-Ordnung als ein sehr genau ausbalanciertes Gleichgewicht, eine „innere Symmetrie“.

Denn ihre Logik erhalten alle diese Bauten durch eine funktional begründete Gliederung. Wie in Fehlings und Gogels bekanntesten Bauwerken, dem Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und dem Hygiene-Institut der Freien Universität, beide in Berlin, wird auch in den zwei Garchinger Häusern die klare Ordnung durch die Musikalität der freien Raumformen zum Klingen gebracht. Bäder Devise lautet: „Ein Gebäude muß seinen Benutzern Spaßvergnügen machen. Sie sollen sich, indem sie darin arbeiten, zu Hause fühlen.“ Wohlfühlen sollen sie sich, und sie tun’s.