Von Petra Kipphoff

Tanguy, mit dem sie auch eine Affaire hatte, was aber schwierig war wegen der eifersüchtigen Madame Tanguy und weil sie selber eigentlich doch Beckett so leidenschaftlich liebte, Tanguy also, der surrealistische Maler, machte eine Zeichnung von Peggy Guggenheim, auf der sie sich selber freudig wiedererkannte: "...die Augen sehen aus wie die Glasaugen einer Porzellanpuppe, deren Kopf zerbrochen ist, so daß man in sie hineinschauen kann."

Peggy Guggenheim hat immer in sich hineinschauen lassen, hat auch immer wieder und ohne sich zu genieren ihre Scherben vorgezeigt, die ihr immer wieder Glück gebracht haben. Zum erstenmal veröffentlichte die große Sammlerin 1946 ihre Memoiren, und das amerikanische Publikum war schockiert über die Offenheit, mit der hier eine Dame kurz vor fünfzig und aus prominenter New Yorker Familie ihre Lieb- und Leidenschaften referierte. 1960 kamen diese Bekenntnisse einer weder durch falsche noch durch angebrachte Diskretion getrübten Seele zum zweiten, leicht gereinigten Mal auf den Markt; dann herrschte Ausverkauf und Schweigen, bis jetzt, 1980, eine Fassung letzter Hand der Memoiren erschien –

Peggy Guggenheim: "Ich habe alles gelebt – Bekenntnisse einer Sammlerin aus Leidenschaft", aus dem Amerikanischen von Dieter Mulch; Scherz Verlag, München; 338 S., 32 DM.

Daß die Autorin, die im Dezember 1979 starb, inzwischen neben ihrer Tochter und zwölf Lhasa-Terriern im Garten hinter ihrem "Palazzo dei Leoni" ruht, ist in dem Buch nirgendwo vermerkt. Und als sich bei der diesjährigen Venedig-Biennale Hundertschaften auf Einladung des Direktors des Guggenheim-Museums in diesem Garten auf die Füße traten und durch die kunstgefüllten Räume des Palazzo drängten, da war von ihr, die alle Pollocks, Picassos, Ernsts, Giacomettis, Tanguys et tutti quanti gesammelt und diesen Besitz am Canale Grande erworben und mit Kunst gefüllt hinterlassen hat, nicht die Rede. Peggy Guggenheim, die in ihren letzten Lebensjahren die neue Kunst ebenso gräßlich fand wie die Besucher ihrer Sammlung, hätte sich darüber nicht gewundert.

Sie wuchs auf in New York als Kind einer großen und reichen jüdischen Familie, und was sie am Anfang über ihre Großeltern und die exzentrischen Onkel, über ihren lebensfrohen Vater und die prüde Mutter schreibt, ist so ernsthaft und amüsant, als habe Carrolls Alice es berichtet. Als Peggy Guggenheim vierzehn ist, geht ihr Vater, der seine Geliebte in Europa spazieren führen wollte, mit der "Titanic" unter: "Er und sein Sekretär hatten dem Tod im Abendanzug entgegengesehen. Als echte Gentlemen waren sie gestorben, um Frauen und Kindern die Plätze auf den Rettungsbooten zu überlassen."

Die Familie muß sich einschränken, Peggy sitzt mit einer Million da. Nach kleinen Ausflügen in die Berufswelt und einer Nasenoperation aus Langeweile geht Peggy Guggenheim auf Europa-Reise und beschließt hier, dreiundzwanzig Jahre alt, daß die Jungfrauenschaft allmählich lästig und abzuschaffen ist. Von Laurence Vail, einem Künstler und Hallodri, wollte sie dann alles haben, was sie auf pompejanischen Fresken je gesehen hatte. Dafür heiratete sie ihn dann auch prompt und gründete einen Hausstand in Paris. Natürlich ging es mit Laurence, mit dem sie zwei Kinder hatte, nicht gut, aber nach Laurence kamen John und Douglas und Samuel (Beckett) und Yves (Tanguy) und Max (Ernst) und Marcel (Duchamps) und Kenneth, und zwischendurch gab es auch noch diesen und jenen.