In den USA beginnt die kommerzielle Verwertung der Gentechnologie

Von Jes Rau

Finanziell steht er "ganz gut da", sagt Peter Seeburg. Womit er etwas untertreibt. Denn er besitzt über 10 000 Aktien, die ein nettes Sümmchen sind: Anteile an der Genentech Corp., einem vor vier Jahren in San Francisco gegründeten Unternehmen. Kürzlich gab Genentech erstmals, zwecks Kapitalerhöhung, Aktien an die Öffentlichkeit aus. Zwanzig Minuten, nachdem die mit der Aktienemission verbundenen Formalitäten beendet waren, hatte das Maklerkonsortium die gesamte Million junger Aktien verteilt, und der Handel mit den Papieren konnte beginnen. Weitere zwanzig Minuten später war der Preis der Genentech-Aktie vom offiziellen Ausgabekurs von 35 Dollar auf 89 Dollar gestiegen. "Ich bin 22 Jahre im Geschäft", meinte ein leitender Angestellter des Brokerhauses Merril Lynch, "aber so etwas habe ich noch nie erlebt."

Sämtliche Brokerhäuser waren schon Wochen vor dem Begebungstermin der Genentech-Aktien von einer Flut von Kauforders überschüttet worden. Selbst für allerbeste Kunden hatten die meisten Brokerhäuser deshalb oft kaum eine einzige Genentech-Aktie übrig. Die Millionen, zu kurz gekommener Spekulanten versuchten daraufhin, im Freiverkehr die begehrten Papiere zu ergattern und trieben in ihrem Kaufrausch den Kurs nach oben. Von der Euphorie unberührt gebliebene Börsenbeobachter argwöhnen, daß die "Theorie vom noch größeren Narren" wieder im Schwange ist, welche besagt: Es ist gleichgültig, wieviel man für eine Aktie bezahlt, solange es noch einen größeren Narren gibt, der willens ist, zu einem noch höheren Kurs zu kaufen.

Vor der 90 Dollar-Marke versiegte offensichtlich der Zulauf der "noch größeren Narren", und der Genentech-Kurs sackte ab. Inzwischen pendelt der Kurs zwischen 50 und 52 Dollar. Was immer noch ein stolzer Preis ist für ein Unternehmen, das im letzten Halbjahr einen Gewinn von nur 52 000 Dollar machte und dessen Aktiva vor wenigen Monaten mit 14,2 Millionen Dollar bewertet wurden. Bei Zugrundelegung des gegenwärtigen Kurses ist das Unternehmen, das nur aus einigen Labors in South San Francisco besteht, nun 370 Millionen Dollar wert. Die Firmengründer von Genentech, Robert Swanson und Herbert Boyer, die beide je 985 000 der insgesamt 7,4 Millionen zirkulierenden Aktien besitzen, sind schlagartig jeder 50 Millionen Dollar schwer geworden.

Und selbst Peter Seeburg, mit seinen vergleichsweise wenigen Aktien, ist – in Deutscher Mark ausgedrückt – annähernd Millionär geworden. Das ist nicht schlecht für einen jungen Mann, der noch vor fünf Jahren ein schmalbesoldeter Assistent am Tübinger Max Planck Institut für Biologie war.

Seeburg arbeitete in Tübingen auf dem Gebiet der Neuzusammensetzung ("Rekombinierung") der Erbsubstanz Desoxyribonukleinsäure, im internationalen Fachjargon kurz DNA genannt. Die in der DNA aufgezeichneten Erbinformationen sind in Genen und diese wiederum in Chromosomen im Kern jeder Zelle zusammengefaßt. Seeburg träumte schon damals davon, menschliche Gene in Bakterien zu verpflanzen, welche dann zum Beispiel – einem neuprogrammierten Computer ähnlich – das artfremde Produkt "menschliches Hormon" produzieren würden. Und da sich Bakterien in Nährlösungen schnell vermehren, wäre der Weg zur billigen Massenproduktion kostbarer Wirkstoffe offen.