Von Hans Schueler

Im großen Konferenzsaal von Gebhards Hotel zu Göttingen wurde am vergangenen Wochenende das Andersen-Märchen "Des Kaisers neue Kleider" als Laienspiel aufgeführt. Mitwirkende waren überwiegend Syndici und sonstige Funktionäre von Zeitungsverlegern und Verlegerverbänden. In Nebenrollen spielten einige Hochschullehrer und Vertreter der journalistischen Berufsorganisationen mit. Die Laienspieler traten allerdings, anders als im richtigen Märchen, nicht ganz nackt auf. Sie trugen vor ihrer Blöße ein Feigenblatt mit der Aufschrift: "Deutscher Presserat".

Der Regisseur des Stücks ward leider nicht gesichtet. Möglicherweise befand er sich in Verkleidung unter dem Ensemble: Günter Wallraff, seines Zeichens Enthüllungs-Schriftsteller. Er hatte den in Göttingen tagenden "Studienkreis für Presserecht und Pressefreiheit" zur Wahl von Stück und Thema bewogen. Mit seinen beiden Büchern "Der Aufmacher" und "Zeugen der Anklage" über die Bild- Zeitung und ihre Praktiken brachte Wallraff nicht nur Licht in die Kellerräume des bundesdeutschen Boulevard-Journalismus; er erregte ganz ungewollt auch das öffentliche Interesse an der obersten Kontrollinstanz über die publizistischen Sitten im Lande – eben am "Deutschen Presserat". Und siehe da: Die Instanz hat gar nichts an. Sie ist nackt. Und nicht einmal ein Kaiser.

Das kam so: Wallraffs Offenbarungen über seine Zeit als eingeschlichener Redakteur bei Bild und seine kenntnisreichen Erklärungen über frühere und spätere Ereignisse dort brachten ihn samt der Springer-Zeitung nolens volens vor den "Deutschen Presserat". Er kriegte dort eine Rüge, weil er heimlich in ein Sanktuarium publizistischer Macht eingedrungen war. Bild bekam seine Rüge, weil es sich wiederholt der Falschberichterstattung, der unterlassenen Richtigstellung, der Anwendung unlauterer Methoden bei der Beschaffung von Nachrichten sowie der Verletzung der Intimsphäre und des Privatlebens schuldig gemacht hatte.

Im Sittenkodex des Presserates, den er allen Zeitungen zur Pflicht gemacht hat, steht der Satz: "Es entspricht fairer Berichterstattung, vom Deutschen Presserat öffentlich ausgesprochene Rügen abzudrucken, insbesondere in den betroffenen Publikationsorganen." Den Satz haben sowohl die Verleger wie die Journalisten gutgeheißen. Er müßte also im konkreten Fall sowohl von oben wie von unten, vom Arbeitgeber wie vom Arbeitnehmer, durchgesetzt werden. Doch bei der Bild- Zeitung verstand es sich wie eh und je von selbst, daß Rügen gegen das eigene Blatt unerwähnt bleiben.

Die Rüge gegen Wallraff wurde anderwärts veröffentlicht, weil er über kein eigenes Publikationsorgan verfügt. Beim "Deutschen Presserat" aber ging es nun ans Eingemachte. Die Journalisten-Vertreter hielten es für sinnlos, weiterhin nur über Einzelveröffentlichungen von Bild zu klagen. Sie meinten, zu dieser Art von Boulevard-Presse müsse einmal etwas Grundsätzliches gesagt werden.

  • Sie offenbare Methoden des Sensationsjournalismus..., "die mit den Grundsätzen einer den Interessen des Lesers und der Wahrheit verpflichteten Berichterstattung nicht mehr vereinbar sind."
  • Die Leute bei der Bild-Zeitung müßten unter Bedingungen und Erwartungen arbeiten, die Falschberichterstattung, Sensationsmache, Einbrüche in die Intimsphäre und andere Verstöße gegen den Pressekodex fördern.