Von Nike Wagner

Es waren einmal zwei ungleiche Brüder, aufgewachsen im Wien der Jahrhundertwende, in der Familie eines Goldschmieds; die war so, wie die meisten bürgerlich-jüdischen Familien dieser Zeit: wohlhabend, wohlassimiliert, vom Vater beherrscht, germanophil. Der ältere Sohn, Otto, beendete, dreiundzwanzigjährig, sein Leben durch Selbstmord. Der jüngere, Richard, starb erst vor kurzem, hochbetagt, auf seinem herrlichen Landsitz bei New York.

Von Otto berichtete Stefan Zweig: "Er sah immer aus wie nach einer dreißigstündigen Eisenbahnfahrt, schmutzig, ermüdet, zerknittert, ging schief und verlegen herum, sich gleichsam an eine unsichtbare Wand drückend Richard hingegen war ein großer, schöner Mann, spielte Tennis wie ein Gott, liebte die Welt, das Abenteuer, die Frauen.

Der junge Dr. phil. Otto veröffentlichte im Mai 1903 sein einziges Buch und gelangte damit zu umstrittenem Ruhm; für geistesgestört hält ihn die psychiatrische Fachwelt, für dubios die philosophische, für genial die literarische. In jedem Fall hat Otto sich mit "Geschlecht und Charakter" – so der Titel seiner "prinzipiellen Untersuchung" – in die Unsterblichkeit geschrieben: Er ist zum Inbegriff eines Weiberfeindes, Judenhassers und Keuschheitsapostels geworden. Bis in die dreißiger Jahre hinein bezeugen immer neue Auflagen seinen Erfolg. Erfolg, aber zu Lebzeiten, kennzeichnete auch den Weg Richards, als Lebemann, Geschäftsmann, Kunstsammler und Grandseigneur. "Exciting Years" heißt sein Buch, eine Autobiographie, die das Leben als aufregendes Spiel von Zufällen feiert, ein Dokument der Selbsterhaltung zu Ottos Dokument der Selbstvernichtung.

Ungleiche Brüder – ein Witz, gelungen und brutal in der Verkürzung, kursiert unter Freunden: Otto, das war der "Charakter", Richard das "Geschlecht" ...

Die Schriften des "Charakters" liegen nun erstmals wieder auf, und zwar vollständig:

Otto Weininger: "Geschlecht und Charakter". – Eine prinzipielle Untersuchung, mit dem Tagebuch des Verfassers und einem Nachwort von Robert Calasso; 667 S., 36,– DM; Otto Weininger: "Über die letzten Dinge", mit einem Anhang von Theodor Lessing; 230 S., 22,– DM; beide bei Matthes & Seitz, München, 1980.