Von Dietrich Strothmann

Kiel, im November

Ein jüdisches Schicksal. Erst der Zufall brachte es an den Tag: Vier Jahre lag die sechzigjährige Rentnerin tot in ihrer Wohnung. Der Briefkasten quoll über, der Gasableser heftete seine Mitteilungen an die Tür. Die Nachbarn im Mietshaus vermuteten sie in einer Heilanstalt. Viele kannten sie, doch keiner kümmerte sich um sie. Margot Franck, geboren in Hamburg, war eine Jüdin. Sie hatte Dachau überlebt. Vor vier Jahren hatte sie eine Überdosis Schlaftabletten genommen. Ein jüdisches Schicksal in Deutschland, bald vierzig Jahre danach,

Das Schicksal eines Prozesses: Diese Woche ist es fünf Jahre her, daß im Schwurgerichtssaal L 111 des Düsseldorfer Landgerichts das Maidanek-Verfahren begann. Es ist inzwischen, nach 435 Verhandlungstagen, das längste in der deutschen Justizgeschichte. Und es ist noch nicht zu Ende: Voraussichtlich im Dezember werden Ankläger und Verteidiger mit ihren Plädoyers beginnen, voraussichtlich im Frühjahr 1981 wird das Urteil über die neun Angeklagten gefällt werden. Und dann beginnt noch das Revisionsverfahren. Bald vierzig Jahre danach übersteigt es nahezu jeden Gerechtigkeitssinn, solche Schuld überhaupt angemessen strafen zu können. Auch im Laufe des Maidanek-Tribunals sind Angeklagte und Zeugen gestorben oder verhandlungsunfähig geworden.

Diese Woche begann vor dem Kieler Landgericht, nach 18 Jahren der Ermittlungen und Vorverfahren, der endgültig letzte Groß-Prozeß in „NSG-Sachen“, gegen „Nationalsozialistische Gewaltverbrecher. Es geht um die Verantwortung für die Deportation von nahezu 26 000 Juden aus Belgien nach Auschwitz. Im Anschluß an die Urteile gegen die Verschleppung von Juden aus den Niederlanden (Harster-Prozeß) und aus Frankreich (Lischka-Prozeß) wird mit dem Kieler Richterspruch ein Kapitel vergangener Verbrechen abgeschlossen. Aber auch hier stellt sich die Frage: Warum so spät? Auch hier heißt das Problem: Hat Strafen noch einen Sinn?

Die Vorgeschichte des Kieler Verfahrens wirft auf den schwierigen Versuch der Justiz, Vergangenheit mit ihren Mitteln bewältigen zu wollen, ein bezeichnendes, ungünstiges Licht: Erst 1963 konnte die Ludwigsburger „Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“ mit ihren mühsamen Nachforschungen des belgischen Komplexes beginnen. Erst 1967, nachdem der Wohnsitz des Hauptangeklagten ermittelt worden war, gingen die 52 Untersuchungsaktenbände zuständigkeitshalber an die Kieler Staatsanwaltschaft. Erst 1975 wurde, nachdem nacheinander vier Anklagevertreter mit dem Fall betraut worden waren, Anklage erhoben. Erst 1977 wies das Schleswiger Oberlandesgericht ein ablehnendes Urteil des Flensburger Landgerichts zur Verfahrenseröffnung zurück. Erst 1979 bestätigte das Bundesverfassungsgericht den Schleswiger Beschluß. Erst 18 Jahre nach Einleitung der Ermittlungen kommt es zur Verhandlung.

Mittlerweile hat sich der Hauptangeklagte, der siebzigjährige Ernst Bojie Ehlers, kurz vor Prozeßbeginn das Leben genommen (indem er Strom in seine Badewanne leitete), ist der eine Mitangeklagte – der ebenfalls siebzigjährige Rentner Dr. Konstantia Canaris – auf Grund mehrerer Arztgutachten verhandlungsunfähig erklärt worden, ist bei den anderen Beschuldigten – der 71jährige Rentner Karl Fielitz – die Anklageerhebung abgelehnt worden, ist der vierte Tatverdächtige – der siebzigjährige Rentner Kurt Asche aus Hamburg – als einziger übriggeblieben. Er allein steht nun gegen 26 000 tote Juden.

Ihm, dem ehemaligen „Judenreferenten“ in der Dienststelle des SS-„Beauftragten des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD“ in Belgien, wird in der Anklageschrift nachgesagt, er sei ein fanatischer Nationalsozialist gewesen. Anders sein Vorgesetzter, der damalige SS-Obersturmbannführer Ehlers, von dem der Chefankläger behauptet, es sei sein Verdienst gewesen, „wenn es in Belgien weniger scharf zuging als anderswo“; anders auch der Jurist und Ex-Standartenführer der SS, Konstantin Canaris, ein Neffe des später hingerichteten Abwehrchefs, der von den Belgiern 1951 zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, ein Jahr darauf aber bereits freigelassen worden war und der von sich behauptet, damals zu „einer Maschine gemacht“ worden zu sein.

Zu diesem Prozeß indessen, einem „Buchhalter-Verfahren“ wegen der unwiderlegbaren Dokumente und der wenigen Zeugen, gehört noch eine andere, ebenso peinliche Vorgeschichte: Ernst Ehlers, der bereits 1928 Parteimitglied wurde und nach seinem Assessor-Examen 1941 in die Dienste der Gestapo eingetreten war, hatte sich nach 1945 wie seine Kumpane verborgen gehalten (so Kurt Asche unter dem Decknamen Klein als Angestellter der „Schlaf- und Speisewagengesell schaft“). Bald fühlte er sich wieder sicher, bewarb sich 1957 als Hilfsrichter beim Verwaltungsgericht Schleswig und wurde bereits zwei Jahre später zum Verwaltungsgerichtsrat ernannt. Als eines Tages nach ihm gefragt wurde, gab es von seinem Dienstvorgesetzten erst abschlägige Antworten: Ehlers aus Brüssel – hier unbekannt, obwohl er nur ein paar Zimmer weiter kräftig amtierte. Dann, als sich Kiels Justizminister in die Aufklärung einschalten mußte, war Ehlers doch bekannt, wurde suspendiert (ohne Gehaltskürzungen) und schließlich 1974 pensioniert (bei insgesamt 450 000 Mark Bezügen, die weitergezahlt wurden). Dem Vernehmungsbeamten diktierte Ehlers ins Protokoll, er habe in Brüssel „seine Dienstgeschäfte im humanen Geist wahrgenommen“.

Wer aber spricht von den Opfern, vom Leid der 26 000? Wer vermag das Ausmaß an Qual der Eltern zu ermessen, die ihre Kinder im Viehwagen auf die Fahrt in den Tod mitnehmen mußten, wer den Grad des Schreckens jener Kranken und Krüppel, die nach Auschwitz deportiert wurden – „abbefördert“, „fortgeschafft“, „verbracht“, „erfaßt für den Ortseinsatz“, wie es im Dienstjargon der Mordgehilfen hieß? Wer nennt alle ihre Namen, ihre Schicksale? Wer kann sie nennen, namhaft machen für alle Zeit? Auch darin ist das Gericht in Kiel überfordert – wie jedes Gericht.

Bleibt also doch wieder nur die Scham, bleibt auch nach so langer Zeit die Erbitterung vor so viel Gleichgültigkeit, die vage Erwartung auf ein kleines Stück nachträglicher Gerechtigkeit. Dieser Tage ist, auch in Deutschland, die Autobiographie des Jerusalemer Bürgermeisters Teddy Kollek erschienen. Von 1942 bis 1945 hatte er als Geheimdienstmann in Istanbul den Auftrag, Meldungen über die „Endlösung“ zu sammeln und zu veröffentlichen. Kollek erinnert sich: „Es fiel uns schwer, sie zu glauben und das ganze Ausmaß dessen zu begreifen, was sie bedeuten. Wir lebten mit dem Wissen, daß eine unglaubliche Katastrophe über unser Volk hereinbrach und konnten nicht das geringste unternehmen: Die Welt blieb gleichgültig.“

Dabei ist es geblieben. Und manchmal nur, wie bei der toten Rentnerin in Hamburg gibt es ein spätes Erinnern – ein zu spätes?