Damals hatte. ich Blumen gekauft: einen bunten Sommerstrauß. Als der Butler mir die Tür öffnete – ein diskreter Asiate wie aus einer Erzählung von Somerset Maugham –, wußte ich sofort, daß ich einen Fehler gemacht hatte. Nicht der Blumen wegen, sondern der Farben. Zögernd betrat ich einen Traum in Weiß, wie entworfen für die extravaganteste Hollywood-Phantasie. Ein Interieur für einen Star: weiße Teppiche, weiße Möbel, ein weißer Flügel mit weißen Wachsblumen darauf. Die Dame des Hauses erschien vorsichtig trippelnd und nahm meinen Stilbruch zerstreut kaum zur Kenntnis. Sie schien sich auf ihren Auftritt vorbereitet zu haben, Ihre lange weiße Robe, sorgsam drapiert, barg einen noch immer mächtigen Leib, den sie mit tapsiger Anmut einer weißen Ledercouch anvertraute. Unter mehreren Schichten kalkiger Schminke wirkte ihr Gesicht fast starr. Es konnte nicht leicht für sie sein, die darzustellen, die sie einmal gewesen war. Bald entließ sie den Domestiken und winkte mich näher. Sie war kurzsichtig.

Sie hatte keine Lust, über ihre alten Filme zu reden, für deren Regisseure sie eine Art von milder Verachtung besaß. Handlanger waren sie gewesen, die ständig wechselnden Männer hinter der Kamera, Statisten im großen Spiel der Mae West, die ganz allein die Paramount gerettet hatte, damals 1932, die drei Jahre später mehr Geld verdiente als ihr Präsident, fast soviel wie der Zeitungskrösus William Randolph Hearst, der sie für den Untergang Amerikas hielt. Da nannte man sie schon die "Statue of Libido", eine Freiheitsstatue besonderer Art, die mit frivolen Sprüchen und lasziven Hüftschwüngen eine neue Aufregung ins Land der fleißigen Puritaner getragen hatte. "Sex und ich haben eine Menge gemeinsam. Ich will nicht behaupten, daß ich ihn erfunden habe – aber ich darf sagen, daß ich ihn wiederentdeckt habe." In ihrem Film "Go West Young Man" sagt sie: "A thrill a day keeps the Chili away." Ich traue mir nicht zu, diesen Satz angemessen zu übersetzen.

Sie brachte eine Direktheit auf, vor der die Frauenvereine zitterten: "Was zählt: nicht die Männer, in meinem Leben, sondern das Leben in meinen Männern." Sie war selbstbewußter als es für ein Mädchen aus Brooklyn schicklich erschien: "Gentlemen mögen Blondinen bevorzugen – aber wer hat gesagt, daß Blondinen Gentlemen bevorzugen." Ihr erstes Theaterstück hieß einfach "Sex". Der Titel brachte sie, 1926, für ein paar Tage ins Gefängnis. Als sie ein Jahrzehnt Später Amerikas Männer im Kino verwirrte, als ,,Klondike Annie" oder als "Belle of the Nineties", war sie schon über vierzig: eine Veteranin des Vaudeville, eine Frau mit Vergangenheit, eine Meisterin des erotischen Innuendo. Ausgezogen hat sie sich nie vor der Kamera, und als wir uns 1971 in ihrer Wohnung über die neuen Sex-Stars unterhielten, legte sie Wert darauf, anders gewesen zu sein: eine unabhängige Sirene, kein Lustobjekt. Sie war es, die den Männern mit suggestiver Trägheit in der Stimme empfahl: "Come up and see me sometime." Sie erfand ihre eigenen Spielregeln: ein emanzipierter Vamp voller Witz und Lust. Wenn sie auftrat, mußte sich ein Gary Grant mit dem Part des blassen Schönlings bescheiden.

Regisseure hat sie wirklich nicht gebraucht, die Dame, die sich erfolgreich dagegen wehrte, nur eine Dame sein zu müssen, höchstens eine fürs Feuer in ihrem Boudoir. Ihre Dialoge schrieb sie sich immer selber, und den Regieangestellten der Paramount erlaubte sie selten, sich einzumischen. Nur mit zweien kam sie zurecht: mit Leo McCarey ("Belle of the Nineties"), der schon, mit Laurel & Hardy und mit den Brüdern Marx fertiggeworden war, und mit Raoul Walsh ("Klondike Annie"), den man nicht nur wegen seiner Augenklappe mit einem Piraten verwechseln konnte.

Nach zehn Filmen setzte sie sich zur Ruhe, schon 1943, da würde sie gerade fünfzig und fand sich damit ab, fortan als Legende zu leben. 1969 ließ sie sich noch einmal in ein Atelier locken ("Myra Breckinridge") und ein letztes Mal 1977, als sie, 84 Jahre alt, die Schlafzimmer-Amazone Mario Manners in der Verfilmung eines ihrer alten Stücke vorführte: "Sextette". Da war sie nur noch die Parodie einer Parodie, denn längst hatte man sich ihres Arsenals erotischer Signale bemächtigt, es überführt in die Imitationskultur der Transvestiten. Craig Russell als Mae West war längst besser als Mae West, das neue Idol zarter Männer mit homophilen Neigungen. Nicht mehr kernige Hollywood-Typen umschwirrten sie am Ende, sondern schöne Schwule. Sie nahm es mit Gelassenheit; auch mit Stolz: Eine so: vielseitige Verehrung wird – selbst einem Sexsymbol nicht ohne weiteres zuteil.

Als wir uns gegenübersaßen, vor neun Jahren in Hollywood, hatte sie es schon aufgegeben, in der Gegenwart zu leben. Sie kramte alte Briefe hervor, vergilbte Verehrerpost aus den dreißiger Jahren, auch Huldigungsschreiben von Schulklassen. Zwischendurch stand sie auf und ließ mich ein paar Mae-West-Bewegungen sehen: aus einem Stück, das wohl selbst, für ihren Geschmack zu lange im Repertoire geblieben war. Sie schien einsam, erwähnte nur ein paar alte Freunde, mit denen sie sich gelegentlich traf: die Regisseure George Cukor und Irving Rapper, beide dem eigenen Geschlecht mehr zugetan als dem ihren Sie hatte eine neue, eine letzte Leidenschaft entdeckt: ESP, außersinnliche Wahrnehmung, eine im Kalifornien der frühen siebziger Jahre grassierende Mode der Reichen. Das war ihr wichtiger als die alten Filme, die wir immer noch lieben, deren altmodische Verruchtheit deren aggressiver Humot inzwischen die Gene? ration ihrer Urenkel bezaubert.

Am letzten Samstag ist Mae West in Hollywood gestorben, 87 Jahre alt, in ihrem Bett. Auf ihrem Grabstein könnte einer ihrer schönsten Sätze stehen: "When I’m good, I’m very, very good, but when I’m bad, I’m better."

Hans C. Blumenberg