Von Gabriele Engert

Wer bestimmt, was Mode wird, oder besser gesagt, wer lanciert sie? Einigkeit im Lager herrscht darüber, daß man das harte Modegeschäft nicht den Laien anvertrauen darf. Zuviel Geld steht auf dem Spiel. Deshalb braucht die in Paris oder in Florenz gezeigte Mode Zwischenträger, die sie unters Volk bringen. Dazu bedient sie sich eines Systems von „Verteilern“: Späher von Konfektionsfirmen, die das für sie Passende heraussuchen und marktgerecht in Massenkonfektion umsetzen, Einkäufer von Warenhäusern, die, wenn sie nicht in eigener Regie herstellen, bei jenen ordern, und die Modepresse, die eine öffentliche Vorauswahl trifft. Sie kreuzigt zwar mitunter, aber sie schreit auch Hosianna – die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.

Tragen Stars ein bestimmtes Gewand zum Erfolg, wie seinerzeit Marilyn Monroe, Brigitte Bardot und Twiggy, nicht zu vergessen eine Jacqueline Kennedy, so sind das Sternstunden, in denen die Mode-Industrie viel Geld verdient. Wer weiß heute noch, daß kein Geringerer als Marlon Brando in dem Film „Endstation Sehnsucht“ das T-Shirt gekürt hat?

Ob Filme wie „Gatsby“ oder „Schiwago“ inspirierend gewirkt haben oder vorhandene Modeströmungen nur transportierten, läßt sich schwer sagen – richtig jedoch ist, daß sie Mode in Gang brachten. Große Kunst-Retrospektiven wie „Berlin–Paris“ und „Picasso“, beide in Paris veranstaltet, haben ihren Niederschlag in einer Kollektion des Modeschöpfers Yves Saint-Laurent gefunden. Picassos Harlekine schlagen in diesem Jahr munter Purzelbaum auf unseren Modepfaden.

Was ist Mode? Sie ist der sichtbare Ausdruck einer bestimmten Zeitspanne. Die Mode gehört ebenso wie Literatur oder bildende Kunst zu unserer Kultur. Sie übersetzt die intellektuellen Zeitströmungen, läßt sie Allgemeingut werden. Herr und Frau Jedermann sind berufen, aktiv an der Gestaltung des Welttheaters, das heißt des Modespektakels, mitzuwirken.

Und daher rührt auch ihre Attraktivität. Beispiele: 1964 – Weltraumfahrt. André Courrèges machte daraus seinen futuristischen Weltraum-Look. 1968 – Sexwelle. Dazu bescherten uns Saint-Laurent oder Cardin die durchsichtigen Blusen, und Rudi Gernreich liebte es gar ganz „oben ohne“. In diesem Modetheater übernimmt der Modeschöpfer die Rolle des Regisseurs. Wer in diesem Metier erfolgreich sein will, muß eine gute Nase haben.

In Berlin wird die „Goldene Nase“ anläßlich der „Interchic“ demjenigen angeheftet, der modisches Gespür gezeigt hat. Das Geheimnis des Erfolges: Die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt. Ist die Zeit noch nicht reif, erntet auch der beste Modemacher Hohngelächter. So geschehen anno 1911, als Drecoll und Beschoff-David in Berlin den Hosenrock vorstellten. Ein Aufschrei der Entrüstung ging durchs Land, die unzüchtige Hosenidee entpuppte sich als Flop. Zehn Jahre später war es dann doch soweit. Über den Umweg der „Arbeitskleidung“, einer Begleiterscheinung des Ersten Weltkrieges, schlich sich, nunmehr sittlich schutzgewährend, die Hose ein. Marlene Dietrich und Greta Garbo, die beiden prominentesten Hosenträgerinnen, verhalfen ihr dann zum Siegeszug, der bis zum heutigen Tag anhält.