Von Peter Jennrich

Der Film läuft aus, das Bild verblaßt und matt schimmert die Leinwand auf. In die Pause fällt die Standardformel heutiger Kongresse: „May I have the lights, please.“ Licht an, Fragen bitte.

Die erste Frage kommt, eine nächste und schließlich: „Was war das eigentlich für eine Zelle da, am linken Bildrand?“ „Das ist ein Makrophag“, eine Freßzelle, erläutert die charmante Wissenschaftlerin, „der siebeneinhalb Stunden lang versuchte, unter die Bindegewebszelle zu kriechen“.

Momentane Stille, dann Schmunzeln ringsum. Gelächter bricht los, vereinzelt Beifall gar. 3100 Teilnehmer waren zum 2. Internationalen Kongreß für Zellbiologie nach Berlin gekommen. 400 sitzen nun, an einem warmen Septemberabend, beisammen, und lächeln amüsiert: Sieben-undeine-halbe-Stunde –, armer kleiner Makrophag.

Die spontane Ovation galt einem Hunderte von Millionen Jahre alten Zauberwort der Evolution. Recognition heißt es im Jargon der Immunologie und bedeutet, dem australischen Nobelpreisträger Sir Macfarlane Burnet zufolge, das Erkennen von „körpereigen“ und „körperfremd“ – eine wahre Sisyphosarbeit, die beim Menschen einem diffusen, über die meisten Organe verteilten Zellsystem zufällt.

Die Funktion dieses körpereigenen Abwehrapparates, Immunsystem genannt, ist die Antwort auf eine Frage, die es von Jugend an, im Alter freilich weniger präzise stellt: Gibt es irgendwo eine „körperfremde“ Molekularstruktur, ein sogenanntes Antigen?

„Fremd“, das ist gleichbedeutend mit einer Kombination von Eiweiß- oder Zuckermolekülen auf Bakterienhüllen oder Zellmembranen, die dem „Weltbild“ des Immunsystems nicht entspricht. Diese Qualität vielzelliger Lebewesen kann auf mehr als 400 Millionen Jahre Evolution zurückblicken. Dem Menschen bescherte sie den leidlich funktionierenden Schutz vor Infektionen durch das Immunsystem – und eine Individualität, die ihn zum Leidwesen der Organtransplanteure von jedem anderen Menschen auf Erden unterscheidet (eineiige Zwillinge natürlich ausgenommen).