Von Lothar Ruehl

Brüssel, im Dezember

In die Zeit zwischen den Zeiten – die Phase des Übergangs von einem willensschwachen und verwirrten Amerika zu einer neuen Präsidentschaft unbekannter Kraft – fallen in Europa und im Orient neue Gefahren. Das Jahrrennt der Achtziger, von den politischen Propheten schon früh als eine Epoche weltweiter Friedensgefährdung angekündigt, hat die düsteren Vorhersagen schon in seinem ersten Kalenderjahr übertroffen. Die Nordatlantische Allianz, Fundament des Kräftegleichgewichts zwischen dem Westen und der russischen Kontinentalmacht Eurasiens, obendrein Festungswerk Europas gegenüber dem Osten, Prunkstück der politischen Weltordnungs-Architektur Amerikas in der Nachkriegsepoche, ist auf ihrem südlichen Vorfeld seit langem gefährlich entblößt. Auch in Europa selbst wird die mit dem Zement militärischer Kräfte immer wieder aufgefüllte Konstruktion gemeinsamer Sicherheit brüchig. Noch ist das Bündnis keine Potemkinsche Fassade wie die Sandbastionen der russischen Schwarzmeerfestungen zu Zeiten. Katharinas der Großen, die im Gewittersturm in die See rutschten. Doch fest ist der Bau der westlichen Verteidigung auch in Mitteleuropa nicht mehr. Die großen Pläne der Carter-Administration und des Generals Haig für eine Verdoppelung der amerikanischen Kampftruppen in Nordwesteuropa binnen zweier, Wochen, einer Verdreifachung der Zahl der Kampfflugzeuge binnen sieben Tagen, einer Kampffähigkeit für wenigstens 30 Tage ohne Erschöpfung der konventionellen Kräfte, sind noch immer nicht in Programme umgesetzt. Es ist unwahrscheinlich, daß die Ziellinie 1985 erreicht werden kann, gleichgültig, ob jeder Bündnispartner bis dahin seinen Militäretat in jedem Jahr um reale drei Prozent erhöht und das Geld auch auf Rüstung und erhöhte Kampfkraft aufwendet, statt nur auf Sold und Pensionen, Marketendern und Sanität.

Auch bei Arbeitslosenheeren in Millionenstärke und knappen Wertarbeitsplätzen in der westlichen Industriegesellschaft werden die freiwilligen Berufssoldaten nicht von selber zu den Fahnen kommen, jedenfalls nicht die Qualität, die in den technischen Streitkräften und für die Eliteverbände gebraucht wird. Das britische Beispiel weist dies aus, die amerikanische Entwicklung seit 1972 bestätigt es mit Eklat.

Eine der Hauptursachen für die unbestreitbare, wenngleich in Washington immer wieder grimmig bestrittene militärische Schwäche Amerikas in einer Zeit großer Gefahren ist der krasse Mangel an Dienstfähigen, Dienstwilligen und für das moderne Waffenhandwerk geeigneten Soldaten. Die amerikanische Weltmacht verfügt nicht mehr über die seetüchtigen Besatzungen, um ihre Flugzeugträger gleichzeitig einzusetzen; sie kann ihre Flotten nicht in Übersee halten, weil auf den Schiffen die Matrosen und Maate fehlen. Die Russen haben allein im Süden der Sowjetunion in der Bereitstellung für Einsätze im Mittleren Osten mit vier Luftlandedivisionen einen Verband mehr als die gesamte amerikanische Armee in ihrer strategischen Eingreifreserve. Die Flugzeugträgergruppen, die Carter nach längerem hin und her schließlich vor dem Persischen Golf aufkreuzen ließ, wurden von den drei anderen Flotten abgezogen und müssen seither in einer weltweiten Rotation abgelöst werden.

Die Seeverteidigung des Nordatlantik ist gegenüber der stetig wachsenden russischen Flottenstärke und den modernen russischen Kriegsschiffen nicht mehr gesichert. Die europäischen Küstenstaaten, die für ihre Rohstoffversorgung und damit für ihre wirtschaftliche Sicherheit, für ihren Wohlstand und für ihren Anteil an den Weltmärkten als Handel und Seefahrt treibende Nationen auf freie Küsten und Seewege angewiesen sind, die im Kriegsfall oder im Falle einer Handelsblockade davon abhingen, daß Frachtschiffe und Tanker sicher in ihre Häfen kommen und diese mit Ladung wieder verlassen können, haben längst nicht mehr die Flotten, die sie eigentlich brauchten. Die Mängel lassen sich nicht einfach durch Ausgabenbeschlüsse und neue Schiffsbauprogramme in wenigen Jahren beheben. Große Programme für gemeinschaftliche Anstrengungen bedürfen der weiten Perspektive auf einen gemeinsamen Horizont.

Leuchtet der Polarstern – Symbol des Atlantikpaktes – den Navigatoren der Nato, des ersten die nördliche Hemisphäre umspannenden maritimen Bündnisses zwischen Nordamerika und Europa, nicht mehr zur Orientierung? Die Verletzlichkeit der Nordflanke zwischen Norwegen und Kanada läßt den Lebensraum der Allianz, deren geographische Mitte im Ozean liegt, ebenso gefährlich offen für das Eindringen feindlicher Macht wie die entblößte Südflanke, die immerhin vor dem Mittelmeer noch vom türkischen Sperrblock gedeckt ist.