Verbringen Sie Ihre Ferien an der Côte d’Azur?“ fragt mein Sitznachbar auf dem Flug von Frankfurt nach Nizza höflich, während er genüßlich in ein pappiges Käsesandwich beißt, aus dem ein schlaffes Salatblatt hängt. „Ich werde einen Intensivsprachkurs in Französisch absolvieren“, informiere ich ihn, jedoch ohne in mein Sandwich zu beißen. Was sollte ich denn auch, an der Côte d’Azur warteten ganz andere kulinarische Genüsse: nach Nizza – der Sprache und des Essens wegen.

„Der dreiwöchige Intensivsprachkurs in Nizza bietet täglich – montags bis freitags – sechs Unterrichtsstunden à 40 Minuten“, so steht es im Prospekt eines Sprachreise-Veranstalters. „Die Teilnehmerzahl von maximal sieben Personen ermöglicht eine konzentrierte und enge Zusamenarbeit innerhalb der Gruppe, die nach einem Eingangstest entsprechend den Vorkenntnissen der Teilnehmer zusammengestellt wird. Die Entwicklung eines natürlichen Sprachflusses und Übungen in „freier Rede“ stehen im Vordergrund des Kurses. Die Unterbringung erfolgt bei französischen Familien mit Vollpension.“

„Voilá Madame, Rue Sevigne!“ Der Taxifahrer stoppt vor einem achtstöckigen Neubau am Stadtrand von Nizza. Familie P. wohnt im fünften Stock. In der Dreizimmerwohnung werde ich von Großeltern, zwei fast erwachsenen Enkelkindern, der Katze Snoopy und Madame P. willkommen geheißen. Monsieur ist rechtzeitig in die Ferien gefahren. Mir wird das Zimmer der vierzehnjährigen Tochter zugewiesen, die meinetwegen aufs Land geschickt wurde. Ein Raum von acht Quadratmetern, vollgestopft mit Stofftieren und Puppen, sollen meine Umgebung für die nächsten drei Wochen sein. Es beschleichen mich erste Zweifel an meinem Urlaubsarrangement.

Madame P. bittet zum Abendessen. Wir sitzen in Harmonie mit einigen Wellensittichen auf dem Balkon. Die Familie ist liebenswürdig, die Konversation meiner geringen Sprachkenntnisse wegen schleppend, der Blick auf den Teller getrübt: Von der ersehnten französischen Küche ist nichts zu schmecken, Madame liebt – Dosen.

Um acht Uhr finde ich mich am nächsten Morgen in der Inlingua-Sprachschule in der Rue de l’Hôtel-des-Postes ein. Nach einem schriftlichen Test werde ich der mittleren Gruppe zugeteilt. Wir sind fünf Schüler: Maria, eine Lehrerin aus Spanien, die gleich sechs Wochen in Nizza bleiben will; Elisabeth, eine Sekretärin aus Hannover, sowie Ulli und Klaus aus Hamburg, der eine Student, der andere Gymnasiast.

„Bonjour“, unsere Lehrer stellen sich vor: Monsieur Clermont, zuständig für unseren Vokabelschatz; Madame Delfino liest und diskutiert aktuelle Zeitungstexte und Mademoiselle Foch wird versuchen, uns die verschlungenen Wege der Grammatik zu ebnen.

Wir haben täglich drei Doppelstunden à 40 Minuten. Vom ersten Moment an wird nur Französisch gesprochen. Die erste Woche ist hart, der Tagesrhythmus noch ungewohnt, von acht bis 13 Uhr Unterricht mit nur wenigen Minuten Pause. Erst jetzt merke ich, wie wenig Französisch ich eigentlich kann. Den anderen ergeht es nicht besser. Beim Pastis im Café an der Ecke bauen wir uns gegenseitig wieder auf. Ich fühle mich in meine Schulzeit zurückversetzt.