Verbrechen in den Medien

Von Joachim Wagner

Eines kann Professor Hans-Joachim Schneider nach seinem neuesten Ausflug in die Welt von Literatur, Unterhaltung und Massenmedien bestimmt für sich beanspruchen: Erfinder einer neuen Art von Literaturkritik zu sein, von „kriminologischer Literaturkritik“. Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ vermag seiner Meinung nach zwar „gefühlsmäßig Verständnis“, aber keine rationelle Einsicht in kriminelle Phänomene“ zu vermitteln. Arthur Canon Doyl’s Detektivgeschichten von Sherlock Holmes sind „kriminologisch unergiebig, weil Verbrechensverursachung und -Verbreitung in ihnen keine Rolle spielen“. Noch ärger trifft es Mario Puzo, den Autor des „Paten“. Ihm bescheinigt Schneider, daß er von der „Sozio- und Psychodynamik der organisierten Kriminalität nichts verstanden habe.

Die Frage, ob Döblin, Sherlock Holmes oder Puzo Kriminologie überhaupt interessierte oder aber interessieren mußte oder ob sie sich als Schriftsteller bei der Schilderung von Verbrechen nicht allein auf ihre eigene Beobachtung und Phantasie verlassen durften, ficht den Kriminologie-Professor Hans-Joachim Schneider nicht an. Fehlende Distanz gegenüber seiner Fachdisziplin verleitet ihn zu einer teils falschen, teils vorschnellen Kritik an der Kriminalitätsdarstellung in Kriminalromanen und Filmen, Comic-Strips, Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen:

Hans-Joachim Schneider; „Das Geschäft mit dem Verbrechen“; Kindler Verlag, München 1980; 256 S., 29,80 DM.

Schneiders zentrale These ist, daß Kriminalromane und -filme sowie Zeitungen, Funk und Fernsehen durch wissenschaftlich „fehlerhafte“ und „unhaltbare“ Kriminalitätsdarstellung ein verzerrtes Bild der Kriminalität zeichnen. Dadurch werde Verbrechensvorbeugung und -bekämpfung erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht, „weil jede erfolgreiche Verbrechenskontrolle die Einsicht der Bevölkerung in die kriminelle Wirklichkeit“ voraussetze. „Falsch verstand denen Journalismus“ habe „in unheilvoller Weise auf Strafgesetzgebung und -anwendung eingewirkt“ und Fernsehnachrichten „Unmittelbare Furcht vor Gewaltkriminalität und mittelbar ein soziales Klima der Bedrohung erzeugt“.