ARD, Sonntag, 7. Dezember, 21.10 Uhr: "Grabbes letzter Sommer", Film von Thomas Valentin

Einen "betrunkenen Shakespeare" nannte ihn Heinrich Heine, den unglücklichen Dichter Christian Dietrich Grabbe, der damals, als er 1836 sein letztes Drama, "Die Hermannsschlacht", schrieb und kurz darauf starb, so wenig bekannt war wie heute, ein Mann, dessen Kindheit düster begann, als Sohn eines Gefängnisdirektors, geboren und aufgewachsen in Kerkermauern, der seinen bürgerlichen Beruf des Advokaten haßte und der die dramatische Dichtkunst liebte, ohne daß die Zeitgenossen ihn als Dichter geliebt hätten, der sich im Alkohol ertränkte und der fünfunddreißigjährig im Kreis der wenigen Freunde starb.

Ein trauriges Leben, konvulsivisch durchzuckt von Anfällen der Genialität und des Irrsinns. Thomas Valentin hat es in seinem neuen Roman "Grabbes letzter Sommer" beschrieben und ein gleichnamiges Fernsehspiel daraus gemacht. Wir sehen Grabbe, den Wilfried Grimpe spielt, als einen zarten, verletzbaren Mann voll hochfliegender Pläne, voll scharfen Verstands und toller Einfälle. Er scheitert an seiner Welt, in der politischer Stillstand und kulturelle Flachheit herrschen.

Krank und müde kehrt er aus Frankfurt, wo sein Verleger ihn fallen ließ, und aus Düsseldorf, wo Immermann ihm nicht helfen konnte, ins heimische, verhaßte Detmold zurück ("Ich wollte nicht meines Verlegers Kettenhund werden und nicht Immermanns Blutegel"). Dort findet er bei seiner Frau (Renate Schroeter), die ihn auf ihre spießig-harmlose Weise liebt, Aufnahme.

Er sitzt auf dem Biedermeier-Sofa vor der blau-geblümten Tapete, in Furcht vor der drohenden Versöhnung, zugleich darauf hoffend, und betrachtet mit wachsendem Ekel die Porzellanfigürchen und den Kanarienvogel. Die alte Enge, vor der er geflohen war, bedrückt ihn aufs Neue. Und dann kommt sie, bietet steif und höflich Wein an, was eine besondere Freundlichkeit, von ihr ist, da sie sein Trinken haßt. Sie sitzen nebeneinander, verlegen, sprachlos, eine lange Weile.

Das ist eine jener typischen Szenen, in die man sich hineinsehen muß, sich gewöhnen muß an das Zeitlupentempo, mit dem hier erzählt wird. Filmzeit und gefilmte Zeit sind, zumindest für den Augenblick der einzelnen Szene, identisch.

Dieses Stilmerkmal ist kennzeichnend für den Filmregisseur Sohrab Shadid Saless, der, von Hause aus Perser, seit 1974 in der Bundesrepublik lebt und für seine eigenwilligen Filme schon mehrfach ausgezeichnet wurde. In seinem jüngsten, "Ordnung" (1979), zeigt er einen Mann, den eine verständnislose und stupide Umwelt (besonders seine Frau) immer tiefer in eine völlige Apathie hineintreiben. Auch hier entfaltet Saless seine Strategie der Verlangsamung. Seine Bilder berichten nicht über etwas, sondern sie sind das, was sie zeigen: ruhige, tödlich ruhige Vergegenwärtigungen eines Absterbens.