Von François Bondy

Mit fünfhundert Seiten Text, 34 Seiten Fußnoten, 17 Seiten Literaturangaben und einem willkommenen Glossar amerikanischer politischer Ausdrücke, ferner einem Personen- und Sachregister – in deutscher Ausgabe fehlt oft ein solches selbst bei Büchern, denen es unentbehrlich wäre – wird ein Werk vorgelegt, das über Staat und Gesellschaft informiert:

Hartmut Wasser: „Die Vereinigten Staaten. Porträt einer Weltmacht“; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1980; 552 S., 48,– DM.

Es ist Lesestoff – das Buch ist gut geschrieben – und zugleich Arbeitsmittel. Respekt vor dieser Leistung, Anerkennung ihres Nutzens sind geboten. Das sei den in der Folge ausgedrückten Einwänden vorangestellt.

Unter den behandelten Themen – politische Kultur, Verfassung, Institutionen, Willensbildung, Krisenphänomene – spielt das Titelthema „Weltmacht“ die geringste Rolle. Ihm sind nur siebzig Seiten gewidmet, und dieser Umfang wird noch entschuldigt, als sei es zu viel: „Wo es um das politisch-soziale Porträt eines Gemeinwesens geht, mag auf den ersten Blick die Analyse seiner außenpolitischen Zielsetzungen und Verhaltensweisen als störender Fremdkörper erscheinen.“ Dennoch gehöre „heute die Außenpolitik zum Portrait eines Gemeinwesens Einige Entwicklungen werden skizziert, einige amerikanische Interpretationsmuster kritisch geprüft – dies so treffend, daß die Knappheit des betreffenden Abschnittes um so mehr zu bedauern ist.

Die Gemeinschaft also, nicht ihr Aufstieg zur Weltmacht, ist das Thema. In seiner Vorrede zum Standardwerk. „Die Vereinigten Staaten von Amerika seit 1917“ (dtv 1978) schrieb Erich Angermann, eine Nation könne nur mehr „im Blick auf die ganze Welt verstanden werden“, eine nationale Geschichte der USA sei „streng genommen ein Unding“. Doch wenn es sich um die Besonderheit amerikanischer Einrichtungen, Ideologien, Probleme handelt, ist Hartmut Wassers Perspektive gültig. Ob freilich sein Werk die „Lücke in der deutschen Amerikaliteratur schließt“, die „zwischen einem expertenorientierten Schrifttum und aktualitätsbezogener Reportage klafft“ – das eben ist die Frage, die hier zu diskutieren ist.

Zunächst sei die Aktualitätsnähe bewundert. Über Ereignisse von 1979 und 1980, über Präsident Carter und Kandidat Reagan, sogar über die Finanzierung eines Komitees, das sich – erfolgreich, wie wir jetzt wissen; – die Niederlage der Senatoren Church, Bay, McGovern zum Ziel gesetzt hatte, werden wir unterrichtet. Nur, wird dieser Vorzug nicht mit Nachteilen erkauft? Ein Beispiel: auf Seite 309 erfahren wir, daß Präsident Carter „seit 1979/80 die Verteidigungskosten kontinuierlich ansteigen“ lasse. Doch wird nicht mitgeteilt, daß diese Kosten von Carter in früheren Jahren gesenkt wurden, während die sowjetische Rüstungsanstrengung besonders stark anstieg. Verteidigung ist ein Verhältnisproblem für eine Macht unter Mächten. Wenn hier die andere Weltmacht nicht vorkommt, ist es, als würden im Bericht über eine Schachpartie nur die Züge von Weiß angegeben.