Dieses Buch kann einen ganz verrückt machen, weil man darin kein Ende finden möchte. Man schlägt es auf, man blättert es durch, man blättert es zurück, man vergleicht, man genießt die Wiederholungen, denkt Gedanken immer noch einmal Und ein Stückchen weiter und hat nicht übel Lust, in viele der annähernd vierhundert Zeichnungen hineinzukriechen und dann mit weit aufgerissenen Augen darin herumzuspazieren und: die „architektonischen Situationen“ auszuprobieren, auszukosten, fröstelnd oder belustigt; oder auch nur staunend. Tatsächlich ist man Von der ersten bis zur 380. Seite dieses Bilder-und Gedankenbuchs damit beschäftigt, den Titel zu ergründen: „Architektonische Situationen“ und sich dabei vom Untertitel leiten zu lassen: „Zeichnungen und Überlegungen von Hans Dieter Schaal“, einem ebenso gescheiten wie sensiblen Architekten, der sich gern mit Feder und Tusche ausdrückt. Thema dieses Buches (des zweiten dieser Art) sind der Raum und seine Erzeugung vermittels Architektur, sind die dabei obwaltenden psychischen, physischen, auch die metaphysischen Bedürfnisse des Menschen. Das sei, sagt Schaal, „keine wissenschaftliche Arbeit, sondern eine Anregungspartitur, offen für eigene Gedankenflüge“. Sein Inhalt sind gezeichnete, knapp und treffend kommentierte Denkspiele. Sie beginnen gewissermaßen im Weltraum und enden im Schlafzimmer, nein, in der allerletzten Ruhestätte, und dann wieder im All. Man begegnet vielen Räumen, vielen denkbaren Häusern, erhungerten, erträumten, gefühlten und verwunschenen, zugewachsenen ebenso wie transparenten Häusern. Man wird mit den Verhältnissen von Tür und Fassade, von Stadt und Raum bekannt, begegnet immer wieder sich selber in vielerlei Wohnräumen und fühlt sich aufgehoben in dem Satz: „Jeder Mensch ist eine Burg“. Das ungewöhnliche Buch wird hoffentlich nicht nur (aber auch) Architekten in die Hände fallen, sondern „Architekturbenutzern“. Hans Dieter Schaal ist ein hervorragender Zeichner, er ist ein philosophierender Architekt, auch ein (Wieder-) Entdecker, denn, schreibt Frank Werner in seinem ambitionierten Vorwort: „die Beschäftigung mit dem architektonischen Raum ist immerhin so alt wie die abendländische Baugeschichte selbst“. Das Räumebilden ist noch viel älter. (Verlag Hans Dieter Schaal, Ruppertshoferstraße 2, 7951 Attenweiler, 1980; 380 S., ca. 400 Zeichn., 56,– DM.) Manfred Sack