Jens Christian Jensens Werkmonographie Paul Wunderlichs

Von Fritz J. Raddatz

Nach den unterschiedlichsten essayistischen Deutungsversuchen – von Max Base bis André Pieyre de Mandiargue – liegt jetzt die erste profunde Werkmonographie zum Œuvre des so viel gescholtenen wie viel gepriesenen Malers und Lithographen Paul Wunderlich vor –

Jens Christian Jensen: „Paul Wunderlich – Eine Werkmonographie“; Edition Volker Huber, Offenbach, 1980,255 Seiten; Vorzugsausgabe A mit dem Werkverzeichnis der Originale und der Mappe „Les Femmes“, die drei signierte Originallithographien enthält, Ganzleinen mit Schutzumschlag, 590,– DM; Ausgabe B, mit einer handsignierten Originallithographie „Kleiner Torso“, gebunden, 98,– DM; broschierte Ausgabe, fadengeheftet, 28,– DM.

Wunderlich hat da einen Interpreten gefunden, der keineswegs voller kritikloser Huldigung arbeitet, der aber endlich leistet, worauf man lange gewartet hat: eine gründliche kunsthistorische Einordnung von Wunderlichs Œuvre.

Jens Christian Jensen, dessen Untersuchungen zum 19. Jahrhundert Rang haben und dessen. Ausstellungspolitik (mit dem Schwerpunkt auf der Moderne) an der Kunsthalle Kiel, deren Direktor er ist, seine Kompetenz für das Zeitgenössische in der Kunst beweisen, legt mit diesem ersten von insgesamt vier Bänden eine Analyse von verblüffender Stringenz vor. Mit so leichter wie souveräner Hand schafft er gleich zu Beginn das obligate Party-Gesabbere vom Tisch, das gefällig und modisch Wunderlich das Gefällige, Modische vorhält, ihn des schicken Kitsches zeiht. Die Diskrepanz zwischen dem Ergebnis zwanzigjähriger bildnerischer Arbeit, die ihren Niederschlag in 133 Einzelausstellungen buchstäblich in der ganzen Welt fand, und dem Umstand, daß deutsche Museen (im Gegensatz zu ausländischen) kaum Gemälde, Zeichnungen und Plastiken, allenfalls Graphik von Wunderlich erworben haben, bezeichnet Jensen kühl und genau:

„Deutschland hat bisher keinen erotischen Bildkünstler von Format hervorgebracht. Dieses Gebiet galt vor Wunderlich als französische, allenfalls wienerische oder angelsächsische Domäne. Alle Namen, die einem einfallen – Felicien Rops, Gustav Klimt, Aubrey Beardsley, Egon Schiele – beweisen nur diese Feststellung. Überdies hat in der deutschen Fach-Kunstgeschichte das Erotische nie als seriöser Forschungsgegenstand gegolten. Arbeiten auf diesem Gebiet kamen in der Regel von Außenseitern (die es in diesem Sinne auch nur in unserem Land gibt) wie Wilhelm Hausenstein, Eduard Fuchs oder heute Peter Gorsen. So stößt Wunderlichs Thematik hier in Deutschland auf offenes oder verdecktes Mißtrauen, das von Zweifeln an ihrer bourgeoisen Integrität genährt wird – so merkwürdig eben diese Vorbehalte auch berühren, wenn man das in einer Zeit scheinbarer Freizügigkeit konstatieren muß.