Asien rechnet mit einer aktiveren Politik

Von Gabriele Venzky

Elf Tage ist Ray Cline, außenpolitischer Berater des zukünftigen amerikanischen Präsidenten Reagan, durch Asien gereist, um Optimismus und Zuversicht zu verbreiten. Zwar versicherte er immer wieder, er sei "rein privat" unterwegs. Doch er konnte nicht verhindern, daß seine Worte als die Meinung des neuen Mannes im Weißen Haus interpretiert wurden; schließlich hatte sich Reagan in ähnlicher Weise bereits während des Wahlkampfes geäußert.

Unbeeindruckt von der Tatsache, daß ja auch die Regierung Carter in jüngster Zeit damit begonnen hatte, vorsichtig ihre Asienpolitik umzuformulieren, verkündete Cline noch am Wochenende, nun sei Schluß mit Washingtons unverantwortlicher Vernachlässigung des asiatisch-pazifischen Raumes. Sein Präsident werde sich nicht durch ein wie auch immer geartetes Vietnam-Trauma lähmen lassen. Im Gegenteil: Reagan werde eine aktive und klare Politik betreiben, die das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit Amerikas wiederherstellen würde. Alle Zuhörer konnten nur einer Meinung sein: Die Vereinigten Staaten bereiteten sich darauf vor, in Zukunft wieder in der Region präsent zu sein.

Gefährdet und instabil

Solche Töne finden in den Staaten Südostasiens, in Thailand, Malaysia, Singapur, Indonesien und auch auf den Philippinen, offene Ohren. Zwar wollten sie vor zwei Jahren noch aus ihrem Gebiet eine Zone des Friedens und der Neutralität formieren, in der die Großmächte nichts zu suchen hätten. Doch die vietnamesische Invasion in Kambodscha hat die Situation grundlegend verändert. Auch der gegenwärtige massive Aufmarsch vietnamesischer Divisionen an der thailändisch-kambodschanischen Grenze und die Möglichkeit, daß der Krieg auch in das südostasiatische Königreich hineingetragen wird, machen deutlich, wie gefährdet und instabil die Region, ist.

Demonstrativ hatte bereits die Regierung Carter im Sommer verstärkte Waffenlieferungen an Thailand aufgenommen. Die in Bangkok allmächtigen Militärs äußerten sich zufrieden. In Zukunft werden sie aber noch besser bedient werden, gemäß der Devise: Amerikas-Freunde müssen mindestens ebenso gut ausgestattet werden wie die von den Sowjets aufgerüsteten Vietnamesen.