Der Bundeskanzler findet keinen neuen Kommissar

Von Wolfgang Hoffmann

Das Personalgerangel um die Benennung des zweiten deutschen EG-Kommissars in Brüssel bekam am Ende noch eine spannende Note. Kurt Biedenkopf, Oppositionsführer im Düsseldorfer Landtag, Wunschkandidat des Bundeskanzlers, tat sich mit seiner endgültigen Entscheidung schwer: Zunächst hatte er die Offerte abgelehnt; danach war wieder alles offen; am Dienstagmittag kam das definitive Nein.

Ein Gespräch mit dem Bundeskanzler hatte noch eine Wende bringen sollen. Wenige Stunden vor Biedenkopfs Absage ging es sogar noch um Termine. So drängte sich der Verdacht auf, als wolle Biedenkopf seine Zu- oder Absage von der Anzahl der Streicheleinheiten abhängig machen, die der Kanzler ihm zugedacht hatte. Dessen Pläne sahen ursprünglich vor, die Neubesetzung der Kommission, die am 1. Januar eine neue Amtsperiode antritt, schon auf dem am Dienstag beendeten Gipfeltreffen der europäischen Regierungschefs zu erörtern und festzulegen. Doch Schmidt, sonst gern Lehrmeister in Europafragen, mußte passen. Er kam mit leeren Händen nach Luxemburg. Wieder in Bonn, war er sogar um eine Hoffnung ärmer.

Dabei ist die deutsche Vakanz seit Monaten bekannt, seit nämlich Guido Brunner seine Bundestagskandidatur für die FDP angemeldet hat. Er hatte sogar einen sicheren Platz; Ungewißheit herrschte nur, ob die FDP am 5. Oktober die Fünf-Prozent-Hürde schaffen werde. Die Gewißheit darüber liegt nun auch schon zwei Monate zurück.

Es gab auch schon eine lange Liste potentieller Brunner-Nachfolger, ernstzunehmende Bewerber ebenso wie Spiel- und Zählkandidaten. Wer ist nicht alles genannt worden: Martin Bangemann, Hildegard Hamm-Brücher, Liselotte Funcke von der FDP; Rainer Barzel, Kurt Biedenkopf, Ernst Müller-Hermann, Alfred Dregger, Egon Alfred Klepsch, Walter Leisler Kiep, Heinrich Aigner, Karl Heinz Narjes von der Union; Katharina Focke von der SPD war ebenso ins Spiel gebracht worden wie der einstige Bundespräsident Walter Scheel.

In Brüssel wurde mit Spott und Hohn nicht gespart. Spitze Zungen witzelten, die Ägypter graben ihre Mumien jetzt wieder ein, die Deutschen hingegen graben sie aus. Andere empfahlen der Bundesregierung, eine Stellenanzeige aufzugeben: dann werde sich schon ein Bewerber melden, der den Ansprüchen genügt. Wieder andere baten um Verständnis für Bonns Personalnöte; schließlich seien Facharbeiter in Deutschland seit langem Mangelware.