Neben Jaspers, Husserl, Heidegger ein Großer

Von Willy Hochkeppel

Kurz nach dem Tod von Max Scheler am 19. Mai 1928 gedachte Martin Heidegger, der damals schon in dem Ruch stand, der Größte unter den Denkern seines Jahrhunderts zu sein, des Verstorbenen als der stärksten philosophischen Kraft „im heutigen Deutschland, nein, im heutigen Europa – sogar in der gegenwärtigen Philosophie überhaupt.“ Er erinnerte an dieses Mannes „wahre Besessenheit durch die Philosophie, der er selbst nicht Herr wurde“, und sah mit Schelers Tod abermals einen „Weg der Philosophie ins Dunkel zurück“ führen.

Im Dunkel abgelebter Geschichte ist Max Scheler über eine Generation lang, bis in die jüngste Gegenwart, versunken geblieben. Was er an Bedenkenswertem hinterlassen hat, schien längst aufgearbeitet, umgedacht oder vom Wissensdrang verbraucht zu sein. Er selbst hatte sich in den hektischen, wechselvollen Phasen seines intellektuellen und äußeren Daseins eigentlich immer schon selbst überholt. „Ich habe meine Dummheiten nie mitgemacht“, versicherte er einmal augenzwinkernd einem Freund. Und der Wegweiser, so meinte er, muß nicht den Weg gehen, den er zeigt.

Als Wegbereiter einer Epoche wird Scheler indes in den Annalen der Geistes- und Philosophiegeschichte eingereiht unter die Unvergänglichen, die Husserl, Heidegger, Max Weber oder Jaspers. Auch die Sekte der Phänomenologen hält ihm natürlich als einer ihrer Vaterfiguren die Treue. Doch dies Andenken der Zünfte hat eher eine Erstarrung bewirkt, aus der sich die Figur Schelers dank einem neuen, neugierig gewordenen Publikum seit kurzem wieder zu lösen beginnt. Sei es im Zeichen einer allgemeinen Inventur der ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts – der schwer Fixierbare wird wieder gelesen, nicht nur bei uns; und nicht nur von den Experten.

Als Scheler 1928 in Frankfurt starb, war er erst 53 Jahre alt und stand auf einem neuen Zenith seiner an Aufstiegen und Fällen reichen Karriere. Er hatte vieles vorgemacht, alles mitgemacht, mitgelebt, was das erste Viertel des neuen Jahrhunderts an Hoffnungsvollem und Zukunftsweisendem, vor allem aber an Wirrem und Sinistrem wirklich werden ließ.

Scheler, mütterlicherseits jüdischer Herkunft, fand alsbald zum katholischen Glauben, distanzierte sich später von ihm, fand wieder zur Kirche zurück, fiel schließlich ganz von ihr ab. Er war Jude, Christ, Theist, Pantheist und am Ende Verkünder eines impotenten Gottes. Als Chauvinist und Militarist berauschte er 1915 sich und die Nation mit einer Schrift „Der Genius des Krieges und der Deutsche Krieg“, repetierte darin Platitüden, beschrieb Krieg und Frieden als natürlichen Lebensrhythmus wie’s Ein- und Ausatmen. Schon ein Jahr darauf hatte er sich überwunden, denkt später europäisch und demokratisch und visiert kurz vor seinem Tod ein „Zeitalter des Ausgleichs“ an, in dem sich alle menschlichen Kräfte zum totalen Menschen vereinigen sollen. Gegen 1923 wandelt sich Scheler zum Liberalen mit aufklärerischer Attitüde gegen den lebensphilosophischen Irrationalismus namentlich der Jugendbewegung, auf die er einst gesetzt hatte, und ficht als Begründer einer objektiven Wertehierarchie gegen den resignativen Relativismus der „röhrenden“, „goldenen“ Zwanziger Jahre.