Bruder Josef, wie der Landwirtschaftsminister Josef Ertl manchmal halb liebevoll, halb spöttisch genannt wurde, erfährt in diesen Tagen wenig brüderlichen Trost. Die Solidaritätsbekundungen aus seiner Partei beschränken sich auf ein karges Mindestmaß. Ertl bleibt Minister, erklärte Genscher lapidar. Man hat schon engagiertere Verteidigungsreden für Parteifreunde gehört, die ins Kreuzfeuer der Kritik geraten sind. Und daß der Bayer auf dem Münchener FDP-Parteitag Ende dieser Woche seinen Platz im Präsidium räumen wird, haben die meisten Liberalen ohne Trauer zur Kenntnis genommen.

Dabei sind es weniger die Spenden-Affären, die Ertl in Schwierigkeiten gebracht haben. Selbst seine Gegner glaubten ihm, daß er das Geld, das ihm zugesteckt wurde, nicht für sich selber verwendet hat. Daß er die Gelder über sein eigenes Konto laufen ließ, halten sie allerdings für eine unverzeihliche Dummheit, die einem erfahrenen Politiker nicht hätte passieren dürfen. Indes ist Ertl bei dieser Gelegenheit wohl klargeworden, daß sich die Reihen seiner Freunde arg gelichtet haben.

Hat sich der Politiker Ertl überlebt? Neben Schmidt, Genscher und Franke gehört er zu den dienstältesten Kabinettsmitgliedern. Zu Beginn der sozialliberalen Koalition war er – eine wichtige Figur – der Mann, der den konservativen Flügel der FDP bei der Stange hielt; aber sich diesen „Grenznutzen“ durch pflegliche Behandlung seiner Person und der Landwirtschaft auch honorieren ließ. Damals wurde hinter vorgehaltener Hand das Bonmot verbreitet, die Ostpolitik sei eine Funktion der Milchpreise.

Inzwischen ist Ertl für den rechten FDP-Flügel keine Leitfigur mehr; seine Landwirtschaftspolitik und seine Vorstellungen von Naturschutz haben rechts wie links in der FDP Kritiker gefunden. Vermutlich wird die Partei ihn in München noch einigermaßen pfleglich behandeln. Aber das ändert wohl nichts an dem Befund: Josef Ertls Karriere geht ihrem Ende entgegen. -el