Am 7. Dezember wählt Portugal seinen Präsidenten

Von Volker Mauersberger

Coimbra, im Dezember Als habe er seine Rede noch nicht beendet, legt Ramalho Eanes urplötzlich eine lange Pause ein und tritt einen Schritt hinter das Saalmikrophon zurück. Immer noch hält er in der linken Hand das Manuskript umklammert, das er. während seiner Ansprache kein einziges Mal benutzt hat. Sehr aufrecht, fast steif steht er da und blickt regungslos, fast kühl in die Menge hinunter, die am Ende dieser kahlen, mit grünroten Papiergirlanden drapierten Versammlungshalle in undeutlichen Konturen verschwimmt. In der verrauchten, von weißem Neonlicht kaum erhellten Dämmerung kann er gerade noch die Transparente lesen: „Vota sim – Eanes o Presidente.“ Doch das wilde Fahnenschwingen hat aufgehört, ebenso die Sprechchöre, die seine Ansprache, immer wieder mit rhythmischen „vitória“-Rufen unterbrochen haben. Die kleine, unerwartet eingelegte Kunstpause läßt schlagartig Ruhe einkehren. Für die Eingeweihten, mit der Dramaturgie dieser Wahlveranstaltung vertrauten Experten dauert sie so lange, daß sie irritiert zum Podium hinaufblicken. Doch nun tritt Staatspräsident Ramalho Eanes an das Mikrophon heran, umklammert es fast hilfesuchend mit der rechten Hand und ruft in den Saal: „Es leben die Portugiesen. Es lebe Portugal.“

Erst in diesem Augenblick löst sich die Spannung: Das harte Stakkato dieser Sätze wird von den Klängen der Nationalhymne zugedeckt, die aus riesigen Lautsprechern losdröhnt. Doch selbst jetzt, auf dem Höhepunkt der Begeisterung, wirkt General Eanes wie ein Mann, der sich Emotionen nicht leisten kann: blaß und ein wenig todernst, den Mund zu einem schmalen Strich verzogen. Fast abwesend läßt er die Ovationen über sich ergehen, als müsse er sich nach diesem Wahlabend in Coimbra schon auf den nächsten Auftritt konzentrieren.

Selten hat sich ein Mann um das höchste Staatsamt in Portugal beworben, der so wenig in die Rolle eines populären Wahlkämpfers passen will. Die Berater des sechsundvierzigjährigen Eanes, der sein Amt bis zur Entscheidung am 7. Dezember an den Parlamentspräsidenten übertragen hat, haben ihm fast einen mörderisch anmutenden Wahlkampf diktiert.

Für seine Wahlkampf-Planer entscheidet sich hier, im Distrikt von Aveiro, die bevorstehende Präsidentenwahl: Noch bei der Parlamentswahl am 5. Oktober hatte die bürgerlich-konservative Alianca Democratica mit knapper Mehrheit vor Sozialisten, und Kommunisten gelegen. In der kleinen Ortschaft Mealhada war das Ergebnis sogar so knapp gewesen, daß zwischen den Parteien ein numerischer Gleichstand herausgekommen war. Zur Verblüffung aller Wahlkampfexperten hatte bei der anschließenden Nachwahl der sozialistische Kandidat gesiegt. Zeigte dieses Ergebnis nicht schon an, daß nun mit einer Trendwende zu rechnen war?

Zwölfmal war Ramalho Eanes in den kleinen, von Arbeitslosigkeit geplagten Dörfern aus dem Auto gestiegen, war vor tausend, zuweilen auch zweitausend Wartenden auf ein rasch improvisiertes Podium geklettert und hatte in seiner spröden, tonlosen Art versprochen, daß er ein Präsident für alle Portugiesen, „todos os portugueses“, sein wolle. Immer wieder hatte, er gesagt, daß es bei. seiner Wiederwahl „keine Kriege“ zwischen ihm und der parlamentarischen Mehrheit geben werde: Stets war bei dieser Stelle seiner kurzen, kaum vier Minuten dauernden Ansprache der Beifall aufgeflackert, als hätten alle seine Zuhörer die geheime Anspielung verstanden. Doch immer hatte er sich geweigert, aus seiner Reserve herauszugehen und seine Gegner frontal anzugreifen: den Drei-Sterne-General Soares Carneiro, der oft erst am Vortag an der selben Stelle gestanden hatte, von der General Ramalho Eanes nun zu seinen Anhängern redete. „Ich antworte nicht auf Verleumdungen“, sagte er in Figuera da Foz. „Aber ich habe stets gehalten, was ich versprochen habe.“